Die Bildungseinrichtungen sind mit am empfindlichsten von der Digitalisierung betroffen. Unser jahrhundertelang erprobtes Lehrsystem steht vor einem Umbruch. Analog und digital müssen zusammenwachsen. Aber wie? Und wo stehen wir in dieser Entwicklung? Geschichten aus dem Tertiär der Digitalisierung.  

Es kann frustrierend sein. Wir schreiben das Jahr 2018 und man muss für die Attestierung eines Kurses mit seinem Laufzettel durch die Gänge der Humboldt-Universität (HU) stapfen. Obwohl doch mittlerweile alles online organisiert werden kann. Doch die digitale Transformation der akademischen Lehre ist kein Selbstläufer, sondern ein Prozess. Zum einen geht es um die Verknüpfung analoger Lehre mit digitalen Medien und diversen Onlineangeboten. Zum anderen um die grundlegende Neuausrichtung moderner Bildungssysteme. Eine langwierige Aufgabe.

Schon seit 208 Jahren unterrichtet die HU Studierende in diversen Fachrichtungen und gilt als „Mutter aller modernen Universitäten“. Seit rund zwei Jahrzehnten hält die Digitalisierung Einzug in die gesellschaftlichen Institutionen und somit in die Bildungseinrichtungen. Sie verändert das wissenschaftliche Arbeiten und fordert neue Kompetenzen, sowohl von Lehrenden als auch von Studierenden. Die gute alte Sprechstunde ist nicht mehr der einzige Weg, um sich mit den Dozent*innen auszutauschen. Kommuniziert wird raum- und zeitunabhängig über E-Mails, Foren und soziale Medien. Lehrmaterialien stehen zum Download auf Onlineplattformen bereit. Ein klarer Vorteil für die wachsende Zahl der HU-Studierenden.

Die HU ist nicht nur von der Vernetzung, sondern auch vom Gebrauch digitaler Medien abhängig. Sie greift diese neuen Möglichkeiten auf und baut sie in die analoge Lehre ein. „Nur aktuelle Lehre führt auch zu erstklassiger Forschung“, schrieb die HU-Präsidentin Sabine Kunst vergangenes Jahr im Tagesspiegel.

Studierende und Lehrende tauschen über digitale Plattformen wie Moodle Lehrinhalte aus und arbeiten an Gruppenprojekten. Das ist vor allem für Student*innen in Teilzeit vorteilhaft, da sie so Vor- und Nachbereitungen zu Lehrveranstaltungen ortsunabhängig durchführen können.

Selbst die gute alte Tafel verschwindet langsam aus den Lehrräumen und weicht der technisch überlegenen Konkurrenz. Diese spielt Videos ab und in Präsentationen fliegen Illustrationen über das Bild. Sogenannte SMART-Boards sind interaktive Tafeln, verbunden mit einem Computer. Sie sind Flipchart, Display und Whiteboard in einem. Zwar ist die Lehrkraft nach wie vor essentiell für die Studierenden, aber die Barriere der Autorität beginnt zu fallen; Wissensmonopole lösen sich auf. Studierende können so viele Informationen abrufen wie nie zuvor. Das intensiviert den Austausch gegenseitigen Wissens und fördert die Begegnung von Professor*in und Student*in auf Augenhöhe.

Vorlesung To-Go 

Die HU nutzt die Möglichkeit, Lehrveranstaltungen aufzuzeichnen. Das Projekt Studieren in

Teilzeit digitalisiert E-Learning-Videos für die Fächer Statistik und Rechnungswesen. Der Physiker und HU-Lehrer Thomas Klose gewann dafür 2015 den Preis für gute Lehre. Seine Vorlesungen zur Theoretischen Physik, zur Quantenmechanik und zu mathematischen Grundlagen gibt es zum Anschauen und Nachhören auf YouTube. Der größte Vorteil beim E-Learning sei, dass sich die Studierenden auf die Präsenzzeit konzentrieren können und nicht abgelenkt vom Mitschreiben oder Nachvollziehen seien, so Kloster im Interview mit Edukativo.

Kloster geht noch einen Schritt weiter und nutzt das Live-Feedback-System PINGO (Peer Instruction For Very Large Groups) in seinen Lehrveranstaltungen. Eine Projektgruppe der Universität Paderborn hat dieses Programm entwickelt und an der HU eingeführt. Es ermöglicht einen direkten Austausch mittels mobiler Endgeräte – in Echtzeit. Die Lehrkraft stellt Fragen und die Studierenden antworten per Smartphone, Laptop oder Tablet. Statt dem Input der vereinzelten Wortmeldungen kann das Meinungsbild eines ganzen Kurses abgebildet werden. Das Prinzip ist so einfach wie praktisch. Die apathische Umgebung eines Hörsaals wird zu einem Ort interaktiven Austausches. Die Vortragsform weicht einer spielerischen Kommunikation mittels mobiler Endgeräte.

Doch diese in großen Teilen produktiven Entwicklungen bergen auch Gefahren. Es drohen gespenstisch leere Lehrräume, denen nicht einmal der Hausmeister noch einen Besuch abstattet. Denn alles was jetzt digital möglich ist, entzieht sich im nächsten Schritt der physischen Anwesenheit. Studierende sitzen auf der Couch oder stehen in der Bahn, während sie per Smartphone an der Vorlesung teilnehmen. Diese führt der Lehrende aus seinem eigenen Arbeitszimmer heraus – live über das Internet. Sieht so die Zukunft der Hochschullandschaft aus?

Die Hörsäle der Bundesrepublik sind trotz Digitalisierung gut gefüllt. Doch die Debatten über die Wiedereinführung der Anwesenheitspflicht an Universitäten ist in vollem Gang. Erst kurz vor Weihnachten forderte Udo Beer, der Chef der Hochschulrektoren in Schleswig-Holstein, von der Jamaika-Koalition, das Verbot der Anwesenheitspflicht abzuschaffen. Deutsche Studierende sehen das anders. Das geht aus einer Umfrage zum Thema „Wie digital ist deine Uni?“ hervor, durchgeführt vom Personaldienstleister univativ. Demnach wünschen sich 61 Prozent das Streaming von Vorlesungen und 45 Prozent sogar die Teilnahme per Videotelefonie.

Diese Form rein digitaler Lehre tritt bei den MOOCs (Massive Open Online Courses) auf. In diesem von der HU angebotenen Netzwerk kann jede*r einen Online-Kurs absolvieren. Einzige Voraussetzung ist ein Internetzugang. Diese digitalen Kurse können mit einer Prüfung abgeschlossen werden und sind nicht zuletzt marketingrelevant. Studierende aus aller Welt nehmen die HU-Angebote grenzübergreifend wahr. Die Kurse werden international in verschiedenen Sprachen angeboten. Grenzen lokaler Lehrangebote verschwinden und verschmelzen zu einem gemeinschaftlichen Wissensspeicher. Die von der Universität bereitgestellten Suchinstrumente Edukativo, Cousera und edX helfen, die Orientierung im Netzwerkwald der Online-Kurse zu behalten.

Nach der digitalen Vorlesung steht der Gang in die Bibliothek auf dem Programm. Auch der ist nur einen weiteren Handgriff entfernt und wird bequem per Mausklick erledigt. HU-Studierende haben Zugriff auf die Deutsche Digitale Bibliothek. Und auf die Europeana Collections, welche digitale Materialien aus Bibliotheken in ganz Europa anbietet.

Bedenken First – Digitalisierung Second

Auch im regulären Tagesablauf, fern von überfüllten Hörsälen am Montagvormittag, bleiben Studierende mit der HU verbunden. Und zwar durch die digitalen Begleiter, die jeder von uns in der Tasche trägt. Sie bekommen Informationen rund um den universitären Bereich vor allem über Facebook (rund 66.000 Abonnenten) und Twitter (rund 14.000 Follower). Für die Kommunikationsziele der HU sei neben Twitter und Facebook aber auch die Fotoplattform Instagram sehr wichtig, sagt Hans-Christoph Keller, Leiter der Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Obwohl die Humboldt-Universität auf Instagram nur rund 5.000 Abonnent*innen hat, verzeichne sie dort neben Facebook die meisten Nutzer-Interaktionen, so Keller weiter. Die Videoplattform YouTube sei mit rund 2.000 Abonnent*innen nicht das beliebteste Netzwerk für Studierende, obwohl hier informative Vorträge, Reden oder Interviews angeboten würden.

Die Online-Auftritte sind natürlich nie ganz fertig. Die Webseiten der HU unterlägen hinsichtlich Inhalt und Layout einem ständigen Optimierungsprozess, sagt Keller. Konkrete Änderungen seien bezüglich des Layouts geplant, wobei es um die Farbgebung und Struktur gehe. Auch erste Ideen für einen Online-Relaunch gebe es bereits, so Keller, doch das sei mit einem großen Beteiligungsspektrum und hohem zeitlichem und finanziellen Aufwand verbunden. Auch für mobile Endgeräte sind Neuerungen geplant: „Eine Arbeitsgruppe Digitale Lehr- und Lerninfrastrukturen prüft aktuell, inwiefern eine Uni-App für Studierende sinnvoll Informationen bündeln und insbesondere auch Studienanfänger*innen unterstützen könnte.“

Vor kurzem forderte die Staatsministerin für Digitales, Dorothee Bär, im Interview mit der Bild-Zeitung, dass der Staat bei der Digitalisierung Vorreiter sein müsse. Jedes Ministerium Deutschlands müsse „ein Digitalministerium sein“. Man wird das Gefühl nicht los, dass zwar alle über Digitalisierung reden, aber niemand eine wirkliche Strategie zu haben scheint. Wir stehen nach wie vor am Anfang dieser Entwicklung, egal, wie standardisiert die Nutzungsmöglichkeiten digitaler Anwendungen auch sein mögen. Die Grundschule absolvierten wir noch ohne Smartphone in der Hosentasche. Es wird noch Generationen brauchen, um empirische Aussagen über den Einfluss der Digitalisierung auf die Gesellschaft treffen zu können. Allerdings sollten wir uns nicht vom Wahn, alles digital zu machen, blenden lassen, sondern reflektiert überlegen, wie wir mit den neuen Möglichkeiten leben und vor allem lernen wollen.

 

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