Home Gesellschaft „Ich habe auch noch das Gefühl von Ekel in mir“

„Ich habe auch noch das Gefühl von Ekel in mir“

0

Wir sind feministisch und progressiv! … Oder? Unsere Redakteurin Mercan Kentel besuchte die Ausstellung „Blut ohne Gewalt“ und fragt sich, warum Menstruationsblut immer noch Scham auslöst – und was Gewalt, Körperkontrolle und Aktivismus damit zu tun haben.

Vor einer kleinen Galerie fängt das Schaufenster das letzte Licht des Abends ein.  Davor stehen junge Menschen, trinken Sekt und plaudern. Drinnen hängen, liegen und stehen zahlreiche künstlerische Arbeiten. Sie alle beschäftigen sich mit Blut. Genauer: Menstruationsblut.

Der Eintritt ist ab 5 Euro auf Spendenbasis. Die Kosten der privat finanzierten Ausstellung sollen durch die Einnahmen gedeckt werden. Es ist der Preis, um über ein Thema zu reden, das längst schon im Alltag unserer Gesellschaft angekommen sein sollte.

Störendes Blut

Die Ausstellung „Blut ohne Gewalt“, die vom 13. bis 19. Juni lief und durch die feministische Punkband Menstruationsmassaker organisiert wurde, möchte eine ungewöhnliche Perspektive öffnen. Das Motto: „Menstruationsblut ist das einzige Blut, das fließt, ohne dass jemand verletzt wird.“

Die Galerie Newman, ansässig im sogenannten „Regenbogenkiez in Schöneberg, stellt zeitgenössische queere Kunst aus. Bisher seien dort jedoch vor allem Perspektiven queerer Männer sichtbar gewesen, sagt Lila Couceiro. Sie ist eine von zwei Kuratorinnen und Sängerin der Band. FLINTA*-Perspektiven seien dort bisher eher unterrepräsentiert gewesen. „Wir kamen hier rein, und haben nur Schwänze gesehen.“ erzählt Couceiro. Gerade deshalb habe die Galerie die Ausstellung unterstützen und Sichtbarkeit für dieses Thema schaffen wollen, in dem sie menstruierenden Körpern einen Raum geben.

Die Ausstellung lässt sich als Kommentar auf gesellschaftliche Kontrolllogiken lesen. Vielleicht wirkt Menstruationsblut nicht allein deshalb bedrohlich, weil es Blut ist, sondern weil es an Abhängigkeit, Körperlichkeit und Unverfügbarkeit erinnert. An eine zyklische Zeit, die nicht in die Logik permanenter Leistungsbereitschaft passt. Die Tabuisierung der Menstruation funktioniert als eine Technik der Unterwerfung eines Körpers, der sich nicht kontrollieren lässt.

Auf die Frage der Galerie, ob Männer in der Ausstellung willkommen seien, antwortete Couceiro: „Ja, wir wollen das. Wir wollen aufklären.“ Es gehe ihnen nicht darum, einen geschlossenen Raum für ohnehin Überzeugte zu schaffen. Im Gegenteil: Wer nicht menstruieren kann, solle erst recht hinschauen. Das Thema sei längst nicht erledigt. Wir sprechen über Menstruationshütten und die Gender-Apartheid in Afghanistan. Und auch darüber, dass Menstruation nach wie vor häufig an Bedingungen geknüpft ist: Sie soll sauber, diskret, geruchlos und kontrollierbar sein.

300 Millionen und trotzdem unsichtbar

Ein Werk zieht den Blick besonders auf sich.  „In diesem Moment, während du das liest, haben schätzungsweise über 300 Millionen Menschen weltweit ihre Periode“, steht im Werk von Constanze Kollosche, eine der 38 ausgestellten Künstler*innen. Der Titel: „Das unsichtbare Wunder“.

Kaum vorstellbar: Wenn jede menstruierende Person durchschnittlich 60 Milliliter Blut verliert, kommen 18 Millionen Liter vergossenes Blut zusammen. Genug für sieben olympische Schwimmbecken, 72.000 Badewannen oder 36 Millionen Mate Flaschen. Es würde auch reichen, um eines der 16 männlich bespielten WM-Fußballfelder in ein beachtliches Schwimmbecken mit einer Tiefe von 2,5 Metern zu verwandeln. Gewaltvoll vergossenes Blut wird politisch, historisch, heroisch oder tragisch erinnert. Menstruationsblut hingegen wird privatisiert, hygienisiert und beschämt. Das Blut, das aus Verletzungen fließt, bekommt Denkmäler, Schlagzeilen und Narrative. Das Blut ohne Gewalt verschwindet in Tampons, Werbespots mit blauer Flüssigkeit und dem panischen Griff zur Hose, wenn sich ein Fleck abzeichnet.

Es ist kein Geheimnis, dass Konzepte ritueller Unreinheit in diversen Religionen und Kulturen bis heute die blutende Frau als „schmutzig“ betrachten. Viele Mädchen schämen sich für ihre Regelblutung. Nach wie vor fehlt es an ausreichender Aufklärung, wie auch wissenschaftlicher Forschung zu Körpern mit Zyklus.

Erst seit wenigen Jahren gibt es in Politik, Medizin und Wissenschaft mehr Sichtbarkeit. 2023 gab die Bundesregierung erstmalig fünf Millionen Euro an Fördergeldern für Endometriose frei. Zum Vergleich: In den letzten 20 Jahren wurden lediglich 500.000 Euro insgesamt für die Erforschung bereitgestellt. Auch Gender Data Gaps werden seit kurzem stärker problematisiert. Und im Leistungssport wird der Zyklus mittlerweile häufiger mitberücksichtigt und ist im professionellen Mainstream angekommen. Sind diese Fortschritte ein Grund, um sich zurückzulehnen? Sicher nicht.

Sichtbarkeit ist noch keine Befreiung 

Gegenwärtige Produkte wie Intim-Deo zeigen auf, wie verinnerlicht Scham in unserer Gesellschaft ist – ebenfalls bei Frauen. Auch Lila spricht davon. Beim Ausstellungsaufbau habe sie sich mit ihren eigenen Berührungsängsten und Schamgefühlen konfrontiert gesehen:

„Ich habe auch noch das Gefühl von Ekel in mir.“

Vielleicht ist das der stärkste Moment der Ausstellung. Die Ausstellung holt Menstruationsblut in den Galerieraum, aber dort soll es nicht bleiben. Raus aus der Nische, raus aus der Scham, raus aus der privaten Hygienezone.

Das gilt auch für den universitären Raum. Es geht nicht nur darum, ob auf Uni-Toiletten genügend Tampons und Binden ausliegen. Auch der Hochschulalltag muss Körper mit Zyklus mitdenken. Seminare, Klausuren, Nebenjobs, Bibliotheksaufenthalte, Mensen. Der ideale studentische Körper ist nach wie vor verfügbar, leistungsfähig, konzentriert und passt in die Ordnung.

Für Menstruationsmassaker soll „Blut ohne Gewalt“ kein abgeschlossenes Projekt bleiben. Couceiro erzählt, dass zur Band ab Juli auch ein Kollektiv entstehen soll: mehr Menschen, mehr helfende Hände, mehr Aktivismus. Geplant sind Demos, ein Podcast und jährliche Ausstellungen zu Themen wie Gewalt gegen Frauen, Abtreibung oder Menopause.


Foto: Lena Ures