Permanente Panik

Geschrieben von Daniela Sophie Michel

- Ungarn, 21. Oktober 2011, während andere schon längst im Bett liegen - 

Mit dem Ziel über die ungarische Kulturszene und Kulturpolitik zu schreiben, bin ich nach Budapest gereist. Doch fünf  Caféhäuser und einige Interviewpartner später ist dieser Text lediglich ein Versuch die ungarische Literatur-, Kunst- und Theaterszene zu umreißen. Denn durch eine derart „undurchsichtige und unsichere“ Leitung der Kulturpolitik, wie es die Schriftstellerin Noémi Kiss ausdrückt, ist es fast unmöglich eine einzige Antwort auf die vielen offenen Fragen zu finden. Es beginnt schon mit der Frage, ob die Geldnot des Landes zu einer indirekt-kulturellen Zensur oder zu einem flächendeckenden, aber nicht selektiven Abbau führt. Noémi Kiss, die nach der Veröffentlichung ihres bemerkenswert avantgardistischen Buches „Was geschah während wir schliefen“ von der FAZ als die „neue Stimme, die im Männerchor der ungarischen Gegenwartsliteratur kaum mehr zu überhören ist“ gefeiert wurde, glaubt an die „indirekte Zensur“ durch die Regierung. Vor gut einem Monat erhielt sie eine Email, in der ihr mitgeteilt wurde, dass ihr neues Buch anders als vereinbart nicht ins Deutsche übersetzt wird, sie vermutet nun, dass die ungarische Regierung die Mittel dafür gestrichen hat. Ereignisse wie diese verdeutlichen, dass die zentralisierte Kulturpolitik immer offener ihre Krallen ausfährt und  Fördermittel für die Kultur kürzt, wo sie nur kann.

Der Kulturjournalist Péter Urfi im Interview.

Der Kulturjournalist Péter Urfi von der regierungskritischen Wochenzeitung „Magyar Narancs“ ist sich sicher, dass dies bewusst geschieht. Er weiß zwar, dass der ungarische Staat seit der Krise im Jahr 2006 jeden Tag aufs Neue vor dem Ruin steht, dennoch wäre es möglich Mittel für die Kultur auszugeben. Als Beispiel für die Verschwendung von Geldern führt er Budapests Bürgermeister István Tarlós an. Ihm missfiel das Design der Flagge und des Wappens der Stadt und so ließ er es für 100.000.000 Forint (ca. 335.000 Euro) ändern. Dafür hätte man, nach Meinung von Péter Urfi, zehn Ausstellungen finanzieren können. Denn den Museen und vor allem den Galerien geht es finanziell sehr schlecht. Er sagt: „Manche sterben, andere müssen sich verkleinern oder Mitarbeiter entlassen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch sie sterben.“ Die nach Urfi „schamlose, antidemokratische und opportunistische“ Regierung, die zum größten Teil aus Mitgliedern der FIDESZ-Partei besteht, setzt ihre Prioritäten – und das mehr als deutlich: „Der Sport wird im Gegensatz zur Kultur stark gefördert. Denn in diesem Bereich sind Ergebnisse schneller sichtbar. Kultur und Bildung sind dagegen langfristige Projekte, auf deren Resultate man länger warten muss“, sagt die Schriftstellerin Krisztina Tóth. Einen Rückschritt sollte man deswegen noch lange nicht machen. Doch auch diese Tendenz ist zur Zeit in der staatlichen Theaterszene von Budapest zu verzeichnen. Der rechtskonservative Bürgermeister Budapests hat nicht nur etwas gegen das Flaggendesign der Stadt, sondern auch etwas gegen die Leitung des „Neuen Theaters“. Deshalb hat er den rechtsextremen Schauspieler György Dörner die Co-Direktion übergeben. Die Theatermitarbeiter sind, laut Kisztina Tóth, in einem Zustand der permanenten „Panik“ und haben aus diesem Grund eine Petition verfasst.

“Vergessen Sie nicht draufzutreten!” Aktivisten versinnbildlichen den Umgang der Regierung mit den Theaterschaffenden.

Unter den Kulturschaffenden herrscht generell eine Atmosphäre, die sich gleichermaßen aus den Bestandteilen Angst und Empörung zusammensetzt.: „Wenn jemand einem das Geld wegnimmt und einem anschließend ins Gesicht lacht, dann wird man wütend“, erklärt der Kulturjournalist Péter Urfi, denn die Regierung unter Orbán „scheint gegen Kultur und Intellektuelle zu arbeiten“. Als „Intellektuelle“ definiert er Menschen, die das System kritisch hinterfragen. So wie es  zum Beispiel die renommierte,  jüdisch-ungarische Philosophin Agnes Heller tat. Im Frühjahr wurde ihr, nachdem sie sich kritisch zum neuen Mediengesetz äußerte, unterstellt EU-Gelder veruntreut zu haben. Eine Verleumdungskampagne wurde gegen sie und zwei weitere Kollegen eingeleitet. Daraufhin äußerten sich Kollegen, unter anderem der deutsche Philosoph Jürgen Habermas, in einem öffentlichen Aufruf wie folgt: „Wir machen uns Sorgen um das politische und berufliche Schicksal ungarischer Kollegen. Im Mittelpunkt des Konflikts stehen Agnes Heller, Mihály Vajda und Sándor Radnóti, die den Ministerpräsidenten Orbán wegen der Einführung des fragwürdigen Mediengesetzes öffentlich kritisiert haben.“ Soweit die erste Zustandsbeschreibung der ungarischen Kulturlandschaft. Die Wahrheit liegt sicher noch etliche Caféhäuser und Interviewpartner entfernt, aber ein paar Termine stehen in den nächsten Tagen ja noch an. Morgen treffe ich mich mit einem engagierten Theaterschaffenden der alternativen Theaterszene, deren ohnehin geringe Fördermitel seit Amtsantritt der FIDESZ-Regierung nochmals gekürzt wurden.

2 Kommentare

  1. wcu
    22. Oktober 2011

    interessant die streetart dazu auf dem foto – und krass, wen ihr alles trefft. super. sehr gespannt auf die erfahrungen in der provinz auch.

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  2. UnAuf » Von Pest nach Buda und zurück
    22. Oktober 2011

    [...] und auch am heutigen Tage weiter in der Literatur- und Theaterszene getummelt. Gestern traf sie sich mit dem Kulturjournalisten Péter Urfi und danach mit dem Schriftsteller István Kemény. Nachmittags beobachtete sie eine Demo gegen die [...]

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