Was passiert, wenn ein Geständnis alles verändert, was man über den geliebten Menschen zu wissen glaubte? In The Drama stellt Kristoffer Borgli eine Beziehung auf die Probe und fragt, wie viel ein verstörender Gedanke über einen Menschen aussagt, wenn er nie in die Tat umgesetzt wurde.

Opulente Feiern, Champagner, weiße Kleider, ein kleiner Konflikt, der sich rechtzeitig auflöst, und am Ende das Versprechen einer gemeinsamen, strahlenden Zukunft – lange Zeit gehörten Hochzeiten zu den beliebtesten Motiven der romantischen Komödie Doch diese Kinosaison zeigt, dass sich etwas verschoben hat: Statt Wedding Comedies erscheinen zunehmend Produktionen, die sich auf unterschiedliche Weise mit der dunkleren Seite von Hochzeiten auseinandersetzen: darunter die neue Netflix-Serie Something Very Bad Is Going to Happen, die Fortsetzung Ready or Not 2 sowie eine Episode der neuen Staffel von Euphoria.

Vor diesem Hintergrund gehört das neue Film The Drama von Kristoffer Borgli zu den interessantesten Seherfahrungen der letzten Wochen. Obwohl der Film Genre technisch nicht als Horror klassifiziert wird, bleibt nach dem Anschauen ein deutliches Gefühl des Unbehagens zurück.

Im Zentrum stehen Emma und Charlie, ein Paar kurz vor der Hochzeit, noch ganz in der Euphorie der bevorstehenden Ehe. Sie planen, proben und erinnern sich daran, wie sie sich kennengelernt haben. Der erste Teil wirkt dabei so sehr wie der Beginn einer klassischen romantischen Komödie, dass man für einen Moment sogar bereut, allein im Kino zu sitzen. Doch diese Vertrautheit hält nicht lange an. Schon bald kehrt Kristoffer Borgli zu seiner eigenen, deutlich unangenehmeren Handschrift zurück und mit ihr kommt der zentrale Bruch des Films: Emma und Charlie beginnen gemeinsam mit ihren Freunden ein Spiel, bei dem jeder das Schlimmste gestehen muss, das er je getan hat.  So erfährt Charlie erstmals davon, dass seine Braut mit fünfzehn Jahren ein School Shooting geplant hat.

Der Rest des Films eskaliert genau aus dieser Idee heraus: Wie geht man damit um, wenn die Person, die man liebt, vielleicht zu etwas wirklich Verstörendem fähig ist? Gleichzeitig fragt der Film, wie viel ein Gedanke über einen Menschen aussagt, wenn er nie in die Tat umgesetzt wurde. Umso selbstgerechter wirkt es, dass Emma ausgerechnet von denjenigen am härtesten verurteilt wird, die selbst tatsächlich etwas Schlimmes getan haben.

Für Kristoffer Borgli ist es nichts Neues, die hässlicheren Seiten der menschlichen Natur zu erforschen, und er neigt dazu, diese Dynamiken ins Groteske zu treiben und sie auf ein Niveau zu heben, auf dem sie zugleich absurd und verstörend werden. Bereits in Sick of Myself beschäftigte sich Borgli mit der narzisstischen Seite des Menschen und der Frage, wie sehr die eigene Identität vom Blick anderer abhängt. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die sich selbst zunehmend schadet, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Folgerichtig erreicht der Film seinen chaotischen Höhepunkt während eines Fotoshootings, einem Moment, in dem das Gesehenwerden selbst zum zentralen Ereignis wird. The Drama verhandelt zwar andere Fragen, doch auch hier spielen die öffentliche Wahrnehmung und die moralischen Urteile eines selbstgerechten Gesellschaft eine wichtige Rolle. Der performative Raum verlagert sich diesmal auf die Hochzeit, einen Moment, in dem Liebe nicht nur erlebt, sondern aktiv inszeniert wird. Bereits zu Beginn verankert Borgli dieses Motiv, als eine Figur dem Brautpaar erklärt, dass eine Hochzeit eine Performance sei.

Gleichzeitig scheint Borgli sich sehr bewusst zu sein, dass Menschen nicht einfach nur Wesen sind, die oberflächlichen Skripten folgen. Unter dieser Performance liegt immer etwas Instabiles und sogar etwas schwerer Kontrollierbares. Die Idee, dass jeder „die richtige Person“ finden sollte, klingt wie ein Klischee, aber der Film macht daraus eine Art Prüfung. Was bedeutet es eigentlich, mit der richtigen Person zusammen zu sein, wenn das auch heißt, sich ihren dunkelsten Seiten zu stellen? Für Emma und Charlie wird genau das zur zentralen Spannung. Liebe wird nicht als etwas Gegebenes dargestellt. Man beginnt Wesenszüge im anderen zu erkennen, die man vielleicht lieber nicht gesehen hätte, und steht dann vor der Entscheidung, was man mit diesem Wissen macht. Kann man damit leben? Will man das? Und wiegen die guten Seiten eines Menschen die Schlechten auf?

Eine von Borglis Stärken liegt in seinem Schreiben und im Editing. Er verwendet nicht-kontinuierliches Editing, mit schnellen Wechseln zwischen Vorstellung, Realität, Vergangenheit und Gegenwart. Als Zuschauerin passt man sich ständig an, ist sich nie ganz sicher, worauf man vertrauen kann. Gleichzeitig funktioniert der Film auch gut als Komödie. Borgli hat ein starkes Gespür für komödiantisches Timing, für die Art von Witz, die genau deshalb funktioniert, weil sie leicht unangenehm ist. Die schauspielerischen Leistungen tragen viel dazu bei. Robert Pattinson und Zendaya liefern beide starke Performances und haben eine großartige Chemie.

Im letzten Akt erreicht Charlies Reaktion ihren Höhepunkt, und der Film geht vollständig in seinen Wedding Horror-Moment über mit Tränen, einem Höhepunkt der Anspannung und sogar etwas Blut. Interessant ist, dass einige der früher schockierenden Geständnisse im Vergleich weniger extrem wirken. Emmas ursprüngliche Enthüllung zum Beispiel fühlt sich am Ende nicht so erschreckend an, wie man erwarten würde, was sehr gut zu Borglis satirischem Ansatz passt.

Aber nach der Intensität der Hochzeitsszene wirkt das Ende überraschend einfach.Statt den Konflikt weiter eskalieren zu lassen, bewegt sich der Film in Richtung einer konventionelleren, romantisch-komödienhaften Auflösung. Das kann enttäuschend wirken, fast so, als hätte Borgli sich für den einfachen Ausweg entschieden. Gleichzeitig ist dieses Ende nachvollziehbar, wenn man berücksichtigt, dass der Film als romantische Komödie vermarktet wurde. Vielleicht ist gerade diese romantische und unkomplizierte Auflösung ein bewusster Verweis darauf, dass The Drama trotz seiner dunklen Themen die Erwartungen dieses Genres nicht vollständig aufgibt.


Foto: A24