Von allen Ländern, die ich als 18-jähriger Backpacker nach dem Abitur in Lateinamerika bereiste, hatte Brasilien den vermutlich nachhaltigsten Effekt auf mich. Sechs Jahre später stehe ich kurz vor dem Bachelor, als es mich, nun als Austauschstudent der HU, erneut in das fünftgrößte Land der Erde verschlägt. Eindrücke einer Rückkehr.
Spätestens als die ersten Freunde beim gemeinsamen Mittagessen über ihren Gemüse-Knusper-Ringel gebeugt von langen Nächten in den Pubs von Edinburgh oder Lesegruppen an der Barceloneta berichteten, packte auch mich die Lust auf einen Studienaufenthalt weit entfernt vom S-Bahnhof Friedrichstraße und Unter den Linden. Und weit entfernt wurde es. So hat die HU neben den durch das Erasmus-Programm abgedeckten Austauschzielen eine Vielzahl von Partnerschaften mit Universitäten auf der ganzen Welt. Darunter auch die Universidade de São Paulo (USP), gelegen im größten Ballungsgebiet Lateinamerikas, das ab Spätsommer 2023 für zwei Semester mein neues Zuhause werden sollte.
Was bisher geschah
Es würde nicht mein erstes Mal in Brasilien sein. Wie so viele Sprösslinge der deutschen Mittelschicht, die nach der abgeschlossenen Oberstufe das Glück haben, sich mit beginnender Volljährigkeit nicht sofort dem gesellschaftlichen Leistungsgebot unterwerfen zu müssen, habe ich mich ein paar Mal in den Oberarm piksen lassen, das Opinel mit dem Mikrofaser-Handtuch in den Deuter geworfen und meine Odyssee in wärmere Breitengrade aufgenommen. Doch soll das hier kein Bericht über die Schiffbrüche und Sirenenklänge dieser Zeit sein. Und so flog ich 13 durchwachsene Monate später, von denen ich die letzten vier in Brasilien verbrachte, mit schwerem Herzen zurück in die alte Welt.
Vorbereitungen im Limbo
Für den von der USP erforderten B1-Sprachnachweis erwies sich mein auf dieser Reise angeeignetes Hostel-Portugiesisch letztendlich als überraschend belastbare Grundlage. Weniger einfach gestaltete sich jedoch die Beschaffung des Studentenvisums in der brasilianischen Botschaft. Denn die für meinen Fall zuständige Mitarbeiterin ließ mich – scheinbar nicht ganz ohne Wohlgefallen an meiner offensichtlichen Verzweiflung und der Macht ihres bürokratischen Gnadenstempels – bis 16 Stunden vor meinem Abflug um meine rechtzeitige Einreiseerlaubnis bangen. Es sei deswegen geraten, sich frühzeitig (d.h. vor offizieller Zusage der Partneruni) um die einzureichenden Dokumente zu kümmern und sich außerdem nicht durch die anderen Anforderungen des Konsulats in Frankfurt für dort gestellte Anträge verwirren zu lassen.
Die Freunde waren also bereits verabschiedet und der Koffer schon gepackt, als ich noch einmal in der Botschaft auf der Fischerinsel antanzen musste: ein letztes Mal diplomatisch lächeln und der Stein fällt auf der Jannowitzbrücke vom Herzen direkt in die Spree. Am Abend des nächsten Tages geht die Sonne gerade unter, als ich im eine Stunde nördlich gelegenen Campinas aus dem Flughafen komme und auf den Bus in die 12-Millionen-Stadt warte.
Erste Schritte
Von unermesslicher Hilfe bei ersten organisatorischen Fragen, der provisorischen Suche nach einer Unterkunft und der allgemeinen Integration in das Studierendenleben war nicht nur das International-Office der FFLCH (Akronym der geisteswissenschaftlichen Faculdade de Filosofia, Letras, Ciências Humanas). Auch und besonders die mit letzterem assoziierte, selbstorganisierte Student*innengruppe “Ingloba”, die regelmäßig Ausflüge und Veranstaltungen für uns intercambistas plante, war ein wahres Geschenk für die meisten Neuankömmlinge. Durch ihre Vermittlung und mangels anderer Optionen verbrachte ich die ersten Monate in einem aus Glas und Sichtbeton bestehenden Studentenwohnheim und seinen co-living spaces in der Vila Indiana in fußläufiger Entfernung zum Campus. Da mein dürftig eingerichtetes Einzelzimmer aber umgerechnet stolze 600 Euro für sich beanspruchte, wechselte ich bald auf die andere Seite des Rio Pinheiros, wo ich den Rest der Zeit und für nur die Hälfte der Reais nördlich der Vila Madalena lebte. Neben der Suche auf AirBnB und QuintoAndar sind für Interessierte hier noch die Republicas zu erwähnen – studentische WG’s, die freigewordene Zimmer meist in entsprechenden WhatsApp- oder Facebook-Gruppen anbieten.
Die Stadt in der Stadt
Da man bei den in Berlin-Mitte verstreuten Gebäuden der HU ohnehin nicht von einem richtigen Campus sprechen kann, könnte der Kontrast zum Universitätsgelände der USP kaum größer sein. “Próxima estação: Cidade universitária” (“Nächste Station: Universitätsstadt”) kündigt auf der grünen U-Bahn-Linie die Durchsage den nächsten Halt an und verdeutlicht dabei schonmal in welchen Größendimensionen wir uns bewegen. Eine Stadt in der Stadt also, die mit 3,56 Quadratkilometern einmal das Tempelhofer Feld verschluckt. Möchte man sich, einmal angekommen, einen ersten Eindruck verschaffen, steigt man am besten in einen der Ônibus circulares und lässt die Umgebung auf der anderen Seite der milchigen Plexiglas-Fenster an einem vorbeiziehen.
Kurz vor 13 Uhr bilden sich dann vor den Bandejões, den vier auf dem Campus verteilten Mensen, immer länger werdende Menschenschlangen. Zeit sollte man mitbringen, wenn man sich hier einreiht, denn es passiert schon mal, dass man eine Dreiviertel-Stunde darauf wartet, dass das Essen seinen Weg in die Einkerbungen findet, die auf den JVA-Style-Aluminiumplatten für Bohnen, Reis und das fleischige Herzstück der Mahlzeit vorgesehen sind. Was die Wahl zwischen den Mensen angeht, muss abgewogen werden. So trumpft der Bandejão des Chemie-Instituts zwar oft mit kürzeren Wartezeiten auf, doch bezahlt man diesen Vorzug auch mit trockenerem Reis und wässrigeren Bohnen – studentische Dilemmata. Entscheidet man sich für die Geduldsprüfung vor dem Bandejão central, hat man es nach der Fütterung hingegen nicht weit zu einem der Standorte des kostenlosen Kinos der USP, wo, je nach zweiwöchig wechselndem Thema, von Animations- und Dokumentarfilmen zu Bollywood und Cinema Novo alles Mögliche auf die Leinwand projiziert wird.
Der zweite Saal des CINUSP befindet sich übrigens außerhalb des in Butantã liegenden Campus, nahe der Station Higienópolis-Mackenzie, in einem ehemaligen Fakultätsgebäude der FFLCH in der Rua Maria Antônia. Dieses wurde im Oktober 1968 zum Schauplatz einer blutigen Auseinandersetzung zwischen linksgerichteten Student:innen der USP einerseits und der Militärdiktatur wohlgesonnenen Mackenzie-Student:innen und Mitglieder:innen des Comando de Caça aos Comunistas (CCC) [dt.: Kommunistenjagdkommando] andererseits. Eine kleine Ausstellung auf der ersten Etage des Gebäudes erinnert heute an die Schlacht von Maria Antônia und ihr Opfer, den damals 20-jährigen José Guimarães, der durch einen Kopfschuss eines CCC-Mitglieds sein junges Leben verlor.
Doch zurück nach Butantã. Der Gebäudekomplex, zu dem auch die Zentralmensa und das CINUSP gehören, umfasst zudem noch ein Restaurant für alle Ungeduldigen unter den Hungrigen, den Konzertsaal des Uniorchesters, Solanges kleine Schneiderei (Liebe Grüße!) und einen quotierten Wohnkomplex für Student:innen mit geringeren finanziellen Mitteln. Dort begrenzt wird der Campus im Norden durch den Rio Pinheiros und die olympische Ruderbahn, an deren Ufer sich zwar niemals Ruderer, dafür aber immer eine Horde grasender Capybaras tummeln. Gen Nordosten schließt der Campus mit dem CEPE ab, einem riesigen Sportareal samt Freibad und brutalistischem Velodrom.
Spaziergänge von einem Teil des Campus zum anderen führen an leeren Grünflächen und großzügig konzipierten Straßen und Kreisverkehren vorbei. Zwar konnte das autofreundliche Campusdesign manchmal mein Heimweh nach dem Hansaviertel lindern, doch schienen mir die modernistischen Träume, aus denen die Universitätsstadt in den 40er-Jahren mal entsprungen ist, trotzdem schlecht gealtert zu sein. Insbesondere dann natürlich, wenn das Seminar gleich begann und ich, noch einen Halbmarathon entfernt, an meinen europäischen Gehgewohnheiten zu zweifeln begann. Noch beschwerlicher machten diese Spaziergänge manchmal ein paar streunende Hunde, die trotz fehlender Immatrikulation das Unigelände für sich beanspruchten und Erzählungen zufolge auch nicht vor Revierkämpfen mit hilflosen Geographie-Student:innen zurückschreckten.
Und dabei erschöpfen die launischen Straßenhunde und Capybara-Gangs noch nicht einmal die zoologischen Eigenheiten der Cidade universitária. So wird man zum Beispiel mit etwas Glück auf dem Weg zur Mensa des Chemie-Instituts von kleinen Äffchen begleitet, die nach ein paar neugierigen Blicken aber auch schnell wieder das Interesse verlieren und enttäuscht in den Baumkronen verschwinden.
Auf der Busfahrt nach Hause fahren wir an der praça da reitoria gerade an merkwürdigen Falken mit orangefarbenen Schnäbeln vorbei, als Tim Bernardes in meinen Kopfhörern vorwurfsvoll singt “How do you think that we live in Brazil? Hanging with the monkeys of beaches of Rio?”. Well, yes, Tim, something of that sort.
Studieren an der USP
Auch die Art der Lehre an der FFLCH wich deutlich von den mir in Berlin vertrauten Vorgängen ab. Vierstündige Blockeinheiten im Vorlesungsformat sind die Regel. Zwar konnte man die mal mehr, mal weniger anregenden Monologe der Lehrpersonen meist mit Fragen unterbrechen, doch fehlten mir bald die textnahen Diskussionen, die ich in Seminaren an der HU kennengelernt hatte. An heißen Tagen – was in São Paulo die meisten Tage sind – sorgten an den Wänden der Unterrichtsräume angebrachte, rotierende Ventilatoren für einen gelegentlichen Luftzug, den man bereits vermisste, wenn das metallische Windrad sich langsam von einem ab- und der Sitznachbarin zuwendete. So angenehm dieser periodische Kühlvorgang bei 30 Grad im Schatten auch war, so schwer war’s für mich Nicht-Muttersprachler jedoch auch die philosophischen Ausführungen mancher Professor:innen zu verstehen, wenn diese auf Portugiesisch gegen drei Propellermaschinen annuschelten.
Vom globalen Siegeszug der analytischen Philosophie, welche mit der Einverleibung der HU in das bundesrepublikanische Staatsgebiet seit der Wende auch die Lehrstühle der einst von Fichte und Hegel geleiteten Berliner Universität dominiert, war in São Paulo nicht viel zu merken. So ist das 20. Jahrhundert auf dem Lehrplan der FFLCH in erster Linie durch Namen wie Heidegger, Adorno, Benjamin und Foucault vertreten. Bis auf die Lektüre einiger Kurzgeschichten von Borges’ und einer Vorlesung über Lélia Gonzalez’ Afrofeminismo bleibt das Philosophiestudium an der USP damit (soviel war vielleicht abzusehen) einer “europäischen Perspektive” verpflichtet. Allgemein gesprochen, und in erneutem Kontrast zu Berlin, wo man problemlos seinen Bachelor bestreiten kann, ohne sich einmal wirklich den sokratischen Hebammengriffen ausgesetzt zu haben, ist das Studium der Philosophie an der USP deutlich verschulter. Wofür das monologische Vorlesungsformat genauso spricht wie die historische Gliederung der Studienordnung und der Umstand, dass die heimischen Student:innen einen Kurs, sofern in diesem angemeldet, auch absolvieren müssen.
Politische Tuchfühlungen
Das vergleichsweise verschulte Studium und der hauptsächlich von europäischen Denkern geprägte Lehrplan soll jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass man an der FFLCH, wie es sich für eine Fakultät der humanities vermutlich gehört, die Luft eines sehr politisierten Campusklimas einatmete. Von diesem zeugten dabei nicht nur die Graffitis und Poster, die mich beim Vorbeigehen schweigend fragten, wo die schwarzen Professor:innen blieben oder was der oben genannte Hegel mit Haiti zu tun habe – eine Anspielung auf Susan Buck-Morss’ Buch über den haitianischen Sklavenaufstand der black jacobins von 1791, den Hegel damals aus Deutschland verfolgte. Auch hochschulpolitisch ging es so heiß her, dass ein institutsübergreifender Streik der Studentenschaft, welcher erfolgreich gegen den Mangel an Lehrpersonal mobilisierte, mir während des ersten Semesters gleich sechs unterrichtsfreie Wochen bescherte.
Nach dem siebten Oktober und den ersten israelischen Luftangriffen auf Gaza lief man im raumschiffartigen Gebäudekoloss des Instituts für Geschichte und Geographie dann auch an einem Zeltlager nach Columbia-Vorbild vorbei. Nach einem internen Votum beschloss die FFLCH, die Kooperation mit der Haifa University zu beenden. In Gesprächen über die geopolitischen Verwerfungen unserer Zeit drücken sich meine brasilianische Kommiliton:innen entsprechend in einem größtenteils antiimperialistischen Vokabular aus.
Obwohl das in einer Ex-Kolonie Portugals, in die während des transatlantischen Sklavenhandels fast fünf Millionen Menschen aus Afrika verschleppt worden sind, und die erst 1888 von ihrem Rechtsstatus als Besitz Anderer freigesprochen wurden, kaum überraschen kann, war ich doch erstaunt, wie schnell die binäre Aufteilung der Welt in koloniale Unterdrückerstaaten und von diesen unterdrückte Subalterne sich im Falle Russlands ad absurdum führte. So lässt sich durchaus nachvollziehen, dass die sogenannte Friedensordnung der Nachkriegszeit im Hinblick auf Algerien, Palästina und den unzähligen US-amerikanischen Interventionen in Lateinamerika und anderswo für meine Gesprächspartner nur eine euro-amerikanische Chimäre darstellen konnte. Auch blieb ein trotzig-stolzer Unterton nicht aus, wenn man auf den aufsteigenden Stern der BRICS zu sprechen kam. Etwas verdutzt war ich aber, wenn das antiimperiale Bauklotz-Schema auf den Ukraine-Krieg übertragen wurde, der dann nur noch als provozierter Akt russischer Selbstverteidigung zu begreifen war – eine unschuldige Reaktion auf die Nato-Osterweiterung und die expansionistische Politik des Westens allgemein. Umso trauriger, dass diese Argumentation der Propaganda autoritärer Staaten des Globalen Südens auf den Leim geht, die postkoloniale Floskeln verwenden, um die Verantwortung lokaler Akteure für innenpolitische Missstände zu verschleiern.
Doch um zum erwartungsgemäß leichteren Ton eines studentischen Erfahrungsberichts zurückzukommen: Auch mein wöchentliches Gruppentraining im kostenpflichtigen Tennis-Team der FFLCH blieb nicht vom politischen Universitätsleben unberührt. Nach dem unangekündigten Ausbleiben unseres Coaches, entschuldigte sich dieser im Gruppenchat für seine Abwesenheit, nur um erklärend nachzuschieben, dass ihn seine marxistische Hochschulgruppe am Dienstagabend nunmal dringender benötigt habe. Zwei überkreuzte Tennisschläger posieren auf dem Profilfoto der WhatsApp-Gruppe als Hammer und Sichel. Nur meine Rückhand blieb leider weiterhin hinter jeglichen revolutionären Erwartungen zurück.
Abseits des Kurrikulums
Dabei lassen sich an der USP nicht nur aussichtslos Aufschläge ins Netz schlagen. Neben Kanu-Kursen und Fußball lässt sich von Capoeira zu Yoga und BJJ-Angeboten so ziemlich alles finden. Bei den fachbereichseigenen Mannschaften, die jedes Semester in einem alkoholreichen Turnier außerhalb der Stadt gegeneinander antreten, ist außerdem ein bemerkenswert wettbewerbslustiger Fakultätspatriotismus zu verspüren, den ich bis dahin nur aus High School Musical und ähnlicher nordamerikanischer College-Folklore kannte. Schnell wurde mir klar, dass ich mich während meines Aufenthalts, ob ich nun wollte oder nicht, zum Orange-Schwarz und dem Panter-Maskottchen der FFLCH bekennen musste. Was hingegen die Gretchenfrage der heimischen Fußball-Clubs Palmeiras, São Paulo oder Corinthians betrifft, konnte ich mich zu meiner Überraschung bis zum Schluss mit den gehobenen Armen eines Verteidigers nach einer vermeintlich unschuldigen Blutgrätsche aus der Affäre ziehen.
Am Wochenende füllte sich dann mal das eine, mal das andere Institutsgebäude mit feierwütigen Studis, die Hits aus den 2000ern mitgrölen oder in teils eingeübten Choreographien zu Funk-Songs tanzen. Das Bier wird per Pix bezahlt, das brasilianische PayPal-Equivalent; drei Dosen Brahma zum Preis von zwei werden von mobilen Verkäufern, die Gunst der Stunde nutzend, nacheinander aus den rollenden Styropor-Kühltruhen gefischt. Für die Uneingeweihten hier noch der Disclaimer, dass mit ”Funk“ nicht etwa James Brown, Prince oder Earth Wind & Fire gemeint ist, sondern das brasilianisches Pendant zum Reggaeton, das in den 70er-Jahren aus dem Miami Bass hervorging und seitdem in unterschiedlichen regionalen Variationen – mit übersteuerten Beats und synkopierten Ohrfeigensnares als verbindende Elemente – zu einem Kernbestandteil brasilianischer Popkultur avanciert ist.

Jenseits der Uni
Wer es vorzieht, dem Campus am Wochenende fernzubleiben, kann es sich in den Bars oder auf den Plastikstühlen der einfacheren Botecos gemütlich machen. Die im Kühlkondom (camisinha) servierte Literflasche Bier wird geteilt, wobei die begrenzte Füllmenge der so typischen Copos americanos (geriffelter Designklassiker mit breitem Glasrand) häufiges Nachgießen erforderlich macht – ein in mehrerer Hinsicht berauschendes Ritual, das in Brasilien vom Amazonas bis nach Santa Catarina jeder trinkenden Menschenseele geläufig ist und höchstens noch durch einen den Mundraum betäubenden Schluck vom Cachaça de jambú gekrönt zu werden vermag.
Da meine ersten mit 17 Jahren aufkommenden Anzeichen für eine Affinität zum brasilianischen Subkontinent musikalischer Natur waren, durfte ich erleichtert feststellen, dass Bossa-Nova-Pionier und Itamaraty-Diplomat Vinicius de Moraes mit seiner Behauptung, São Paulo sei das Grab des Sambas, Unrecht behalten sollte. So finden sich auch in der Finanzhauptstadt Brasiliens Cavaquinho, Pandeiro und Co. in Rodas de samba zusammen, um in ekstatischen Refrains vom Laiá-laiá textsicherer Chöre begleitet zu werden. Alcione kann beruhigt sein, hier stirbt der Samba vorerst nicht. Heiser und überzeugt, sich trotz Saudade niemals der von den Sambistas so gefürchteten Tristeza ergeben zu wollen, torkelt man nach der dritten Zugabe beseelt ins Uber.
Allein der nächtliche Spaziergang nach Hause ist in São Paulo nicht nur wegen den zurückzulegenden Entfernungen nicht bedenkenlos möglich. Zahlreiche Berichte von unerfreulichen Begegnungen am Straßenrand lassen einen erst realisieren, dass Öffentliche Sicherheit weit mehr als nur eine Chiffre deutscher CDU-Politik sein kann. Besonders eindrücklich ist dies im Herzen der Stadt, wenn gegen Sonnenuntergang die Rollläden schließen und das geschäftige Chaos eines kommerziellen Zentrums dem untertags übertönten Elend in Form von Obdachlosigkeit und Drogenmissbrauch (siehe Cracolândia) weicht, dessen Anblick als Resultat von Verarmungs- und Suburbanisierungsprozessen die traurige Regel in den Zentren vieler lateinamerikanischer Großstädte geworden ist.
Dabei ist es das Stadtzentrum São Paulos, das einem mit Niemeyers Copan, der begehbaren Hochstraße Minhocão oder dem Blick vom SESC 24 de Maio am besten den Sinn für die poetischen Betonkanten der Stadt vermittelt, die Caetano Veloso in „Sampa“ besingt. Und auch sonst lässt das eklektische Potpourri der Gebäude in der Stadt das Herz einer jeden Architekturstudentin höher schlagen. Nicht nur die brutalistische Faculdade de Arquitectura e Urbanismo (FAU) der USP selbst, auch die Projekte der italo-brasilianischen Architekturikone Lina Bo Bardi wie die von ihr zum Kulturzentrum SESC Pompéia umgebaute ehemalige Fassfabrik, das MASP auf der Avenida Paulista oder das lichtdurchflutete damalige Wohnhaus der Bardis lohnen eine Besichtigung.
Ebenfalls lohnenswert, wenn auch nicht nur aus ästhetischen Gründen, ist der Besuch des Templo de Salomão in Belém, der überdimensionale Hauptsitz der christlich-fundamentalistischen Universal-Kirche, die trotz oder gerade wegen ihrer zahlreichen Skandale, beispielhaft für den Trend zum Neo-Evangelikalismus auf dem amerikanischen Kontinent steht. Die im Vergleich winzige katholische Kirche auf der gegenüberliegenden Straßenseite verleiht dem ohnehin schon absurden Anblick des orientalistischen Monstrums, der dem zweiten Jerusalemer Tempel nachempfunden ist, noch eine weitere visuelle Punchline. Wären nicht so viele junge Menschen mit ihren in Leder eingeschlagene Evangelien ehrfürchtig vor dem Eingang gestanden, hätte ich wohl ganz die Freizeitparkatmosphäre genießen können, die vom anliegenden jardim bíblico und den Produkten des Souvenirshops auszugehen scheint.
Abgesehen vom Parque Ibirapuera ist nur die Abwesenheit von Grünflächen ein städtebauliches Manko, das zumindest manchmal durch die Palmen und efeubewachsenen Mauern der kleinen Straßen kompensiert wird. Doch wenn die Betonmassen São Paulos einen trotzdem mal zu erdrücken drohen, dann bietet der Busbahnhof Tietê eine letzte Chance zum Eskapismus. Zwar sind es sieben Stunden nach Paraty, doch ist das für brasilianische Verhältnisse ein Katzensprung, und der über den kurvigen Straßen der satten Mata Atlântica hängende Nebel erleichtert das Auge und beruhigt den Atem auch schon während der Fahrt. Ebenso viele Busstunden entfernt liegt westlich der Guanabara-Bucht Rio de Janeiro, ewige Rivalin São Paulos, die letztere – hier bin ich ganz und gar parteiisch – in Sachen Schönheit mühelos übertrifft. Immer neue Perspektiven bieten sich in dieser Stadt am Atlantik; das leuchtende Meer zur Mittagsstunde, die Bohème-Villen von Santa Teresa, der rotgefärbte Himmel über den von Favelas übersäten morros der Stadt. Bilder, die sich auf der Netzhaut einbrennen und erst wieder von der Klingel verscheucht werden, die an einem Montagmorgen in einem der Seminarräume der USP den Unterrichtsbeginn einläutet.
Viel bleibt mit dem hier Gesagten verschwiegen – das Erbe italienischer Arbeitsimmigration zur Jahrhundertwende, das japanische Viertel Liberdade mit seinen roten, eine verlassene Heimat simulierenden Straßenlaternen, São Paulos koreanische und armenische Diaspora, der grüne Dachgarten des Centro Cultural, die unverputzten Backsteinwände der auch in São Paulo existierenden quebradas, das aus einem offenen Fenster dröhnende Geschrei eines Candomblé-Rituals. All das liegt unter einem, wenn man nach einer zweistündigen Wanderung die Aussichtsplattform des Pico do Jaraguá erreicht und sich irgendwo auf dem Hochplateau Brasiliens Südostens dieser Moloch vor einem erstreckt – der Menschenzoo im Miniaturformat, von einem einzigen Blick erfasst.
Zurück im Großstadtgehege lassen mich die unebenen Bürgersteige unter den offenen Stromleitungen endloser Straßen erneut an die junge Stimme Velosos denken, der vor seiner Exilierung in den 60er-Jahren die selben Kreuzungen überquerte und der schmutzigen Grazie São Paulos seine tropikalistische Ode widmete:
Alguma coisa acontece no meu coração
que só quando cruza a Ipiranga e a avenida São João
É que quando eu cheguei por aqui eu nada entendi
Da dura poesia concreta de tuas esquinas
Da deselegância discreta de tuas meninas
(Etwas geht in meinem Herzen vor,
wenn die Ipiranga und die Avenida São João sich kreuzen
Denn als ich hierherkam, habe ich nichts verstanden
von der harten, konkreten Poesie deiner Straßenecken
von der diskreten Unbeholfenheit deiner Mädchen)
Fotos: Lino Salih Bademsoy







