Kneipen und Stammtische sterben aus und auch das regelmäßige Lesen unter jungen Leuten nimmt tendenziell ab. Charlotte und Felix schlagen zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Berliner Kneipenbuchclub wird ein Jahr alt.
Die Abendsonne scheint auf die Bänke und Tische eines Moabiter Biergartens. An fast allen Tischen lassen sich Menschen ein Bier, Wein oder etwas zu essen schmecken. Doch mittendrin sind gleich zwei Tafeln leer.
Auf einem der beiden Tische steht ein gerahmter Zettel mit der Aufschrift: „Reserviert ab 20:00 Charlotte“. An eben diesem Tisch sitze ich, mir gegenüber Charlotte und Felix. Die beiden sind die Gründer*innen des Berliner Kneipenbuchclubs, an dem ich heute teilnehmen darf.
Bevor es losgeht, unterhalten wir uns noch bei einem Bier. Die beiden erzählen mir, dass heute zufällig das einjährige Jubiläum des Kneipenbuchclubs ist. Vor zwei Jahren war Charlotte noch in ihrem Auslandssemester und Felix unterhielt sich mit seiner Lieblingskneipenwirtin Desa. Charlotte hatte in dieser Zeit große Langeweile, die sie mit viel Lesen vertrieb, und Desa, die lange in der Moabiter Kultkneipe Zur Quelle gearbeitet hat, erzählte Felix, dass es kaum noch Stammtische gäbe. Als Charlotte wieder in Berlin war, entwickelten die beiden die Idee, bis zum ersten Kneipenbuchclub Abend dauert es noch etwa ein Jahr. Anfangs noch als Social-Media-Format geplant, kommen schon nach dem ersten Video so viele Anfragen rein, dass die beiden sich entschließen, ihn ins echte Leben zu holen. Seitdem trifft sich der Buchclub einmal im Monat in verschiedenen Kneipen. Über die Bücher, die besprochen werden, wird im Vorhinein auf Instagram abgestimmt. Dort wird sich auch für die Treffen angemeldet. Auf meine Nachfrage erzählt Felix, dass es für ihn höchstens stressig wird, wenn er ein Buch noch auf den letzten Drücker fertig lesen muss. Auch Charlotte hat überwiegend Spaß an den Treffen, macht sich aber manchmal Sorgen, ob sich die Leute wohlfühlen und Spaß haben, wenn jemand besonders still ist.
Nach und nach trudeln immer mehr Leute ein, wer genau dabei ist, ändert sich von Mal zu Mal. Charlotte und Felix haben sich mittlerweile an verschiedene Stellen der Tafel gesetzt, um einen besseren Überblick über die Gruppe zu bekommen. Aufgrund des guten Wetters findet das Treffen heute nicht in einer Kneipe, sondern im Biergarten statt, dessen lange Tische die Kommunikation erschweren. Freundlich gucken die beiden in die Runde und moderieren den Abend an. Es geht mit einer Vorstellungsrunde los und passend zum Buch sagt jede*r einen Vape Geschmack, der erfunden werden sollte. Heute steht nämlich der Roman „Angespannt Vapen“ von Anton Artibilov auf dem Programm.
Nun wird per Daumen-Probe ein Stimmungsbild gesammelt, wie das Buch gefallen hat, das Ergebnis ist gemischt. Charlotte hakt nach: Eine Personen sagt, sie mochten den verklatschten, wabernden Stil des Buches, jemand anderes fand wiederum gerade das stressig. Worauf sich allerdings alle einigen können ist, dass die Umgangssprache im Buch besonders authentisch und unterhaltsam ist. So kommt die Runde schnell ins Gespräch. Die Hyperfixierung des Protagonisten, die abstruse Situation in der er sich sieht und die im Mittelpunkt stehende mystische Vape, werfen reichlich Fragen auf. Wie die Lektüreerfahrung war, wollen die beiden nun wissen, auch hier ist sich die Gruppe uneinig. Alle haben den Raum, ihr Erlebnis zu teilen. Eine Person hat das Buch abgebrochen, doch auch hier wird von Felix und Charlotte interessiert nach den Gründen gefragt.
Während Charlotte mit einem Teil weiterredet, sitze ich mit dem Rest der Gruppe bei Felix. Wir unterhalten uns über den namenlosen Protagonisten und welcher Name denn zu ihm passen würde. Über einzelne Motive des Buches und über Deutungsversuche. Immer wieder fragt Felix, wie sich dieses und jenes vorgestellt wurde, was hier und da zum Abschweifen führt. Doch Abschweifen im positivsten Sinne, denn so werden Räume eröffnet, in denen sich die Leute besser kennenlernen und von ihren eigenen Erfahrungen berichten können.
Nach etwa einer Dreiviertelstunde, die über lustige und interessante Gespräche wie im Flug vergangen ist, bemühen sich Charlotte und Felix, wieder mit der Gruppe als Gesamtheit ins Gespräch zu kommen. Sie fragen nach Lieblingsstellen – Alle blättern angeregt in ihren Büchern. Der eine blickt sinnierend in den Rauch seiner Zigarette, die andere teilt einzelne Passagen. Immer wieder stehen Leute auf, um sich neue Getränke zu holen. Neben Bier und Radler stehen auch Getränke wie Limos auf dem Tisch.
Langsam neigt sich der Abend seinem Ende zu. Die Gruppe startet eine abschließende Bewertungsrunde, in der jeder/jede ein bis fünf Sterne auf einen Zettel schreibt und anschließend begründet, weswegen man sich für die eigene Wertung entschieden hat. Auch einen Buch- sowie Kneipenwunsch für den nächsten Abend wird geteilt. Der ausgerechnete Durchschnittswert liegt bei 2,91 Sternen, was das Buch, trotz eigentlich guter Wertung, zur zweitschlechtesten Lektüreerfahrung des Kneipenbuchclubs macht.
Als Letztes steht noch das freiwillige Signieren des eigenen Buches durch die Gruppe auf dem Programm. Munter werden die Bücher herumgereicht und es werden fleißig Unterschriften und Widmungen gekritzelt. So wird jedes Buch zu einem schönen Andenken.
Langsam verabschieden sich die ersten Teilnehmer*innen, ich sitze noch eine Weile mit Charlotte, Felix und ein paar Leuten da. Wir rauchen, trinken Bier, tauschen uns noch weiter über das Buch oder unser Leben aus. Um 23:00 schließt der Biergarten und alle machen sich auf den Heimweg.
Glücklich und leicht beschwipst laufe ich durch den noch in der Dämmerung liegenden Otto-Park zum U-Bahnhof. Der Abend widerspricht meinen Erwartungen, aber im Positiven. Hier geht es nicht um einen akademisch angehauchten Lesezirkel, in dem wild mit Fachwörtern und philosophischen Gedanken zum Buch um sich geworfen wird. Wenn das jemand tun möchte, ist zwar auch dafür der Raum gegeben, doch der Anspruch ist ein anderer: Nämlich keiner! Hier kann jede Person, die das Buch gelesen hat, vollkommen voraussetzungslos ihre Gedanken und Erfahrungen teilen und dabei eine gute Zeit haben. Der Berliner Kneipenbuchclub bringt Menschen, die davor nichts miteinander zu tun hatten, zusammen und motiviert sie zum Lesen. Fröhlich kann hier gewitzelt, philosophiert und sich unterhalten werden. Die Kneipen, die zum Schauplatz werden, werden von interessierten jungen Menschen belebt. Somit tragen die Treffen sowohl zum Überleben der Kneipen als auch zum Knüpfen neuer Kontakte bei.
Foto: Maxim Louis Casimir Gocht (links Felix, rechts Charlotte)







