Einen Tag vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt veranstaltet die Initiative Sachsen-Anhalt Weltoffen ein Demokratiefestival. Unsere Autorin Milla Stremme war dabei.

Magdeburg, 05.09.2026. Der Tag vor den Landtagswahlen 2026. Nicht nur Deutschland, sondern die halbe Welt schaut nach Sachsen-Anhalt. Es wird von einer historischen Wahl gesprochen, dem deutlichsten Wahlsieg der gesichert rechtsextremen AfD seit Parteigründung. Doch neben der Angst und vor dem morgigen Tag besteht auch noch etwas anderes – Hoffnung.

Das Bündnis Sachsen-Anhalt Weltoffen, bestehend aus verschiedenen Initiativen, Vereinen, Verbänden und Einzelpersonen, veranstaltet am Samstag, einen Tag vor der Wahl, ein Demokratiefestival – ganz im Zeichen der Vielfalt und Solidarität. Von allen Richtungen strömen die Menschen auf den Willy-Brandt-Platz zum Demonstrieren. Eine Mischung aus Hoffnung, Optimismus, aber auch eine Anspannung liegt in der Luft. Es ist Musik zu hören, Menschen unterhalten sich, diskutieren, lachen miteinander. Ein Baby auf dem Arm einer Frau, wenige Monate alt, mit einem AfD-Verbots-Strampler an, daneben eine ältere Frau mit Rollator und Pride Flagge. Die hohe Polizeipräsenz ist deutlich zu spüren, alle sind sich bewusst, unter welchem Stern der heutige und vor allem der morgige Tag steht. Aber da ist noch mehr. Sachsen-Anhalt zeigt Gesicht – und das nicht nur in Blau, sondern bunt, vielfältig und kritisch.

Die Demo endet am Magdeburger Domplatz, auf dem eine Vielzahl der beteiligten Organisationen und Initiativen ihre Stände aufgebaut haben – inklusive einer großen Bühne, auf der für den Tag ein vielfältiges Programm von Musikacts und Redner*innen angekündigt ist. Moderiert wurde das Festival von Content Creatorin und Aktivistin Luna Möbius, sowie der ehemaligen Politikerin Madeleine Henffling. Die beiden leiten durch den Tag und bitten die laut Veranstaltungsteam geschätzt 15.000 Teilnehmenden nicht nur um Toleranz und Vorsicht, sondern auch darum, keine Parteiflaggen zu hissen. Das Festival solle schließlich alleinig im Namen der Demokratie, des Zusammenhalts und der Solidarität stehen. Eröffnet wird das Festival von den ersten Musikacts, darunter die Newcomerinnen Hanna Rautzenberg und YungFSK18, die beide aus Sachsen-Anhalt stammen. Rapperin YungFSK18, in Halle geboren, spricht offen darüber, dass sie heute als Rapperin nicht auf der Bühne stehen könnte, gäbe es nicht diverse Jugendclubs und -bars. Unter einer AfD Regierung gebe es diese aufgrund von Kürzungen und der Neuausrichtung von Fördergeldern in der Form nicht mehr. Außerdem plädiert Saaeid Saaeid als Sprecher des Flüchtlingsrats Magdeburg eindringlich „für Schutz, für Recht, für Menschen“ im Zeichen der Humanität für Menschen jeder Herkunft und Hautfarbe.

Optimistisch unter dunklen Wolken

„Ich weiß was es heißt, wenn Demokratie auf dem Spiel steht“, sagt Jan Jakobs, der von 2002 bis 2018 regierender Bürgermeister der Stadt Potsdam war und jetzt für das Bündnis Brandenburg aktiv ist. Viele sprechen in ihren Reden von Hoffnung und Optimismus, aber es ist auch klar, was auf dem Spiel steht. Sachsen-Anhalt ist nur eines der Bundesländer, in denen die Intoleranz mittels der AfD Einzug hält und mit ihr die Einschränkung der Rechte von queeren, migrantischen und Menschen mit Behinderung. „Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“ plädiert Annegret Laabs, die für das Netzwerk Kultur ist Heimat und Vielfalt spricht. Auch Henriette Kretz, eine Holocaustüberlebende, tritt auf die Bühne und ein Begleiter von ihr erzählt ihre Geschichte, wie sie mit acht Jahren zur Waisin wurde, da ihre Eltern von Nazis getötet wurden und sie daraufhin von katholischen Nonnen aufgenommen wurde. Kretz lebt schon lange in Antwerpen, kehrt jedoch immer wieder nach Deutschland zurück, um ihre Geschichte zu teilen. Auf die Frage, warum sie nicht hassen möchte, antwortet sie: „Ich will nicht hassen. Hass hat nie etwas Gutes getan, es ist zerstörend für die Menschen, die Hass erfahren und für die Menschen, die Hass in ihrem Leib haben und ich will nicht sein, wie diese Menschen sind.“

„Ey es tut mir leid, es ist vorbei‟ 

Aber nicht nur die Prognosen und Ergebnisse der Landtagswahl gehen durch die Medien, sondern auch das Demokratiefestival schafft es ein Ausrufezeichen zu setzen und Deutschland zu zeigen, dass Sachsen-Anhalt mehr als nur ein blauer Balken ist. Repräsentativ dafür ist das diverse Line-up, das den Tag gestaltet. Während jüngere Fans bei Rote Flaggen von Berq oder beim Walzer von Provinz mitsingen. So ist mit Sebastian Krumbiegel von den Prinzen auch für die ältere Generation etwas dabei. Und bei der Frau Die immer lacht, Schlagersängerin Kerstin Ott, war der Domplatz dann von jung bis alt am Beben. Auch bei den Musikacts blieb es derweil nicht unpolitisch. Es wurde für und von Kunstfreiheit und Vielfalt gesungen, alles im Zeichen der Solidarität. Die Band Juli beendete den Abend und die Lyrics „Ja ich weiß, es war ne geile Zeit, ey es tut mir leid, es ist vorbei“ ließen die Teilnehmenden mit einem etwas bittersüßen Geschmack, zurück. Ein Tag zwischen Hoffnung und Angst vor dem was bevorsteht.

*Dieser Text wurde nach den Landtagswahlen geschrieben. Die AfD erreichte einen Wahlsieg mit 43,8% und damit einem weiten Abstand zu den anderen Parteien. Die politische Zukunft von Sachsen-Anhalt ist unklar. Die AfD spricht von einem Regierungsauftrag und lädt alle Parteien zu Sondierungsgesprächen ein.


Fotos: Milla Stremme