Seit den 2010er Jahren spukt ein „neues“ Genre durch die Kinos. Das Qualitätssiegel des Elevated oder Art Horror verspricht tiefgründigen kunstvollen Schrecken, aber was steckt dahinter?
„Kein anderes Filmgenre bietet die gleiche geheimnisvolle Vorfreude, wenn man einen dunklen Kinosaal betritt. Kein anderes setzt Ton und Bild so kraftvoll ein. Das Kino ist der Ort, an dem wir einen kollektiven Traum teilen, und Horrorfilme sind die traumhaftesten von allen, vielleicht weil sie sich um unsere Albträume drehen“ – Mark Gatiss
Der Horrorfilm beginnt 1896 wie so ziemlich jedes andere Genre mit Regisseur Georges Méliès. Sein Le Manoir du Diable ebnete den Weg für die Art von Film, die auch weit über ein Jahrhundert später noch nicht aus dem Kino wegzudenken ist.
Über den deutschen Expressionismus der 1920er, die Geburtsstunde ikonischer Figuren wie Dracula oder Frankensteins Monster, viele Krisen und Wiedergeburten entstanden bis heute schier endlos viele Subgenre. Neben Tiktok Hypes und Mainstream-Horror, Body-, Gothic-, Splatter- oder Monster-Horror hat sich auch ein „neues“ Genre in die Herzen des Publikums gefürchtet: Elevated Horror.
Erhabener Horror
Zum ersten Mal wird der Begriff in den 2010er Jahren erwähnt. Robert Eggers The VVitch und The Lighthouse, wie auch Ari Asters Hereditary und Midsommar halten häufig als Paradebeispiel her. Unter dem noch sehr jungen Produktionsstudio A24 konnten die beiden in ihren Spielfilmdebuts schon ihr eigenes Drehbuch verfassen und so ihren Stil sehr früh durchsetzen. Das fand bei Kinogänger*innen und in Kritiken großen Anklang. Besonders Hereditary und Midsommar gelten mittlerweile bei einem breiteren Publikum als Horror-Meisterwerke, während die beiden anderen Filme sich mit einer weitaus nischigeren Bekanntheit zufriedengeben müssen.
Eine konkrete Definition von Elevated Horror gibt es nicht, aber als genrebildende Merkmale werden Schrecken durch Atmosphäre und der Fokus auf die erzählte Geschichte genannt. Der Horror ist mehr Mittel zum Zweck als Genregerüst, Hereditary ist fast schon ein Familiendrama und The VVitch eine Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und Identität. Statt außerirdischem oder mystischem bleibt zur Interpretation offen, ob der Horror eventuell nur eine Personifikation des gesellschaftlichen Schreckens ist. Der deutsche Autor und Filmkritiker Adrian Gmelch versucht in seinem Buch „Art Horror“ eine Charakterisierung vorzunehmen. Neben dem Horror als Message-Vehikel führt er auch eine filmhistorische und künstlerische Prägung, wiederkehrende Motive und stilistische Elemente, sowie eine besondere visuelle Identität und Ästhetik als Kernmerkmale auf. Und hier fangen die Probleme an.
Ein Genre im Verruf
„’Elevated Horror’ ist ein Begriff, den Menschen, die Horrorfilme hassen, verwenden, um Horrorfilme zu beschreiben, die ihnen gefallen.“ — Joe Bob Briggs
Ähnlich wie das Actionkino wird der Horrorfilm oft als niederes Genre belächelt. Zwei Stunden sinnloses Gemetzel und sich ein bisschen erschrecken lassen und dann vergisst man auch schnell wieder, wovon der Film eigentlich gehandelt hat. Preise gewinnen Horrorfilme sogar so selten, dass die Werke, die tatsächlich eine Chance auf den Oscar hätten, sich als Thriller oder als Buchverfilmung vermarkten. Das Schweigen der Lämmer ist ein „violent Thriller“ und Bram Stoker’s Dracula die Adaption eines Literaturklassikers.
Der Begriff „elevated“ also „erhaben“ greift dieses alte Klischee auf. Die Benennung von erhabenen Horrorfilmen impliziert eine Minderwertigkeit aller anderen Vertreter des Genres. Das Ergebnis dieses Trends: ein deutlich spürbarer Prestige-Anstieg. Sinners bricht mit 16 Nominierungen den Oscar-Rekord, Julia Ducournaus Titane gewinnt die Goldene Palme in Cannes und Filme wie The Substance oder Weapons vereinnahmen monatelang die globale Internetlandschaft. Mittlerweile darf der eine oder andere Horrorfilm auf keiner Jahresbestenliste mehr fehlen und von viralen Hypes auf Tiktok oder Instagram hört man mindestens einmal im Jahr. Dabei verschwimmen die Grenzen zunehmend. Immer mehr Filme werden als Elevated oder Art Horror betitelt, ob aus Marketinggründen oder von den Fans selbst. Dadurch wird das Genre immer abstruser: Was ist an Jordan Peeles Get Out arthousig? Was an Villeneuves Enemy Horror? Noch ein paar Jahre zurück und das Genre zerfasert schnell in ein undefinierbares Konglomerat. Vor 2000 wird so ziemlich jeder Film, der annähernd in die Richtung Horror geht und der gemeinhin als gutes Werk gilt, als Elevated Horror bezeichnet. Die aufgestellten Regeln lassen dafür auch zu viel Spielraum zu. Um eine filmhistorische Prägung kommt wohl kein Filmschaffender herum. Auch eine besondere visuelle Identität und Ästhetik ist zu subjektiv, um weiteren Aufschluss zu geben und eine tiefgründige Message kann in jeden Film hineininterpretiert werden. In gewisser Weise trifft diese Ambivalenz auf jedes Genre zu, Grenzen sind schwer zu ziehen und hängen stark von der eigenen Persönlichkeit ab, aber es muss sich doch die Frage stellen, wozu wir diese neue Genrebeschreibung überhaupt brauchen?
Was vor etwa 16 Jahren noch als Subgenre die Filme einiger weniger talentierter Filmemacher*innen zusammenfasste, ist mittlerweile zu einer Selbstprofilierung mutiert. Ob die Öffentlichkeitsabteilung von Universal oder der Filmconnoisseur im Kinosaal, alle reden lieber vom neuesten Elevated-Horrorfilm, von der erhabenen tiefgründigen Gesellschaftskritik, als von Longlegs oder The Menu. Art Horror ist für den Horrorfilm, was eine Graphic Novel für einen Comic ist: Ein neues Image, ein schickerer Einband und das Versprechen, dass es sich hierbei um Kunst handelt.
Foto: Rob Griffin @Unsplash







