Wolltet ihr auch schon immer wissen, was passiert, wenn man seinen Spindschlüssel im Grimm-Zentrum verliert? Unsere Chefredakteurin Vilma-Lou hat es exklusiv für Euch ausprobiert.

Vielleicht wundert ihr euch, warum dieses Thema unter „Einmal im Leben“ erscheint. Es ist nicht so, als ob auf meiner 100-Things-before-I-die Bucketlist an oberster Stelle das Verlieren meines Spindschlüssels steht. Vielmehr war mir zu Beginn meines Studiums klar, dass mir dies mindestens Einmal in meinem Studentinnenleben passieren würde.
Es ist ein gewöhnlicher sommerlicher Sonntagabend in Berlin: Klausurenphase. Da es bereits der vorletzte Tag des Julis ist, sitzen im Grimm-Zentrum fast nur noch diejenigen, die mal wieder die Abgabe ihrer Hausarbeit in die Ferien verschoben haben, weil sie während des Semesters zu oft feiern waren. Außerdem: Juristen und Wirtschaftswissenschaftler, die zehn Klausuren in einer Woche schreiben. Zu letzteren gehöre ich und an jenem Sonntag lerne ich für meine hoffentlich letzte Klausur. Gerne würde ich wissen, wie viele sonnige Sonntage ich schon verbittert im Grimm-Zentrum verweilen musste. Jetzt soll einer der letzten dieser Tage zu Ende gehen. Es ist 21:57 Uhr. Die Durchsage mit dem „Wir wünschen einen guten Heimweg, Vergessen Sie nichts“ ertönt schon zum dritten Mal und dann dieser Moment: Wo zum Teufel ist mein Spindschlüssel? Ich durchkrame die stylische Bib-Bag im See-Through-Look und meine Jackentaschen. Er ist wirklich weg! Also laufe ich zu Erst alle Orte ab, an denen ich seit meinem letzten Spindbesuch war: die Toilette, den Spindkeller, die Raucherecke und die Sitzkuben im Foyer. Nichts. Ein vielversprechender Besuch beim Pförtner steht an. Ich glaube schließlich an das Gute im Menschen und hoffe somit darauf, dass irgendjemand meinen Schlüssel als Fundsache deklariert hat. Und tatsächlich wurde vor kurzem ein Schlüssel abgegeben. „Issa ditt?“, fragt der eine Pförtner. Der Schlüssel sieht aus wie meiner, wie ein Spindschlüssel eben. Aber er passt nicht ins Schloss. Schade. Also doch Plan Z: der Bolzenschneider.
Auch wenn mich das alles gerade Zeit und Nerven kostet, finde ich es ein bisschen aufregend. Ich muss warten bis Pförtner A seinen Rundgang beendet hat. Also geselle ich mich zu Pförtner B, der den Ausgang bewacht. Wir beobachten, wie immer wieder Leute an der bereits abgeschlossenen Drehtür scheitern, sich dann an der anderen geschlossenen Tür versuchen und erst dann raunt ihnen Pförtner B zu „Probiernses mal mit der zwoten Tür“. Obwohl es schon 22:15 Uhr ist, kommen immer noch Leute aus ihren Verstecken gekrochen. Und dann gibt es noch die, die in der letzten Sekunde noch reingerannt kommen, da sie vergessen haben, dass das Grimm-Zentrum heute schon „früh“, nämlich um 22:00 Uhr schließt. Kommt man zu spät, müsse man bis Montag früh um 8:00 Uhr warten, erklärt mir Pförtner B. Wir plaudern ein bisschen und er erzählt mir, dass die Schlüsselverlierer*innen in den heißen Lernphasen drei Mal täglich gesammelt werden und dann eine Bolzenschneider-Orgie stattfindet. In neun von zehn Fällen sei der Spindschlüssel im Spind selbst eingeschlossen. Ich frage mich, ob die Pförtner wohl mittlerweile einen statistisch repräsentativen Datensatz über Schlüsselverlierer*innen akquiriert haben und auf welchem Signifikanzniveau sie die Dummyvariable getestet haben (kleiner VWLer Witz am Rande). Auf jeden Fall habe ich ein paar Insider-Infos bekommen. Investigativ-Journalismus nennt man sowas.
„Ich frag mich wo meen Kolleje jeblieben is“ tönt es und kurz darauf bequemt sich Pförnter A von seinem Rundgang zurück. In seiner Hand hält er die neusten Fundsachen: ein Macbook-Ladekabel (hätte ich ihm mal abschwatzen sollen) und eine Jacke (kein Wunder, dass man die bei 30°C Außentemperatur vergisst). Nur meinen Schlüssel hat er leider nicht gefunden. Dann passiert etwas Besonderes: Pförtner A und B schauen sich intensiv in die Augen, die Atmosphäre wird angespannt, dann euphorisch. „Du oder ich?“, sagt einer. Beide sind richtig scharf darauf, sich mit Bolzenschneider in der Hand mal wie echte Ganoven zu fühlen und es hätte mich nicht gewundert, wenn sie noch eben Schnick-Schnack-Schnuck gespielt hätten, um das Duell zu entscheiden. Dann machen sie kurzen Prozess. Gefolgt von Pförtner B stapfe ich voran zu meinem Spind. „Jutes Schloss hamse da…. Hatten se, mein ick“. Und zackbum, es fliegt zu Boden. Mein Spind ist offen! Dann werden noch alle weiteren Schlösser aufgebrochen, die sonst noch verlassen rumbaumeln. Sich einen Spind für den nächsten Tag zu reservieren, lohnt sich also nicht.
Ich weiß noch nicht, ob ich mich schämen sollte, weil ich es tatsächlich geschafft habe, genau diese eine von zehn Personen zu sein, die ihren Schlüssel tatsächlich verloren hat, oder ob ich ich deshalb eher stolz sein sollte. Wenigstens habe ich den Schlüssel richtig verloren, und war nicht so dämlich ihn in meinen Spind einzuschließen. Das Ergebnis ist aber so oder so das Selbe: Morgen muss ich mir ein neues Schloss kaufen. Als Andenken an das tolle Erlebnis habe ich das zerbrochene Schloss aufgehoben und unter mein Kopfkissen gelegt. Soll Glück bringen, habe ich gehört.

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