Rurik von Hagens Arbeit fängt da an, wo das Leben anderer aufhört. Er leitet die Körperwelten-Ausstellung und führt damit das Geschäft seines Vaters fort. Sie erwecken Tote zum Leben

„Man liebt oder man hasst, was die Eltern machen. Bei mir ist es weder das eine, noch das andere”, sagt Rurik von Hagens, Leiter der Körperwelten Ausstellung. Vor acht Jahren übernahm er das Geschäft seines Vaters, Gunther von Hagens, der 1977 mit der Erfindung der Plastination, dem Konservieren von Leichen, berühmt wurde.

„Im Kindergarten habe ich immer erzählt mein Vater ist Erfinder,” erzählt er mit ruhiger Stimme. „Damals war mein Vater noch arm wie eine Kirchenmaus.” Zu Schulzeiten half er noch im Labor oder beim Plastinieren und verdiente sich damit sein Taschengeld. Der Erfolg kam mit den ersten Ausstellungen 1997, Rurik von Hagens war damals 18 Jahre alt. Es war eine bewusste Entscheidung nach dem Schulabschluss erst einmal Abstand zu dem Unternehmen zu gewinnen. 20 Jahre wollte er sich Zeit lassen, doch als sein Vater an Parkinson erkrankte war unklar, ob und wie das Plastinarium in Guben weitergeführt werden sollte. Der gelernte Diplomkaufmann kehrte daher schon früher zurück und übernahm die geschäftliche Leitung. Heute, mit Ende 30, trägt er Anzug, seine Haare sind zurückgegelt. Einen Hut, das Markenzeichen seines Vaters, hat er nicht auf.

“An den Toten das Leben lehren”

Körperwelten gibt Einblick in unser Innerstes. Beim Betrachten von Muskeln, Tumoren und Suizid, überkommt den Besucher eine Mischung aus Faszination und Unbehagen. „Warum muss lehrreich unästhetisch sein? Das ist Irrsinn”, sagt Rurik von Hagens. „Der Wert und Effekt der Ausstellung ist, dass der Körper ästhetisiert wird. Deshalb die lebensnahen Posen. Wir möchten an den Toten das Leben lehren.”

Besondere Voraussetzungen müssen die Körperspender nicht erfüllen, bereits 17.000 sind angemeldet. Die schärfste Kritik käme von Leuten, die die Ausstellung nie gesehen haben, so Rurik von Hagens. „Mein Vater hat sich von Anfang an mit den Ausstellungen die Transparenz der Anatomie auf die Fahne geschrieben und genau das lebt er auch.” In dem Plastinarium in Guben haben die Besucher freien Zugang. „Es war eine Selbstverständlichkeit für uns, dass man den Herstellungsprozess zeigt. Wenn wir das hinter verschlossenen Türen machen würden, dann fängt irgendwann die Fantasie bei dem ein oder anderen an einzusetzen”, erklärt Rurik von Hagens.

An seine erste Leiche erinnert er sich nicht: „Können Sie sich erinnern, wann Sie die erste Blume in ihrem Leben gesehen haben?” Den Tod versteht er als etwas komplett natürliches, der Ekel käme erst nachdem die kindliche Neugierde nachgelassen hat. „Eine Leiche sehen oder mit Leichen arbeiten und sterben sind zwei verschiedene Dinge. Ich bin noch jung und daher ist der Tod für mich noch relativ weit weg”, sagt er. An eine Art Seele, die nach dem Tod weiterlebt, glaubt er nicht. „Ich bin da rational veranlagt. Wenn ich tot bin, bin ich tot. Wo würden denn die ganzen Seelen hinkommen?” Wie sein Vater möchte er nach seinem Tod als Exponat zu sehen sein. Gunther von Hagens ändert öfters seine Meinung, darüber wie er präsentiert werden möchte. Derzeit spielt er mit der Vorstellung seine Gäste mit ausgestreckter Hand zu begrüßen.

„Für mich ist klar, nach meinem Tod ist mein Körper sinnlos”

Sein Vater wird wohl auch nach dem Tod ein Exzentriker bleiben, Rurik von Hagens sei da bescheidener. „Für mich ist klar, nach meinem Tod ist mein Körper sinnlos”, sagt Rurik von Hagens. Er möchte nach seinem Tod nicht nur den Lebenden helfen, sondern sie auch lehren. Seinen Organspendeausweis trägt er immer mit sich. „Für mich war das gar keine Frage. Ansonsten werde ich nur von den Würmern zerfressen”, sagt er und hält kurz inne. „Was für ein Blödsinn.”

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