Die jüdische Gemeinschaft in Budapest ist mit 60 bis 70 Tausend Mitgliedern die größte Europas. In Elisabethstadt, dem „Jüdischen Viertel“, stoßen Religion, Kultur und Tourismus aufeinander. Unsere Autorin hat eine Erkundungstour durch das Viertel unternommen und versucht, der Bedeutung jüdischer Identität in Budapest auf den Grund zu gehen.
In Elisabethstadt steht, gegenüber verschiedener Imbisse und Coffee Shops, Drogeriemärkten und Souvenirläden, die größte Synagoge Europas. Erbaut in den 1850er Jahren im maurischen Stil reflektiert ihr farbenfrohes und prunkvolles Innere das „Goldene Zeitalter“ des ungarischen Judentums. Im Garten erinnert eine Trauerweide aus Stahl, der „Baum des Lebens“, an die im Holocaust ermordeten ungarischen Juden und Jüdinnen und das Budapester Ghetto, von welchem die Dohány Synagoge das Zentrum bildete.
Heute leuchten in den historischen Straßen des Viertels, zwischen religiösen Gebäuden und koscheren Restaurants, die Lichter des Nachtlebens. Besonders die Juden, die traditionell religiöse Kleidung wie einen Tallit Katan tragen, werden auch hier oft einen Moment länger von Passant*innen angeschaut. Menschen aus aller Welt schlängeln sich durch die beliebten Ruinenbars. Das Konzept der Bars in alten, verlassenen Häusern entstand in den 2000er Jahren und hat sich seitdem innerhalb des Bezirks ausgebreitet. Selbst an einem Montagabend ist hier alles voller Tourist*innen.
Welchen Platz hat hier noch das jüdische Leben? Ursprünglich war das „jüdische Viertel“ eine Fremdbezeichnung für Elisabethstadt, wie Anikó Félix, CEO der jüdischen Stiftung Haver erzählt. Nach Ende des Nationalsozialismus galt die Beschreibung unter sowjetischer Besatzung sogar als antisemitisch, bevor der Name sich in den 1990er und 2000er Jahren etablierte. Der Haver Stiftung geht es nicht nur darum, eine Lücke im ungarischen Bildungssystem zu schließen und an Schulen über die jüdische Geschichte, auch außerhalb des Holocausts, aufzuklären. Anikó Félix möchte im Rahmen ihrer Organisation grundlegende jüdische Werte vermitteln und jüdische Jugendliche miteinander verbinden. Dabei geht es auch um die Vermittlung der Komplexität jüdischer Identität. Für viele sei diese eng mit dem Budapester Viertel verknüpft, so Anikó Félix: „Viele von uns sind mit diesen Orten aufgewachsen.“
Anpassung und Trauma
Unweit entfernt von der großen Dohány Synagoge befindet sich die Rumbach Synagoge. Krisz lebt in Elisabethstadt und arbeitet hier als Freelance-Tourguide. Er betont, dass Juden in Ungarn auch im Laufe der Geschichte immer gezwungen waren, enge Verbindungen zum Rest der Gesellschaft zu pflegen. Es ginge darum, alte Lehren in einem modernen Umfeld zu bewahren. Wie das funktioniert, zeigt sich in der Rumbach Synagoge wie sonst nirgends.
Hier gibt es, im Gegensatz zur Dohány Synagoge, keine fest angebrachten Bänke, und schwarze Vorhänge hängen an den Wänden, um die Akustik des Raumes zu verbessern. An verschiedenen Stellen sind Licht- und Tontechnik aufgebaut. Nachdem viele Menschen nach der Revolution 1956 das Land verlassen hatten, war die Synagoge von 1957 bis 2021 geschlossen, wie Krisz erzählt. Zwischendurch wurde sie auf Grund ihres schlechten Zustandes sogar zu einem kontaminierten Gebäude erklärt. Nach einem 2014 abgeschlossenen Vertrag mit der Regierung wurde die Synagoge durch Staatsgelder renoviert und 2021 neu eröffnet – unter der Bedingung, dass es nicht nur ein religiöser, sondern auch ein kultureller Ort sein soll. Sinnbildlich für die Anpassung, von der Krisz spricht, ist hier auch die Bima, das Lesepult in der Mitte des Raumes, welche vollständig in den Boden gefahren werden kann, um die Synagoge in ein Konzerthaus zu verwandeln.
Das kulturelle Erbe der jüdischen Gemeinschaft in Budapest sei sehr lebendig, das religiöse jedoch weniger, so Krisz. Wie es in fünf Jahren aussehe, wisse er nicht. Nicht nur die anpassungsfähige Denkweise, auch der Schock des Völkermords sei schließlich innerhalb der jüdischen Gemeinschaft weiter vererbt worden: „Natürlich war das Ende der Verfolgung in Ungarn eine Erleichterung, aber die Menschen haben nicht angefangen zu tanzen. Das Trauma und der Schock saßen zu tief.“ Viele Angehörige der Generation direkt nach dem Holocaust seien deshalb nicht mehr religiös.
Raum für Judenfeindlichkeit
Allgemein hatte die jüdische Gemeinschaft ein eher positives Verhältnis zur Regierung Orbáns, auch auf Grund der Freundschaft zwischen Ungarn und Israel. Bestrebungen der Regierung, beispielsweise jüdisches Erbe wie die Rumbach Synagoge zu erhalten, werden von vielen ambivalent gesehen. Die letzte ungarische Regierung habe die Beziehung zur jüdischen Gemeinschaft vor allem gepflegt, um diese als gesellschaftliche Minderheit auf ihrer Seite zu haben, nicht aus Überzeugung, sagt Anikó Félix.
Andere werfen Orbán außerdem explizit judenfeindliche Rhetorik vor. „Sie haben ganz klassische antisemitische Darstellungen in ihrer Propaganda benutzt“, sagt der jüdische und antizionistische Künstler und Aktivist G Ras (Gregory). Besonders spielt er damit auf Orbáns Kampagne gegen George Soros, einen US-amerikanischen Investoren ungarischer Herkunft, an. Soros, der außerdem Jude ist, setzte sich durch die Gründung von der Open Society Foundation und der Central European University für Demokratisierung, Meinungsfreiheit und Menschenrechte ein. In der Anti-Soros Kampagne Orbáns wird er als „Strippenzieher“ hinter einer muslimischen Masseneinwanderung dargestellt. Diese solle, der Fidesz-Partei nach, die christlichen Nationalstaaten Europas destabilisieren. „Rassismus und jegliche Arten der Ausgrenzung waren in Ungarn leider immer weit verbreitet, unabhängig von der Orbán Regierung. Auch der Judenhass ist nie verschwunden“, sagt Gregory, „besonders, da Ungarn sich nie mit seiner eigenen Geschichte auseinandergesetzt hat.“
Verantwortung
Auf dem Freiheitsplatz zentral im fünften Bezirk Budapests steht ein Denkmal für die Opfer
der deutschen Besatzung. Der Erzengel Gabriel, der die ungarische Bevölkerung zur Zeit des Zweiten Weltkriegs darstellen soll, wird hier von einem deutschen Reichsadler angegriffen, symbolisch für die Besatzung der Nazis. Errichtet wurde das Denkmal 2014 im Auftrag der Regierung unter Viktor Orbán. „Es zeigt ein total verfälschtes Bild“, so Gregory, „als hätten wir Ungar*innen alle kollektiv unter den Deutschen gelitten, und ja, die armen Juden waren auch betroffen. Das ist absolut nicht, was passiert ist. Der ungarische Staat und seine Beamten, von Polizisten und Verwaltungsangestellten bis hin zu Pflegekräften und Privatpersonen, beteiligten sich bereitwillig am ungarischen Kapitel des Holocaust, was zur Ermordung von 450.000 bis 500.000 ungarischen Juden in weniger als zwei Monaten führte.”
Tatsächlich war das autoritäre ungarische Regime von Miklós Horthy, enger Verbündeter Hitlers, für den Tod Hunderttausender Juden verantwortlich. Bereits ab 1938 erließ Ungarn „antijüdische“ Gesetze nach deutschem Vorbild. Als Horthy 1944 versuchte, die Fronten zu wechseln, besetzte die deutsche Wehrmacht das Land. Im Oktober 1944 stürzten die Nationalsozialisten Horthy endgültig und setzten das faschistische ungarische „Pfeilkreuzler“-Regime ein. Dieses errichtete das Budapester Ghetto, in dem rund 70.000 Menschen systematisch ausgehungert und isoliert wurden. Heute gelangt man durch ein Restaurant in einen Innenhof, in dem neben verlassenen Häusern auch ein Überbleibsel der Mauer des ehemaligen Ghettos steht. So still und unscheinbar der Ort, so bedrückend ist auch die Stimmung, wenn man auf die Mauer blickt, die einst ein Instrument für Leid und Tod war.
Vor dem Denkmal des Engels am Freiheitsplatz hängen Plakate in verschiedenen Sprachen. Das Denkmal versuche, die Verantwortung der Ungar*innen für den Holocaust unter den Tisch zu kehren. Man könne dies nicht akzeptieren, da zukünftige Generationen die Geschichte kennen müssen, damit sie sich nicht wiederholen könne.
Von Innenhof zu Innenhof
Gregory ist in einer Kleinstadt nahe Budapest aufgewachsen. Kontakt zu jüdischer Kultur habe er dort nicht gehabt. „Meine Familie fiel in die große Gruppe ungarischer Juden, die sich auf Grund des Traumas sehr vom Judentum distanziert haben. Bis ich 12 oder 13 Jahre alt war, wusste ich nicht einmal, dass ich Jude bin.“ Erst als er mit 19 für sein Studium nach Budapest zog, habe er einen Anknüpfungspunkt zu seiner jüdischen Identität gefunden: „Bei einer Party der Soziologie Fakultät an meiner Universität (ELTE) habe ich mich betrunken und mich auf den Tisch gestellt und gerufen: ‚‚Ich bin Jude! Ich bin Jude! Man kann sich also den Einfluss vorstellen, den die neue Umgebung auf meine Psyche hatte.“
Wo Kultur, Geschichte und Gemeinschaft identitätsstiftend für viele Juden und Jüdinnen sind, sehen viele Tourist*innen heute eines der heißen Party-Viertel Budapests. Die Gentrifizierung des Viertels soll sich sogar noch ausweiten: „Der angrenzende achte Bezirk wird gerade zum neuen siebten Bezirk“, so Anikó Felix. In etwa fünf Gehminuten von der Mauer des ehemaligen Ghettos entfernt befindet sich die orthodoxe Synagoge. Im Innenhof steht ein Zitat an der Wand, das die Rolle der jüdischen Gemeinde in Ungarn vor dem Zweiten Weltkrieg sowie auch heute verdeutlicht: „Vor 80 Jahren waren wir Nachbarn.“ Um diese Nachbarschaft nicht zu verkennen, lohnt es sich also, bei einem Besuch im Viertel nicht nur von Bar zu Bar, sondern auch von Innenhof zu Innenhof zu gehen.
Illustration: Diandra Shana Diekmann
Fotos: Thordis Schreiber







