Durch das elektrisierte Berlin fährt eine Lok aus dem Industriezeitalter. Die Rund- und Ausfahrten der Dampflok-Freunde Berlin bieten ein direktes Erleben einer Verkehrsvergangenheit.

Eine Gruppe von Fahrgäst*innen wartet am Bahnhof Schöneweide auf die Bahn. Viele sehen erwartungsvoll entlang der Gleise in die Ferne. Zuerst ist der Dampf zu sehen. Dann rollt die 175 Tonnen schwere Lok mit vier angehängten Wagons am Bahnsteig ein. Inmitten des modernisierten Bahnhofs aus Beton und Stahl erscheint das schnaufende Ausstellungsstück fremdartig. Fast etwas bedrohlich wirkt die Lok, in schwarzer Lackierung mit roten Details. Ihre Treibräder haben zwei Meter Durchmesser.

Die älteren Bahninteressierten und ein paar Kinder suchen ihre gebuchten Plätze. Kurze Zeit später fährt die Lok an. Sie beschleunigt viel langsamer als die modernen elektrischen Züge, kann dann aber doch bis zu 130 Kilometer pro Stunde Geschwindigkeit erreichen. Die Wagons wackeln über die Schienen und an den Fenstern zieht der Dampf vorbei. Der älteste Wagen ist aus dem Jahr 1935, also ein Jahr älter als die Lok, die ihn zieht. Im Inneren des Wagens ist es eng, aber gemütlich, die Sitze sind mit grünem Kunstleder restauriert. Eingerahmt von den massiven Holzfensterrahmen fällt der Blick auf das Berlin fast 100 Jahre später.

Die Bahn fährt in der Nähe der Ringbahnstrecke. Während der gesamten Fahrt beschreibt einer der Ehrenamtlichen über die Lautsprecher in den Wagons die Besonderheiten entlang der Strecke. Beim Vorbeifahren am Tempelhofer Feld erinnert er an die Luftbrücke Ende der Vierziger Jahre, erzählt aber auch viele weniger bekannte Anekdoten aus der Stadtgeschichte. So fällt ein Gebäude der Berliner Stadtreinigung ins Auge, welches vom Architekten Josef Kleihues erbaut wurde.

Freudig überrascht betrachten die Menschen neben den Gleisen und auf den Bahnhöfen das vorbeirollende historische Fahrzeug. Kinder stehen an Kleingartenzäunen und Fotografen haben Stative aufgestellt. Der Zug hat auch einen Speisewagen mit DDR-Charme. Dort können am Tisch Filterkaffee, Bockwurst oder belegte Brötchen gegessen werden.

Organisiert wird die Fahrt vom Verein „Dampflokfreunde Berlin“. Aus Liebe zur Eisenbahntechnik engagieren sich seit 1997 Menschen aus verschiedenen Berufsgruppen ehrenamtlich in dem Verein. Nach Möglichkeit lassen sie alte Dampfloks restaurieren. Als Vereinsort unterhalten die Mitglieder das historische Betriebswerk in Schöneweide. Der zugehörige Wasserturm ist auf dem Weg zum HU Campus Adlershof zu sehen.

In Schöneweide endet auch die Dampflokfahrt. Auf diesen circa fünfzig Kilometern wurden drei bis vier Tonnen Kohle geschaufelt und fünfzehn Kubikmeter Wasser verdampft. Kaum vorstellbar erscheint heute eine Stadt, in der alle Züge durch Kohle angetrieben werden. Die Berliner S-Bahn fährt seit dem Jahr 1929 vollkommen elektrisch. Nach dem Ausstieg laufen alle Passagiere nach vorne, um die Lok anzusehen. Der Lokführer und der mit Ruß bestäubte Heizer schauen aus dem Fenster. Schließlich rollt der Zug langsam schnaufend an, bis er wieder am Horizont verschwindet. Das gesamte Erlebnis dauerte nur eine gute Stunde. Was bleibt, ist ein bisschen Ruß im Gesicht und die Erinnerung an eine kleine Zeitreise.

Aufgrund von Waldbrandgefahr werden die Wagen bei den nächsten Fahrten nicht von einer Dampflok, sondern von einer Diesellok gezogen. Alle Loks der Dampflokfreunde Berlin können am 26. und 27.09.26 beim 21. Berliner Eisenbahnfest in Schöneweide besichtigt werden.


Foto: Daria Schriever