Er filmte, was niemand filmte und machte, was er wollte. Bela Tarr war ein ungarischer Künstler außerhalb aller erdenklichen Normen. Am 6. Juni 2026 starb er in Budapest.

Satantango ist ein Unikum der Filmkunst. Gleich die erste Szene zeigt gut sieben Minuten lang lediglich umherschweifende Kühe. In knapp sieben Stunden Gesamtlänge taucht der Film in ein kleines Dorf ein, über dem ein Schleier der Schwere liegt. Als die junge Estike sich selbst umbringt, ruht die einzige Hoffnung auf Erlösung auf dem Betrüger Irimiás. Während ein durchschnittlicher moderner Hollywood-Film alle zweieinhalb Sekunden schneidet, wechselt die Kameraeinstellung im Schnitt gerade einmal alle zweieinhalb Minuten. Kamera und Ton sind längst vor dem Geschehen da und sie verbleiben auch noch länger. Die Leinwand ist in Schwarz-Weiß getaucht. Die Reduktion von Reizen und die bewusste Langsamkeit sollen einer stärkeren Immersion in die Gefühlswelt der Akteure dienen. Sie ermöglichen ein Suchen und Finden innerhalb der Szenen und bilden das Fundament von Tarrs Filmografie.

Was zeichnet also das Werk und die Philosophie des ungarischen Künstlers, Poeten und Rebellen aus? Mit 22 Jahren, nach Arbeit auf einer Werft und Ablehnung einer Philosophie-Bewerbung an der Eötvös-Lorand-Universität, realisiert er bereits seinen ersten Film. 1977 zeigt Family Nest bereits die Dissonanz unterschiedlicher Charaktere vor dem Hintergrund des Großstadtalltags in Budapest. Danach ändert sich sein Stil. Er wendet sich vom Realismus ab. Abstraktismus, gekennzeichnet durch Kryptik, Poesie und Mystik, hält Einzug.

Nun arbeitet er für seine weiteren Filme mit dem Schriftsteller László Krasznahorkai zusammen. So auch für Werckmeister Harmonies: Der Film folgt dem jungen Bewohner Janos Valuska, der mehr und mehr verzweifelnd beobachten muss, wie die Stimmung in der Stadt umschlägt. Der Winter beginnt, das Klima wird kälter, die Kohlen weniger und die Gerüchte um einen mysteriösen Reisezirkus kochen hoch. Man ist sich nie sicher, wie viel Janos hinter seinen angestrengten Augen versteht. Was auch immer hier vorgeht, es irritiert. Jeder Charakter symbolisiert unterschiedliche, menschliche Umgangsformen mit gesellschaftlicher Unruhe, sodass letztendlich eine Metapher für das Entstehen faschistischer Strukturen entsteht.

Und auch seine anderen Werke lassen einen seiner Grundsätze durchscheinen. Er widmet sich den „armen, hässlichen, traurigen Leuten“ und sagt in Retrospektive auf seine Karriere: „Ich arbeite seit 30 Jahren und ich mache immer wieder den gleichen Film (…) über die Würde des Menschen.“

Doch vor allem fällt die nihilistische Ader auf, die wie ein Schatten über Bela Tarrs Gesamtwerk liegt. Die Menschen können nur durch falsche Propheten ihrer Gleichgültigkeit entkommen. Wenn die Spinnen ihre Netze weben, werden die Fäden im nächsten Moment wieder zerrissen. Mühen und Leiden werden lediglich durch Kneipenabende kontrastiert.

Und dennoch bleibt nicht nur Weltschmerz und Pessimismus. Bela Tarrs Werk bleibt ein Gegenentwurf, nicht nur auf der Ebene der Filmkunst. Es hinterfragt Strukturen, fordert Utopien und greift den spirituellen Stillstand der heutigen Zeit an. Empathie tritt an vorderste Stelle und auch an den gottverlassensten Orten blitzt immer wieder Schönheit durch.

Mit einem goldenen Bären in der Hand beendet Bela Tarr 2011 seine Karriere. Als 2020 die Regierung beschließt, in die Entscheidungsprozesse Ungarns bedeutendster Filmuniversität, der SZFE, einzugreifen, übernimmt er die Präsidentschaft einer Gegen-Uni, wo regimekritische Künstler ihre Ausbildung weiterführen können.

Der langjährige Freund, Kollege und Literaturnobelpreisträger László Krasznahorkai verabschiedete Bela Tarr mit den Worten: „Wer ist der nächste Rebell? Wer wird kommen? Wer wird alles auseinandertreten?“


Foto: Pavel Bednařík (WMCZ)