Wie schafft man einen Ort für Gemeinschaft, politischen Austausch und Kultur fern der Heimat? Das ukrainische Kunstkollektiv Vegyeskereskedés versucht genau das mit offenen Ausstellungen, heimischen Traditionen und einer großen Portion Experimentierfreude.

Ein sieben Meter langer Tisch steht im Innenhof eines Wohnhauses im achten Bezirk von Budapest. Nachbar*innen treffen aufeinander, richten ukrainisches Essen an und kommen ins Gespräch. Viele begegnen sich seit Jahren nur flüchtig im Treppenhaus, jetzt sitzen sie erstmals zusammen. „Wir Ukrainer*innen sind sehr gemeinschaftsorientiert“, erzählt Sasha. Gemeinsam mit dem Künstler und Aktivisten Taras Tolstikov organisierte sie das „Neighbours’ Supper“ als Projekt ihres experimentellen Kunstkollektivs. Die beiden treffen sich in Taras Wohnung, über dessen Eingangstür ein weißes Schild mit großen roten Buchstaben hängt: Vegyeskereskedés.

Ein experimentelles Kulturprojekt

Der Name des ukrainischen Kunstkollektivs kommt aus dem Ungarischen und bedeutet „Gemischtwarenladen“. Das beschreibt auch das Selbstverständnis des Duos. Sie verstehen sich als inklusiver Kulturraum, in dem Menschen Unterschiedliches finden können, sei es Kunst, Begegnungen, politischen Austausch oder Antworten auf persönliche Fragen. Von selbstreflexiven Kunstprojekten und politischen Ausstellungen im wohnungseigenen Atelier, über Nachbarschaftsdinner und aktivistische Aktionen im bunten Józsefváros, geht die Arbeit des Kollektivs weit über reine Kunstproduktion hinaus. Feste Regeln gibt es dabei kaum. „Wir arbeiten sehr experimentell“, erklärt Taras. Viele ihrer Projekte entstehen aus dem Ausprobieren heraus, oft ohne vorher zu wissen, ob eine Idee überhaupt funktionieren wird.

Das erste „Neighbours’ Supper“ des Kollektivs im Bezirk Józsefváros.

Die beiden Ukrainer*innen kamen aus unterschiedlichen Gründen nach Budapest, arbeiten heute jedoch eng zusammen. Sasha arbeitet als Beamtin für eine internationale Organisation und interessiert sich für interdisziplinäre Künste. Taras ist bildender Künstler und Aktivist. Trotz ihrer unterschiedlichen Zugänge beschreiben beide ihre Zusammenarbeit als intuitiv. „Ich bringe das Visuelle mit“, sagt Taras. Sasha wiederum interessiere, „wie Menschen sich selbst und andere innerhalb ihres Umfelds entdecken können.“ Gemeinsam, so sagen sie, entstehe daraus das, was Vegyeskereskedés ausmacht.

Vor etwa einem Jahr öffneten die beiden die Tür zu Taras Atelier für Nachbar*innen sowie Freund*innen. Getrieben von dem Wunsch, die Kunstszene politischer zu gestalten, verwandelte sich der offene Kunstraum schnell in ein gemeinschaftsorientiertes Kulturprojekt.

Kunst reagiert auf Politik

Ihr bedeutendstes Ereignis sei ihre erste Kunstausstellung „Piece, Peace, Peas“ gewesen. Mit Gemälden und Installationen reagierte das Kollektiv auf die Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine unter der Trump-Regierung und richtete den Blick auf Ungarns Position im Krieg. Für Sasha und Taras wurde sie zum Ausgangspunkt einer grundsätzlichen Frage: Wie lebt es sich als Ukrainer*in in Budapest, während der Krieg die eigene Heimat bestimmt und die Ukraine zugleich Teil politischer Debatten in Ungarn wird? Auf die Ausstellung folgten weitere Projekte, darunter verschiedene Workshops, eine Solidaritätsausstellung für die Trans-Community in Budapest, eine Drag-Show, “Speed-Friending-Events” sowie das gemeinsame Hof-Dinner mit den Nachbar*innen ihres Wohnhauses. Die Idee dazu stammte aus ihrer ukrainischen Kultur. Aus Holzresten bauten sie dafür einen langen Tisch und klopften mit einem ungarischsprachigen Freund an jede Wohnungstür des Gebäudes, um die Bewohner*innen persönlich einzuladen.

Zwischen Ungarn und der Ukraine

Gerade der Wunsch, Menschen zusammenzubringen, bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich. Zwischen ukrainischer Herkunft, internationalem Publikum und ungarischem Alltag bewegt sich das Kollektiv oft zwischen verschiedenen Welten. Da Sasha und Taras kein Ungarisch sprechen, finden die meisten Veranstaltungen auf Englisch statt. Das ziehe viele Expats an, schaffe aber auch Grenzen. „Manche Menschen, vor allem ältere, kommen vielleicht nicht oder verstehen nicht alles, weil wir kein Ungarisch sprechen.“ Die Sprachbarriere gehöre zu den Herausforderungen ihrer Arbeit. „Wir bewegen uns zwischen zwei Sprachen und Kulturen und können die Gemeinschaft deshalb auf eine andere Weise erreichen. Vielleicht macht uns genau das besonders.“

Die Frage nach Zugehörigkeit begleitet die Arbeit von Vegyeskereskedés sowohl auf kultureller und sprachlicher, als auch auf politischer Ebene. Eine Rückkehr in seine Heimat war für Taras schon lange vor Ausbruch des Ukraine-Krieges keine Option mehr. „Da ich aus Donezk komme, kann ich eigentlich nicht mehr nach Hause zurückkehren“, erzählt er. Die Stadt steht seit 2014 unter russischer Kontrolle. Sasha erinnert sich an die allgegenwärtigen Wahlkampfplakate mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj während des ungarischen Wahlkampfs 2025/2026. Die damalige Regierung Viktor Orbáns machte die Ukraine und ihren Präsidenten zu einem zentralen Motiv ihrer Kampagnen und stellte sie immer wieder als Bedrohung für ungarische Interessen dar. „Meinen Präsidenten überall zu sehen, war verdammt seltsam“, erzählt Sasha. Als bedrohlich habe sie das nicht empfunden, eher surreal. „Ich lebe in einem völlig anderen Land und plötzlich sehe ich überall Selenskyj.“ Persönliche Anfeindungen hätten beide kaum erlebt. Vielmehr habe sie die Situation darin bestärkt, mit ihrer Kunst auf politische Entwicklungen in Ungarn und der Ukraine zu reagieren. „Wir greifen immer wieder auf, was in der Ukraine passiert, nicht nur hier in Ungarn“, so das Kollektiv. Besonders am Herzen liegt ihnen deshalb die ukrainische Community in Budapest. Mit ihren Projekten möchten sie einen unabhängigen Begegnungsort schaffen, der ukrainische Kultur, Queerness und Inklusion lebt.

Kreativität statt Rückzug

Trotz der politischen Frustration und gesellschaftlichen Spannungen blicken Taras und Sasha nach vorn. Den ungarischen Regierungswechsel im April 2026 erlebten beide als spürbare Veränderung der Atmosphäre in der Hauptstadt. „Die Menschen sind freundlicher geworden.“ Unter die Aufbruchsstimmung mischt sich jedoch auch eine gewisse Skepsis: „Es gibt viel Hoffnung, aber die Menschen halten sich noch etwas zurück.“ Viele Menschen würden erst einmal abwarten, ob sich die politischen Versprechen tatsächlich im Alltag bemerkbar machen.

Mit der „Piece, Peace, Peas“ Ausstellung reagierte Vegyeskereskedés im März 2025 auf die politischen Verhandlungen über den Ukraine-Krieg.

Für Vegyeskereskedés bedeutet diese Unsicherheit allerdings keinen Rückzug. Ganz im Gegenteil sprudelt das Kollektiv weiterhin voller kreativer Ideen für nächste Projekte. Das „Neighbours’ Supper“ am selbstgebauten Tisch im Innenhof soll zu einer festen Tradition werden und auch die Planung von zukünftigen Ausstellungen, Tanzworkshops und Stadtführungen ist bereits in vollem Gange. Nach einem Jahr voller politischer Fragen rücken damit Themen wie Gemeinschaft, Diversität, Selbstreflexion und die Sichtbarkeit ukrainischer Kultur stärker in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. „Vielleicht schaffen wir es ja tatsächlich, eine ukrainische Kunstszene aufzubauen“, hofft Taras. Dass viele dieser Ideen zunächst nur Experimente sind, stört die beiden nicht. Das Nachbarschaftsdinner begann schließlich genauso.


Fotos: Vegyeskereskedés