Vor dem Schlafen gehen Zähne putzen, warm duschen und sich eincremen. Das ist für die meisten von uns Normalität, kann teilweise sogar als lästig nach einem anstrengenden Tag angesehen werden. Für obdachlose Personen ist das Luxus. Wie häufig macht man sich über die Lebensumstände obdachloser Personen Gedanken, geschweige denn über die hygienischen Hürden? Wo besteht im Winter die Möglichkeit, eine warme Dusche mit Privatsphäre zu genießen?

Die Antwort darauf ist: an wenigen Orten. Und meist ist nicht nur die fehlende Privatsphäre ein Problem, sondern auch die limitierte Zeit, wodurch die betroffenen Personen keine Chance auf einen ruhigen Moment für sich haben. Das Duschmobil für obdachlose Frauen bietet seit August 2019 ein neues Konzept in Deutschland an.

Jutta, Sozialarbeiterin und Moni, Technikerin, fahren derzeit an drei Tagen durch Berlin und besuchen verschiedene Standorte, um obdachlosen Frauen ein Badezimmer zu bieten. Bisher werden drei Standorte an der Kurfürstenstraße, dem Leopoldplatz und der Rummelsburger Bucht angefahren. Ich habe mich mit den beiden in der Bucht verabredet, einem der heikelsten Orte in der Stadt.

Dusche und Lebensmittel für Obdachlosen-Camp

Direkt gegenüber dem Ausgang des Bahnhofes Ostkreuz in einer kleinen Straße befindet sich der Eingang zu dem Gelände. Beim Betreten fühle ich mich, im Gegensatz zum turbulenten Bahnhofsalltag, wie in eine andere Welt versetzt. Brachland, kaum Pflanzen oder Gras, eisiger Wind der vom Rummelsburger See durch die kleinen Hügel pfeift. Je weiter man sich auf das Gelände begibt, desto mehr erschließen sich die Ausmaße.

Auf der einen Seite stehen vereinzelt selbstgebaute Hütten, in der Mitte sind Zelte aufgebaut und am anderen Ende findet sich ein großes Camp mit Zelten, Planen und Hütten. Später erfahre ich, dass hier Personen aus Bulgarien und Rumänien, Gastarbeiter und Punker leben. Das Duschmobil arbeitet an diesem Standort mit dem Karuna-Bus zusammen, der regelmäßig das Camp mit Lebensmitteln und warmen Getränken unterstützt.

Ein Blick ins Innere des Berliner Duschmobils. Foto: Jacqueline Kraushaar
Ein Blick ins Innere des Berliner Duschmobils. Foto: Jacqueline Kraushaar

Die erste Person, mit der ich spreche, ist Frieda, sie lebt im Camp, ist Punkerin und begeistert vom Duschmobil, erzählt wie häufig sie das Angebot schon angenommen hat und wie gut es ihr gefällt. Der Name Duschmobil suggeriert natürlich die Möglichkeit zu duschen. Eine Vorstellung, wie der Transporter innen aufgebaut ist, habe ich bis zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht. Von außen wirkt er in der grauen, tristen Umgebung wie eine Einladung. Eine Einladung sich fallen zu lassen, zu entspannen und zu genießen. Eine Einladung in eine Oase. Viele grüne Pflanzen, ein Wasserfall, der in einem klaren Teich mündet und ein Papagei schmücken die Wände des Transporters.

Eine Herzensangelegenheit

Kleinarbeit von Matthias Müller, die Idee hat er aus Paris übernom- men, dort gibt es bereits mehrere Modelle dieser Art. Für den Berliner Unternehmer war das Projekt eine Herzensangelegenheit, der er sich mehrere Monate fast täglich widmete. Übergeben hat er den Transporter dem Sozialdienst katholischer Frauen e.V., die das Duschmobil seit der Fertigstellung auch betreiben. Der Verband kann auf viel Erfahrung in der Hilfe mit Frauen, Familien und Jugendlichen zurück- blicken und hat das Geschenk dankend angenommen. Der Name lässt bei vielen Leuten die Alarmglocken klingeln und auch ich habe mir die Frage gestellt, inwiefern der katholische Aspekt die Arbeit des Duschmobils wohl einschränken könnte.

Sind alle Frauen willkommen? Spielt die Sexualität, die Herkunft oder der Glaube eine Rolle? Darauf habe ich von Jutta eine klare Antwort bekommen: „Nein! Der katholische Glaube ist im übergeordneten Sinne kein Kriterium. Es werden lediglich die Werte des Glaubens unterstützt und umgesetzt. Diese sind jedoch nicht nur dem Christentum zuzuschreiben, sondern finden sich auch in anderen Religionen wieder. Dazu gehört die Wahrung der Menschenrechte, der Grundwerte und der Ehre des einzelnen Menschen, ganz egal ob eine Frau lesbisch ist, transsexuell ist oder einer anderen Religion angehört. Sie hat kein Dach über dem Kopf und braucht Unterstützung in ihrer Situation. Dafür sind wir da!“

Beim Betreten des Duschmobils umhüllt mich die Wärme und ich finde mich in einer Art kleinem Wohnzimmer wieder. Sobald Jutta die Türen schließt, bin ich von der kalten Außenwelt abgeschnitten. Lichterketten und Holzverkleidungen lassen den Bereich gemütlich wirken, dazu wird den Besucherinnen gerne ein Kaffee oder Tee angeboten. Obwohl das Mobil dezent gestaltet ist, lädt es zum Verweilen ein. Das 2m2 große Badezimmer ist durch eine weitere Tür zu erreichen. Die Decke über Toilette, Dusche und Waschbecken wurde durch ein großes Milchglasfenster ersetzt, sodass die Frauen nicht in einer dunklen Kabine stehen müssen, sondern das Tageslicht genie- ßen können.

Neunzig Minuten haben die Besucherinnen dann Zeit, sich ungestört zu entspannen, zu duschen und zu pflegen. Außerdem können sie verschiedene Kosmetik- und Hygieneprodukte verwenden, die dem Sozialdienst katholischer Frauen e.V. gespendet werden. Die meisten Wünsche können hier erfüllt werden, von Zahnbürsten über Rasierer bis zu Nagellack findet man hier quasi alles. Vier Frauen haben derzeit täglich die Möglichkeit das Duschmobil zu benutzen, warme Lebensmittel und Getränke zu sich zu nehmen und frische Anziehsachen zu bekommen.

Nicht nur eine Dusche 

Ein wichtiger Teil der Arbeit des Duschmobils ist außer- dem die Beratung durch Sozialarbeiterinnen. Diese müssen häufig auf die Frauen zugehen, denn ein essentieller Punkt ist die Scham obdachloser Frauen. Juttas Erfahrung nach sind mehr Männer obdachlos, bestätigt wird das durch die Zählung der Nacht der Solidarität. 2.700 Freiwillige haben in der Nacht in ganz Berlin knapp 2.000 obdachlose Personen gezählt, von den knapp 300 Befragten waren gerade einmal 14% weiblich.

Jutta erzählt mir von Frauen, denen es schlichtweg unangenehm, wenn nicht sogar peinlich ist, die Hilfe des Duschmobils in Anspruch zu nehmen. Neben den allgemeinen Hürden, die das Leben als obdachlose Person mit sich bringt, müssen sich obdachlose Frauen meistens auch noch monatlich mit ihrer Periode auseinandersetzen. Dementsprechend ist es auch besonders wichtig, genügend Tampons und Binden zur Verfügung zu stellen.

Das Berliner Duschmobil. Foto: Ein Blick ins Innere des Berliner Duschmobils. Foto: Jacqueline Kraushaar
Das Berliner Duschmobil. Foto: Jacqueline Kraushaar

Auch ich erlebe hautnah, wie unangenehm es Frauen sein kann, Hilfe von dem Duschmobil oder dem Karuna-Bus anzunehmen. Bei den Punker*innen scheint die Scheu relativ gering, sie kennen die Mitarbeiter*innen von Karuna und konnten bereits in der Vergangenheit Erfahrungen mit dem Duschmobil sammeln. Zwei Bulgarinnen hingegen sind offensichtlich misstrauisch. Obwohl Jutta es normalerweise vermeidet, mit mehreren Personen auf obdachlose Frauen zuzugehen und Hilfe anzubieten, darf ich sie begleiten. Die beiden zeigen uns ihre Hütten, ihr Zuhause.

Thema muss in den Fokus der Politik gelangen

Uns wird ein Einblick in ihr Leben gewährt. Während des Gespräches wächst das Vertrauen. Kurz bevor ich gehe, wollen die beiden zwar immer noch nicht das Duschmobil nutzen, aber nehmen Juttas Hilfe dafür in anderen Belangen dankend an, beispielsweise mit Fragen zu einem Krankenhausdokument. Das zeigt, wie wichtig die Arbeit des Duschmobils ist. Es geht nicht nur darum, den Frauen eine warme Dusche zu ermöglichen, vielmehr spielt auch der emotionale Wert, den die Bemühungen der Mitarbeiterinnen vermitteln, eine große Rolle.

Das kurzfristige Ziel des Duschmobils ist es, mehr Tage unterwegs zu sein, um dadurch möglichst viele Frauen erreichen zu können und bekannter zu werden. Besonders wichtig ist dabei die Unterstützung durch finanzielle Spenden, vor allem bis eine angemessene Finanzierung mit dem Senat vereinbart ist.

Aber auch Sachspenden wie dicke Strumpfhosen, lange Socken, große Handtücher und schöne Pullover sind vor allem im Winter gerne gesehen. Armut und Obdachlosigkeit gehen Hand in Hand, dieser Punkt ist besonders Jutta sehr wichtig. Die Themenlage muss weiter in den Fokus der Gesellschaft und der Politik gelangen, damit Armut, Obdachlosigkeit und Hygienehürden obdachloser Frauen diskutiert werden und Hilfsprojekte wie das Duschmobil bald nicht mehr alleine dastehen.

 

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