Vom 9. Bis zum 18. Oktober erstrahlte Berlin zum 22. Mal in den buntesten Farben. Das Festival of Lights ist zurück und lässt Teile Berlins unter dem Motto „Colours of Love“ in seinem Licht baden. Aber ist das Lichterfestival tatsächlich so ein Highlight, wie Social- Media es immer behauptet oder eher eine Massenveranstaltung vom Feinsten?

Endlich ist es wieder soweit! Viele Berliner*innen sehnen es schon lange herbei: das Festival of Lights, das jährlich Millionen Menschen mit seinem Licht und seiner Kunst bezaubert. An rund 40 Orten in Berlin werden dieses Jahr unter dem Motto „Colours of Love“ Häuser und Objekte beleuchtet. Darunter auch der Berliner Fernsehturm, der Potsdamer Platz, Teile der Humboldt-Universität und das Brandenburger Tor. Mit den Veranstaltungsreihen: „Beyond the Light“ und dem „Festival of Lights in Concert“ will die Chefin des Festivals Birgit Zander auch dieses Jahr wieder Millionen von Menschen in den Bann ziehen.

Doch es sind nicht nur die Berliner*innen die jedes Jahr zu Dutzenden das Festival besuchen. Auch Nicht-Berliner*innen und Tourist*innen aus aller Welt reisen nach Berlin, um sich von dem strahlenden Lichtspektakel verzaubern zu lassen. Aber wie geht es wirklich auf dem Festival of Lights zu und ist die Stimmung wirklich so gut, wie es Social-Media vielen Besucher*innen verspricht?

Zwischen Lichterzauber und Menschenmassen…

Es ist 20 Uhr am Abend und im Nikolaiviertel, das zum historischen Stadtkern Berlins gehört, steht eine überlebensgroße Ballerina-Spielfigur, die von allen Seiten mit bunten Animationen angeleuchtet wird. Das Lichterspektakel zieht viele Menschen an, die sich um die Attraktion tummeln und wie fasziniert die bunte Tänzerin betrachten. Kinderaugen strahlen hell bei diesem Anblick, doch das ist nur der Beginn des diesjährigen Lichterzaubers.

Leuchtende Ballerinafigur
Leuchtende Ballerinafigur auf dem Festival of Lights. Foto: Lea-Nadin Knopke

Wir folgen zwei Familien, die sich im Laufe des Abends ihren Weg durch das Getümmel bahnen und nach den verschiedenen Highlights diesen Jahres Ausschau halten. 

Unsere erste Familie, ein Paar mit einem kleinen Hund, stammt aus Berlin, sogar aus Berlin Mitte. Sie müssen quasi nur vor die Tür treten und stehen schon mitten im Farbspektakel. Nachdem sie für einige Zeit die Tänzerin bewundern, überlegen sie wieder nach Hause zu gehen, entscheiden sich jedoch vorerst dagegen. Was ist der Grund für ihre Zweifel? Es sind wie jedes Jahr die Menschenmassen, „die Jahr um Jahr mehr werden und das Spektakel zu einem Massenereignis verkommen lassen“, so die Meinung der Frau. Sie muss ihren kleinen Hund mittlerweile auf den Arm nehmen, denn um so näher man der Straße Unter den Linden kommt, desto voller wird es. Auf ihrem weiteren Weg ist es teilweise so voll, dass sie kaum vorankommen. Menschen stehen mit ihren Handys mitten im Weg, um Fotos zu machen oder mit ihrer Familie zu facetimen. Die Autos auf der Straße nebenan fahren langsamer, als würden auch sie die Stimmung in sich aufsaugen wollen. Die drei bahnen sich ihren Weg vorbei am Berliner Fernsehturm, der alle paar Sekunden seine Fassade in den buntesten Regenbogenfarben neu erstrahlen lässt. Die Luft ist kalt und stickig und vom Sonnenuntergang ist nichts mehr zu erkennen, als das Paar endlich am Berliner Dom und dem dazugehörigen Lustgarten ankommt.

Auch hier gibt ein Sänger mit Unterstützung von zwei großen Lautsprechern seine Lieder zum Besten. Menschen sitzen auf den Stufen des geschlossenen Museums am Lustgarten. Auch hier werden angeregt die Handys gezückt, um das Live- Konzert filmen zu können. „Es ist einer der Orte, an denen man heute noch etwas entspannter einen Fuß vor den anderen setzen kann”, meint der Mann. Später wird man aber auch hier keinen Fuß mehr vor den anderen setzen können, denn umso weiter die Dunkelheit der Nacht voranschreitet, umso voller wird es werden. Die Luft ist jetzt nicht mehr so dick und aus der Ferne lassen sich die wechselnden Animationen auf dem Berliner Dom beobachten, die vorbeilaufende Fußgänger auch mit Spannung betrachten. Wenn man das Festival nur aus dieser Perspektive sieht, ist es doch recht schön anzusehen, so das Paar. Sie haben bisher kein Festival of Lights ausgelassen. Jedes Jahr sind sie, teilweise auch mit ihren Kindern hingegangen, um die wechselnden Themen und Mottos der Künstler*innen in Form von verschiedenen Animationen zu sehen. 

Aber es werden jedes Jahr mehr Menschen. Das Festival of Lights ist kostenlos und alle Orte sind öffentlich zugänglich. Vergangenes Jahr wurden neue Rekorde von über 3,5 Millionen Besucher*innen verzeichnet. Und das ist auch der Grund, warum unsere erste Familie hier kehrt macht. Die Strecke vom Berliner Dom zum Brandenburger Tor ist so voll, dass man die eigentliche Kunst des Festivals gar nicht mehr wertschätzen kann, meinen sie. „Es ist laut und voll, du kannst kaum treten, nie wieder.“

…und Gedränge wie Begeisterung.

Aber ergeht es allen so, die das Festival of Lights in der deutschen Hauptstadt besuchen? Stellt man sich an die Seite und beobachtet die vorbeilaufenden Menschen, so hört man die unterschiedlichsten Sprachen. Viele Tourist*innen kommen zu dieser Zeit extra für das Festival nach Berlin, um die Stimmung aufzusaugen und die jährlich wechselnden Mottos zu begutachten. Einige von ihnen kommen bereits schon seit mehreren Jahren in Folge. Social Media wirbt auf mehreren Plattformen jährlich für das Festival. Influencer*innen posten ihren Besuch in der Story und machen die beliebte Veranstaltung noch bekannter als sie sowieso schon ist.

Unsere zweite Familie, ein Paar aus Brandenburg, besucht das Festival an einem anderen Tag, der jedoch nicht weniger Menschen verzeichnet. Sie haben extra den Weg in die Hauptstadt auf sich genommen, um auch dieses Jahr das Lichterspektakel auf sich wirken zu lassen. Auch für sie ist es nicht das erste Mal, dass sie hier sind. Im Gegensatz zu unserer Familie aus Berlin waren sie in der Vergangenheit jedoch nur ein paarmal auf dem Festival of Lights. 

Ihre Route beginnt, wie auch die von vielen anderen, am Berliner Dom, dem Lustgarten und dem Humboldt Forum. Heute wirkt es voller, als noch vor ein paar Tagen. Menschen laufen in verschiedene Richtungen und unterhalten sich ausgelassen, zeigen auf bestrahlte Häuserwände, trinken oder essen eine Kleinigkeit. „Man fühlt sich schon ein wenig wie in einer Sardinenbüchse”, sagen die zwei schmunzelnd, während sie sich ihren Weg durch die Menschen bahnen. Aber für die Stimmung lohne es sich herzukommen. Sie machen an fast allen Gebäuden halt, die auf ihrem Weg liegen und saugen die Stimmung des kalten Oktoberabends auf. An einigen Gebäuden untermalt ruhige Musik die Lichtershow und an einigen Gebäuden füllt es sich mehr als an anderen. Einige Fassaden sind still und lassen so den Fokus auf die wechselnde Kunst zu. An fast jeder Straßenecke stehen Straßenkünstler*innen, um die sich jeweils eine Traube aus aufmerksamen Zuhörer*innen bildet,die gebannt den Liedern lauschen. Auch das Paar bleibt an einigen Ecken stehen, lauscht der Musik. An einem kleinen Stand trinken sie inmitten der Menschen und den bunten Lichtern eine heiße Schokolade und saugen die Stimmung in sich auf.

Auch bei den beiden entsteht der Eindruck, dass es ein paar Menschen zu viel sind, die das Lichterfestival genießen. Für beide steht jedoch die Erfahrung sowie die Kunst im Vordergrund. Als sie nach ungefähr anderthalb Stunden ihre abendliche Tour beenden, war es für sie ein schöner Abend gewesen, ein Abend, den sie im Folgejahr trotz der Menschenmassen wiederholen möchten.

Ein Festival, zwei Meinungen 

Es gibt nun zwei ganz unterschiedliche Erfahrungen zu betrachten, aus zwei Perspektiven, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Unsere erste Familie hat ihren Besuch auf dem Festival of Lights sogar abgebrochen. Es war ihnen zu voll und allein der Gedanke, sich vom Berliner Dom in das Menschengetümmel stürzen zu müssen, hat unser erstes Paar zum gehen verleitet. „Es mag sein, dass das Festival of Lights eine schöne Sache ist und den dunklen Herbst ein wenig heller macht, aber bei uns sind es einfach die Menschenmassen, die das Ganze zu einer Massenveranstaltung vom Feinsten machen und es wird jedes Jahr schlimmer. „Nie wieder.“ Es reiche, die wechselnden Animationen von ihrem Fenster aus zu betrachten. Dort haben sie wenigstens ihre Ruhe.

Doch auch trotz den Menschenmassen kann die Lichterkulisse genossen werden. Unser zweites Paar ist dafür immerhin aus Brandenburg gekommen und andere Besucher kommen sogar aus aller Welt. „Die Farbenspiele auf den historischen Gebäuden sind magisch anzusehen und die Menschen wirken begeistert. Es ist eine schöne Stimmung die aufkommt und die Menschen in den dunklen Oktobertagen verzaubert.“ Sie werden nächstes Jahr wiederkommen und sind schon gespannt auf das Motto des Folgejahres.

Es ist den Besucher*innen selbst überlassen, was sie vom Festival of Lights halten und ob die kostenlose Veranstaltung im Zentrum Berlins einen Besuch wert ist. Ist es ein Jahreshighlight oder eine Massenveranstaltung? Es ist bereits jetzt klar, dass auch dieses Jahr die Besucher*innenzahlen in die Höhe schießen werden und vielleicht sogar die Rekordzahlen von 2025 übertreffen werden. 

Für die, die sich das Lichterspektakel im nächsten Jahr ansehen möchten, sei empfohlen, unter der Woche und direkt zu Beginn der Veranstaltung zu gehen. So kann man die faszinierenden Lichtanimationen noch in einer etwas leereren Atmosphäre genießen. 


Foto: Lea-Nadin Knopke