„Was ist dein Lieblingsmärchen?“ frage ich zwei Ungaren, um von Geschichten und Bräuchen zu erfahren. Was erzählt uns Folklore über die ungarische Geschichte und nationale Identität?
Die ganze Gen Z kennt die rote Echse und das blaue Tierchen, die auf ihrem großen Buch durch bekannte deutsche Märchengeschichten fliegen und (Un)ruhe stiften. „Wo Liebe und die Freundschaft zählt und keinem was fehlt“ – stimmt nicht so ganz, bezogen auf die echten Grimm Märchen und stimmt schonmal gar nicht, wenn wir uns die ungarischen Märchen anschauen.
Das ungarische SimsalaGrimm, die Zeichentrickserie Hungarian Folktales oder Magyar Népmesék sind allen Ungar*innen seit der Kindheit bekannt. Auch dem jungen Reporter Milán. Sein liebstes Märchen, die Salzprinzessin, handelt von Prinzessinnen, Magie, Königreichen und einer Moral über Weisheit und Bescheidenheit. Viele der europaweit verbreiteten Märchen tragen in der ungarischen Version eine tiefere Thematik. Sie behandeln die dunkelsten Ecken des menschlichen Lebens von sexueller Ausbeutung über korrupte Herrscher bis zum Kampf ums Überleben. Dabei drücken sie die Identität des ungarischen Volks aus.
Milán empfiehlt mir Fehérlófia oder Son Of The White Mare. Verfilmt hat es der selbe Regisseur der Hungarian Folktales – Marcell Jankovics – bereits im Jahr 1981. Der esoterisch gezeichnete Film erzählt die Geschichte des Sohns einer weißen Stute, welcher sich durch mehrere Welten kämpfen muss, um Familie zu finden. Mit seinen zwei Brüdern kämpft er sich in die Unterwelt, um drei Prinzessinnen von ihren düsteren Gatten zu befreien. Ihre Mission beenden sie erfolgreich, jedoch mussten sie auf dem Weg vieles opfern, was sie für immer prägen wird. Milán erzählt, wie die Geschichte die tragische Historie Ungarns widerspiegelt. „Selbst wenn die Ungaren glücklich sind, weinen sie.“ Ständig im politischen Konflikt mit jemandem, musste auch die ungarische Bevölkerung eine schmerzhafte Geschichte erdulden.
Bewahren von Tradition und Kultur
Besonders wertvoll ist die Absicht der Märchen, Tradition zu bewahren und auf die eigene Abstammung aufmerksam zu machen. Besonders die ungarische Volksgruppe der Magyaren und Szekler betonen Ihre Identität und Abstammung von den Hunnen. Märchen dienen ihnen als Überlieferung von Gemeinschaft und ihrer Siedlungsgeschichte.
Bekannt ist die Geschichte des mystischen weißen Hirsch, welcher die legendären Zwillingsbrüder Hunor und Magyor übers Kaukasus Gebirge ans Asowschen Meer brachte. In den Westen der eurasischen Steppe, gebären ihre alanischen Frauen den Ursprung der Hunnen und Ungaren. „Das ist eine berühmte Gründungslegende“, erklärt Edda.
Edda ist die Besitzerin eines Ladens für traditionelle Artikel in Budapest. Holzbögen, Lanzenaufsätze, diverse Schwerter und kleinere Waffen schmücken die Holzfassade des Innenraums. Viele von ihnen sind im Stil des normannischen Reitervolks der Hunnen gehalten. „Eine weitere Legende mit dem Turul Vogel“, erklärt sie. „Wir hatten eine Königin, also die Frau vom Anführer. Sie hatte einen Traum, indem der Vogel zu ihr kam. Nach einem sexuellen Akt mit dem Vogel gebar sie dann eine Nation. Wir nennen es Emeses Traum.” Nun lässt sich das große Plakat des Vogels und die Abbildungen auf Schmuck und Keramik verstehen. Mittig im Raum stöbern Besuchende durch Haarschmuck aus Horn, Leder-Accessoires und traditionelle Kleidung. Als traditionell wird hier alles ungarische, meist aus dem 8. und 9. Jahrhundert definiert.
Die Hunnen und die ungarische Identität – eine Geschichte der Rückbesinnung
Edda besucht jährlich das Festival Kurultáj in Bugac. Es ist eine „Stammesversammlung der hunnisch-türkischen Völker, Feier zur Bewahrung der alten Traditionen“ mit Musik, Reitvorführungen und informativen Vorträgen. Im Vordergrund steht dabei Attila, der König der Hunnen im 5. Jahrhundert und sein Volk.
Die Hunnen kamen aus Asien nach Osteuropa als Teil der großen Völkerwanderung und galten in Westeuropa als Barbar*innen, in Ungarn jedoch als Held*innen. Der Kurator der Attila Ausstellung im National Museum von Budapest erklärt, wieso die Hunnen so stark in die ungarische Identität verwickelt sind: Zum einen sei die Erstellung einer großartigen Abstammungsgeschichte ein typisches Verfahren, um einer Nation Ruhm zuzuschreiben. Zum anderen machte es Ungarn im 12. und 13. Jahrhundert unabhängig vom Imperialismus und dem Wiederaufleben des Römischen Gesetzes, da ihre Vorfahren die Hunnen, das Römische Reich besiegt hatten. Außerdem legitimierte die hunnische Abstammung die soziale und politische Ordnung der ungarischen Nation bis ins 19. Jahrhundert.
Die Rezeption der Hunnen wurde Anfang des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich aufgearbeitet und ihre ungarische Abstammung hinterfragt – sie konnte nicht bewiesen werden. Trotzdem hängen die Hunnen seit Jahrhunderten eng mit der ungarischen Identität zusammen. Edda erzählt, wie im Kommunismus die Rückbesinnung zu den vermeintlichen Ahnen unterdrückte. Nach dem ungarischen Volksaufstand 1956 lebten die alten Legenden wieder auf, um die gemeinsame ungarische Identität und den Zusammenhalt zu stärken. So nutzte auch Orbán in seiner rechten Propaganda alte Volkstraditionen und Sagen, um an den Patriotismus der Ungar*innen zu appellieren.
Edda erzählt positiv von dieser Zeit. Sie erklärt, dass einige Linke ein Problem mit Patriotismus, Folklore und Herkunftsthematik hätten, weil sie diese für faschistisch halten würden „Als wäre es Nazi!“. Sie führt aus, dass Vorlieben für Tradition und einem Bezug zur Herkunft normal und nicht rechtsextremistisch seien: „Weil es die Herkunft von uns allen ist”. Sie stimmt zu, dass Rechtsextreme patriotische Symbole nutzen würden, findet aber, dass die Linken unfairerweise Patriotismus aus einem Drang zur Globalisierung ablehnen würden. Durch ihren Laden, traditionelle Symbole, Produkte und Geschichten werde die ungarische Kultur bewahrt.
„Ungarn sollte den Ungaren gehören. Denn das ist unser Land, und ich möchte nicht, dass Ausländer uns besetzen. Das ist ein völlig normaler Gedanke. Es ist nicht rechtsextrem, das eigene Erbe und die eigenen Traditionen bewahren zu wollen. Das bedeutet nicht, dass ich jemanden aus Afrika oder sonst woher nicht mag. Ich möchte einfach nicht, dass sie hier sind“, so Edda. Eine ironische Aussage, wenn man bedenkt, dass die Hunnen, auf die die ungarische Patriot*innen sich häufig berufen, ein wanderndes Volk waren und die ungarische Geschichte somit ein Ergebnis der Völkerbewegung ist.
Mehr als nur überlieferte Geschichten
Das Wesen der Volkskultur und Tradition ist nicht wirklich schriftlich fixiert. Inhalte kommen mehr im Gebrauch und Ausdruck hervor. So sind Märchen und Sagen die Zusammenarbeit einer volkstümlichen Gesellschaft und bringen ihre Tradition, Individualität und kollektive Psyche zum Ausdruck. Edda findet, die ungarische Märchenserie – Hungarian Folktales – tut genau das. „Ich liebe es, weil es keine dummen, idiotischen Erzählungen sind. Es ist mit ernsthaften Endungen und Lehren.“
Märchen ändern sich bei Verschriftlichung, Verfilmung und neuen Erzählenden. Immer wieder drücken sie neue Perspektive einer Gemeinschaft aus. Nicht ohne Grund verzaubern sie jung und alt und fassen sie in den Bann.
Foto: Sindy Süßengut/Unsplash
Illustrationen: Lucia Maluga







