Liv wurde in die Hertha Fankultur hineingeboren. Was die Stimmung im Stadion und die emotionale Bindung an einen Verein ausmacht, ist für die unter uns, die Fußball vor allem mit brüllenden Männern oder Spießbürgertum vor dem Grill verbinden, fast unvorstellbar. Die Frage um Linkssein im Fußball und die Rolle des Frauenfußballs.
Bereits als Kind hat Livs Vater sie mit ins Stadion genommen und sie hat auf den Bänken geschlafen. Sie ist also quasi im Stadion aufgewachsen. „Am Fußballspielen selbst hatte ich irgendwie nie Interesse. Ich habe immer lieber zugeguckt.“ Was macht diese Faszination am bloßen Zusehen aus? Allein der gemeinsame Weg ins Stadion ist für Liv schon ein wichtiges Ritual vor jedem Spiel. Kleine Momente, die eigentlich Fremde miteinander verbinden, betonen für Liv die Gemeinschaft, die man in einem Verein findet.
Bereits in der U-Bahn sprechen wir mit einem Mann in blau-weißer Montur. Es geht um die politische Ausrichtung der beiden Berliner Vereine Hertha BSC und Union. Während beide mittlerweile für ihre Rivalität miteinander bekannt sind, gab es in den 1990er Jahren, direkt nach der Wende, tatsächlich eine kurze Zeit der Freundschaft zwischen den Vereinen. Sowohl linke, als auch rechte Strömungen gibt es in beiden Vereinen. Besonders seit 2024 beobachtet der Verfassungsschutz größer werdende Neonazi-Organisationen wie DJV, deren oft sehr junge Mitglieder sich in Teilen mit der Fanszene von Hertha BSC oder der von Union identifizieren. Union gelte, so Liv, besonders für viele zugezogene Studierende in Berlin als der „kultigere“ Verein. Für sie ist das ungerechtfertigt. Dass eine Rivalität entstanden ist, ist für Liv bei zwei Vereinen, die die dieselbe Stadt vertreten, aber naheliegend. „Klar gibt die Rivalität mir auch etwas. Einen gemeinsamen Feind zu haben, bildet Gemeinschaft. Dadurch chille ich auch teilweise mit Leuten, mit denen ich sonst nichts zu tun hätte.“ Auf die Frage, ob diese Art der Gemeinschaft nicht problematisch sei, antwortet Liv nur: „Safe! Das zeigt halt auch irgendwo, wie einfach Fußball gestrickt ist. Ich würde aber keinen Unioner verhauen, das finde ich lost.“
Blau-weißes Meer
„Willkommen in meinem Wohnzimmer.“, sagt Liv, während wir das Stadion betreten und die Ränge ein Stück hinunter zu unseren Plätzen im Block P laufen. Durch die Boxen schallt „Alles glänzt“ von Peter Fox. Viel mehr Fußball-Stimmung und Berliner Lokalpatriotismus geht kaum. Der Platz wirkt aus der Nähe viel kleiner als die große grüne Fläche, die bei Fußballspielen im Fernsehen vom einen bis zum anderen Ende des Bildschirms flimmert. Hinter einer Absperrung links vom Block P ist die Ostkurve. Hier erstreckt sich ein blau-weißes Meer aus Flaggen „Die Banner sind von den verschiedenen Fanclubs.“, erklärt Liv. Aus der Masse ragen Banner mit Aufschriften wie „Assi und Charmant“ oder „Preußen Horde“. Ganz unten hinter einem Banner mit vier Köpfen stehen die Ultras. Sie sind nicht nur besonders leidenschaftliche Fans, sie organisieren auch die Fangesänge und Choreos im Stadion. Dafür gibt es sogar eine spezielle Person, erklärt Liv: den Capo. Sowohl in unserem Abschnitt, als auch in der Ostkurve tragen die Menschen Hertha Trikots, Schals, Hüte und einige sogar Flipflops. Auch das ein oder andere „1892“ Tattoo, also das Jahr, in dem der Verein Hertha BSC gegründet wurde, auf dem Arm oder auf der Brust wird hier fröhlich präsentiert. Liv begrüßt ein paar Leute, die sie bei den Spielen regelmäßig sieht. Im Stadion werden die Vornamen der Spieler durchgesagt, worauf die Hertha Fans voller Enthusiasmus mit den Nachnamen der Spieler antworten. Auf die Vornamen der Spieler von Greuther Fürth antwortet das blau-weiße Meer nur: „Na und?“ Eine halbe Stunde nach Anpfiff geht es auch fußballerisch langsam los. Die Fans sind aber schon die ganze Zeit hoch motiviert.
Wer ist links genug?
Die meisten Fußballvereine können nicht einer klaren politischen Position zugeordnet werden. Als Ausnahme im Profifußball gilt der FC St. Pauli. Seit der Politisierung des Hamburger Clubs ist er untrennbar mit seinem Ruf als rebellischer und linker Verein verbunden. Wenn Leute sie skeptisch fragen, warum sie denn Hertha-Fan sei, da ihr Verein nicht so deutlich politisch links einzuordnen ist, wie es beispielsweise bei St. Pauli der Fall ist, fühlt es sich für Liv an, als würde ihr ihr Fan-Sein und ihre linke Haltung abgesprochen werden. Dabei leiste sie in ihrem Verein wichtige politische Arbeit durch ihre Beteiligung an Veranstaltungen von “1892HILFT” und versuche, Dinge zu verändern, einen positiven Einfluss auf den Verein zu haben oder auch durch linke Slogans auf dem Trikot im Stadion Präsenz zu zeigen. „Es ist eben auch viel einfacher, sich in Kreuzberg hinzustellen und Scheiß Nazis zu rufen als in irgendeinem Kaff in Sachsen.“ Es nerve sie, dass sich viele Leute, die eigentlich nichts mit Fußball zu tun haben, beispielweise St. Pauli als den Verein „aussuchen“, von dem sie Fan sein wollen. Aber so funktioniert es in Livs Augen nicht. Sie findet es gut, wenn Leute ihre lokalen Vereine unterstützen. „Ich habe mir nicht ausgesucht, Fan zu werden.“ Trotz des Leids, der ihr Verein ihr zufüge, gehe sie immer wieder zu den Spielen. „Aber vielleicht bin ich da auch zu lokalpatriotisch“, sagt sie mit einem Lachen. Sich nicht auszusuchen, Fan eines Fußballvereins zu werden, klingt nicht weit davon entfernt, in eine Religion hineingeboren zu werden.
Fußball Sensibelchen
Die Fangesänge, die durch das Stadion schallen, klingen wie eine romantische Liebeserklärung. „Du bist die Liebe meines, meines ganzen Lebens, ich lass dich nie allein. Komme was wolle, ich werd´ dir immer treu sein, das hab ich dir geschworen, von jetzt bis alle Zeit.“ So leidenschaftlich und zärtlich zugleich bekunden die Fans ihre Liebe und Treue zum Verein, unter ihnen, typisch, besonders viele Männer. Die Hertha-Poesie lässt einen beinahe am typisch männlichen ignoranten, pöbelnden Fußballfan zweifeln. „Toxische Maskulinät ist natürlich ein Riesen Ding im Fußball.“, sagt Liv, „Aber von außen betrachtet ist es schon niedlich zu sehen, dass sich erwachsene Männer die Woche über zum Basteln von Plakaten treffen oder wenn super breite Pumper heulen, weil Hertha abgestiegen ist.” Auch Liv hat schon über Niederlagen Herthas geweint. „Einmal hat mich eine Freundin begleitet. Es war ihr erstes mal im Stadion und sie musste mich dann trösten, als klar wurde, dass Hertha in die zweite Liga absteigt.“
Die zweite Halbzeit beginnt und Spieler Nr. 11 von Greuther Fürth schlägt mit Händen und Füßen auf den Boden. Michaël Cuisance von Hertha schießt das zweite Tor. Es läuft noch immer gut für Hertha. In der Ostkurve werden Plakate hochgehalten: „Aussitzen ist keine Politik – Stadion jetzt – Iris Spranger – Schluss mit Stillstand“. Im Januar kam es bei einem Spiel zwischen Hertha BSC und dem FC Schalke 04 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Hertha Fans und der Polizei. Liv war daran nicht beteiligt, bei dem Spiel aber auch anwesend. Sie betont, wie ungerechtfertigt stark die Polizei oft Fußballfans angreife. Das liege auch an der Stigmatisierung der Fans als pöbelnde Chaosstifter, da Fußball ursprünglich vor Allem ein Arbeiter Sport gewesen sei. Liv kritisiert das Verhalten der Polizei, die seit dem Vorfall im Januar nicht in den Dialog mit dem Verein getreten sei: „Wie willst du eine Lösung finden wenn die gar nicht an einer Lösung interessiert sind?“Auch Iris Spranger, der Berliner Senatorin für Inneres und Sport, werfen die Fans vor, das Verhalten der Polizei nicht genug zu kritisieren und mit Vertreter*innen des Vereins nicht in den Dialog zu gehen.

Nachdem in der zweiten Halbzeit noch ein Tor für Greuther Fürth fällt, lassen die Fans, repräsentiert vom grünen Kleeblatt, irgendwann ihre Fähnchen und Plakate sinken. „Wofür supported man die Mannschaft, wenn sie scheiße spielt?“, sagt Liv. Nach bedingungsloser Liebe klingt das nicht. Hertha BSC gewinnt schließlich mit 2:1 und die Fans liegen sich in den Armen, weinen und schunkeln hin und her. „Wir sind asoziale Hauptstädter“, singen sie im Chor. Beim Spiel der Hertha Herren waren 44.621 Zuschauer anwesend.
Mit unseren Dauerkarten können wir später auch das Spiel der Frauenmannschaft gegen den FFV Erfurt beobachten, dieses mal von der Ostkurve aus. Der Mann, den Liv am Anfang begrüßt hat, ist nicht geblieben. Obwohl diejenigen, die bei dem Spiel der Herrenmannschaft im Stadion anwesend waren, für das anschließende Spiel der Frauen nicht extra bezahlen müssen, scheinen an dem Spiel nicht alle interessiert zu sein. Die eingeschweißten Fans bleiben jedoch, wenn zu Teilen auch weniger motiviert als zuvor. Auch für Liv ist es das erste Mal, dass sie die Hertha Frauen live im Stadion sieht. Es wird geschrien und gesungen, doch genauso gut organisiert wie bei den Herren scheinen die Fans hier nicht zu sein. Kurz vor der zweiten Halbzeit schießen die Hertha Frauen bereits das zweite Tor: 2 zu 0. Tatsächlich hat die Frauen Mannschaft eine ganz eigene Ultra Szene. Und das obwohl die Frauenmannschaft als solche noch nicht lange existiert. Erst 2023 endete die Kooperation zwischen Hertha und der Turbine Potsdam. Bis dahin hatte Hertha keine eigene Frauenabteilung.
Ob es an einem mangelnden Interesse am Frauenfußball liegt oder daran, dass alle nun schon den ganzen Nachmittag auf den Beinen sind: Die drei Tore, die die Hertha Frauen in der zweiten Halbzeit machen, bekommen viele Fans kaum noch mit. Nichtsdestotrotz erreicht die Zahl der Anwesenden im Stadion für ein Frauenfußballspiel der Regionalliga mit 14.500 Menschen eine beachtliche Zahl. Die Summe der Tore, die die Frauen am Ende mit einem Sieg von 5:0 zu den Meisterinnen ihrer Regionalliga machen. Liv steht auf ihrem Stuhl und hat Tränen in den Augen, „We are the Champions” tönt durch die Boxen des Stadions. Als Kind hat Liv mit ihrem Vater traditionell nach jedem Sieg der Mannschaft einen warmen Kakao getrunken, erzählt sie liebevoll: „wobei, im Winter auch, wenn wir nicht gewonnen haben.“ Für uns gibt es heute keinen Kakao. Nach gleich zwei Stadion Spielen schmücken in der S-Bahn zwei Teenager, die Fenster mit Hertha Stickern. Eben alles für die Liebe ihres Lebens.
Fotos: Thordis Schreiber







