Du bekommst einen Anruf von einer unbekannten Nummer, neugierig hebst du ab. Am anderen Ende ist eine Stimme, die dich fragt, ob es etwas gibt, dass du an deinem Leben gerne verändern würdest. Eine Passage deiner Biografie, die du gerne paraphrasiert hättest. Während du darüber nachdenkst, lädt die Stimme dich zu einem Spiel ein: einem Theaterspiel.

„Ich habe ihre Tagebücher gelesen, kenne den Verlauf ihres Lebens wie meinen eigenen und ich möchte ihnen die Chance einer Revision geben. Kommen Sie heute Nachmittag ins Theater.‟ Du nimmst deine Jacke und machst dich auf dem Weg Richtung Theater.

In Wirklichkeit übernimmt die Regie des Stücks natürlich nicht eine Stimme aus dem Off, sondern der deutsche Theaterregisseur Bastian Kraft. Kraft ist vor allem für seine Inszenierung von Klassikern bekannt. Seine erste Inszenierung von Biografie: Ein Spiel wurde 2012 am Deutschen Theater Berlin erstmals aufgeführt.  Seitdem arbeitet er immer wieder mit dem Deutschen Theater zusammen, zuletzt für seine Inszenierung von Die Physiker nach Dürrenmatt (2026). Bastian Kraft lebt in Berlin und Zürich, inszeniert allerdings für Theater in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Ich liebe das Theater als einen Ort der Experimente. Die Schauspielerinnen fordern uns heraus, sie ziehen sich fremde Kleider an und schminken ihre Augen, laden Emotionen sich mit auf die nicht ihre eigenen sind. Es ist eine sehr aktive Art des Zuschauens, die und zwingt Gefühle und Ideen zu konfrontieren, die wir nicht haben oder vermeiden wollen. In diesem Sinne ist das Theater ein Chemiebaukasten, die Schauspielerinnen sind Laborantinnen und wir sind einfach Versuchskaninchen.

In Biografie: Ein Spiel widmet sich unser liebster Seelensezierer des 20. Jahrhunderts seinem Leibesthema, der Identität. Max Frisch fragt: Was macht einen Menschen und was würde dieser Mensch anders machen? Um diese Fragen zu beantworten, nutzt Frisch den Zauber des Theaters. Eine Bühne auf der Bühne ist der Schauplatz, Regieanweisungen der Schauspielenden sind Zaubersprüche. Gespielt werden so viele Szenen wie nötig, bis die beste Version sitzt.

Anders als in seinen Romanen, die von determinierten Persönlichkeiten handeln, lässt Frisch sich ganz bewusst auf das was-wäre-wenn ein. Es ist ein unterhaltsames Kammerspiel, zum Leben erweckt durch Maren Eggert, Hans Löw und Helmut Mooshammer in wechselnden Rollen. Auf der Theaterbühne sucht Hannes Kürmann (Hans Löw) den einen entscheidenden Augenblick, er möchte seine Geschichte umschreiben und so seine letzte Ehe ungeschehen machen. Dabei wird er unterstützt von seiner Ex-Frau (Maren Eggert) und einem Regisseur (Helmut Mooshammer) sowie verschiedenen Nebenfiguren, die ebenfalls vom Trio übernommen werden. Gemeinsam suchen die drei nach der perfekten Formel für ein gelungenes Leben.

Das Stück wurde 1968 am Staatstheater Zürich uraufgeführt. Auch wenn Frisch sein Stück zuerst als Komödie bezeichnete, empfand er die Geschichte später als zu fatalistisch. 1984 legte er eine überarbeitete Version vor. Kraft versucht in seiner Inszenierung beide Versionen zusammenzubringen und kreiert so eine Mischung aus vorherbestimmter Absurdität und kleinen Seufzern der Hoffnung.

Selbstverständlich wird hier keine neue Frage verhandelt. Der Wunsch nach einer zweiten Chance ist genau zwei Sekunden jünger als der erste menschliche Fehler und wiederum eine Sekunde älter als die Feststellung, dass Zeitumkehr nicht möglich ist. Doch gerade wegen seiner Unmöglichkeit gehört diese Art von Wunschdenken auf die Bühne mit ihren endlosen Möglichkeiten.

In anderthalb Stunden werden in vielen Wiederholungen und Zeitsprüngen alle Optionen ausgeleuchtet. Wir sind gefangen in einer Theaterprobe. Kürmann muss immer wieder feststellen, dass auch die scheinbar richtigen Entscheidungen nicht immer zum gewünschten Ergebnis führen. Er verzweifelt zunehmend. Wie ein Ertrinkender klammert Kürmann sich an sie Vorstellung, sein Leben zu kitten, indem er einen bestimmten Moment abwendet. Der reine Irrsinn wird vor unseren Augen heraufbeschworen.

Gefragt wird nun nicht mehr, wie man seine Geschichte verändern würde, sondern warum Kürmann so besessen von dieser Idee ist. Bei unserem Protagonisten handelt es sich nämlich in keinem Fall um einen Mann, der nichts vorzuweisen hat. Hannes ist Professor, Wissenschaftler, Vater, zweimal verheiratet und verliebt gewesen. Ein relativ gewöhnliches und zudem erfolgreiches Leben für eine Hauptrolle. Trotzdem ist da dieser unbedingte Wunsch, etwas gerade zu rücken.

Warum lassen sie sich auf ewige Variationen von Banalitäten ein? […] Millionen von Menschen haben ein schwereres Schicksal und das wissen sie.

Es ist zunächst ein träumerisches, dann verzweifeltes und zuletzt ein sehr ehrliches Stück. Kraft schafft in seiner Inszenierung den Wunsch nach Revision durch die schiere Absurdität, eine Absage zu erteilen, ohne sich jedoch darüber lustig zu machen. Es ist normal, das Recht auf mehr Glück und ein besseres Schicksal zu verspüren. Aber meistens ist ein solches Verlangen kein Gedanke, der bis zum bitteren Ende gedacht werden kann.

Ich weigere mich allem, was geschehen ist, einen Sinn zu unterstellen, nur weil es Geschichte geworden ist.

Stattdessen schlägt durch die ständigen Wiederholungen, die am Ende immer alles schlimmer zu machen scheinen, Kürmanns Manie in Absurdität um. Genau diese Absurdität ist es, die ihn am Ende mit seinem Schicksal versöhnt, die ihn resignieren lässt. Zugegeben, das ständige Noch-einmal- von-vorne-anfangen kann für den Zuschauer ein wenig anstrengend sein. Sicher, hier wird ein hochphilosophisches Thema verhandelt, aber nach der 15. Wiederholung mit leichter Variation wünscht der ein oder andere sich eben eine Fernbedienung, um den Sender zu wechseln, bis es wieder spannend wird.


Foto: Arno Declair