Viele unabhängige Medien mussten unter Orbán um ihr Überleben kämpfen. Ob der neugewählte Präsident Péter Magyar seine Versprechen von unabhängigen öffentlich-rechtlichen Medien einhält, bleibt ungewiss. Eine Analyse der ungarischen Medienlandschaft.
Innerhalb von 16 Jahren transformierte Viktor Orbán (Fidesz), der ehemalige Ministerpräsident Ungarns, die nationale Medienlandschaft. Was produziert und veröffentlicht wurde, würden wenige als Journalismus bezeichnen. Gerade die Pro-Orbán-Medien verbreiten die meisten Fehlinformationen, sagt Bogi Balogh. Die 22-jährige Journalistin arbeitet bei Lakmusz, dem ersten und einzigen unabhängigen Fact-Checking-Medium in Ungarn, das erst 2023 gegründet wurde.
Medien als Opposition
„Das Hauptproblem, die Medienlandschaft wurde ausgebrannt“, sagt Gáspár Papp. Er ist Chefredakteur bei Mérce, einem gemeinschaftsbasierten linken Online-Medium in Ungarn. Weiterhin erklärt der Chefredakteur die prominenteste Strategie Orbáns: aggressive Propaganda und Furcht als Mittel zur Kontrolle. Dabei versprach Orbán den Menschen in Ungarn kein besseres Gesundheitssystem oder weniger Korruption. Er propagierte lediglich, dass Russland einmarschiert, wenn er nicht mehr an der Macht ist. „Es gab Propaganda von sehr geringer, aber auch höherer Qualität, was sich natürlich auf die öffentliche Meinung auswirkt“, so Papp.
Orbán griff Medien strukturell an, die sich seinem Propaganda-Apparat entgegenstellten. Die Repression oppositioneller Medien führte dazu, dass kritische und unabhängige Stimmen schrittweise aus der Öffentlichkeit gerückt wurden. Eine weitere Strategie von Orbán war, „staatliche Ressourcen aufzubrauchen und Medien zu übernehmen, die zuvor unabhängig waren oder vielmehr auf der Seite der Opposition standen“, erklärt Papp. Aufgrund der finanziellen Blockaden Orbáns wurden Medien in den digitalen Raum getrieben. So konnten sich die Medien einigen Repressionen entziehen, doch waren dafür öffentlich weniger sichtbar. Jene Medien, die überlebten, konnten sich Orbáns Einfluss nicht entziehen.
Überlebende, unabhängige und oppositionelle Medien wurden zur Zielscheibe von Orbáns Politik. „Es wurde eine Medienlogik konstruiert, die besagt, dass die übrigen Medien feindlich der Regierung gegenüber sind”, sagt Gáspár Papp.
Zwischen Propaganda und Unabhängigkeit
„Es ist ein gefährliches Spiel. Wenn ich die Kommentare unter Beiträgen von unabhängigen Medien lese, sehe ich das erschütterte Vertrauen der Gesellschaft in die Medien.“ Die Fact-Checking Journalistin Balogh erklärt weiterhin, dass Orbán eine Medienwahrnehmung schuf, in der Propaganda und Journalismus verzerrt wurden. „Wir versuchen 100 Prozent transparent und verständlich zu sein. Wir verweisen bei Fakten auf öffentlich zugängliche Quellen, doch unsere Arbeit wird mit Orbáns Propaganda gleichgesetzt.“ Orbáns Medien zeichneten Bilder, die existenzielle Sorgen schürten. Ängste, aus Zeiten der Sowjetunion, die für viele noch präsent sind, wodurch die Propaganda nur noch wenig leisten musste, um die Menschen an Orbán zu binden. „Fidesz bestärkte diese Traumata durch ihre Propaganda“, so Balogh.
Als Folge von Orbáns Propaganda beobachtete Papp ein gesellschaftliches Misstrauen gegenüber Medien, dass sich im Umkehrschluss auch auf die Arbeit von Journalist*innen auswirkt. Hinsichtlich der Wahlen in den Jahren 2022 und 2018, die Orbán mühelos gewann, sahen Journalist*innen ihren Beruf gefährdet, sollten sie zu kritisch berichten. Die Sorge, die Lebenssicherung zu verlieren, befeuerte das herrschende Misstrauen der Gesellschaft in die Medien. Auf der einen Seite stand direkte Propaganda, auf der anderen waren bedrohte Journalist*innen, die ebenso Teil einer unterdrückten Nation waren.
Zeiten des Wandels: Medien statt Journalismus
Im April 2026 wurde Péter Magyar (Tisza) mit rund 53 Prozent zum neuen Ministerpräsidenten gewählt. Für seinen Erfolg verantwortlich waren die seit 2024 regelmäßig organisierten Demonstrationen von Tisza sowie politische Bildungskampagnen. Gerade in ländlichen Gegenden organisierte sich Tisza mit der lokalen Gemeinschaft, um politische Aufklärungsarbeit zu leisten.
Doch für viele Menschen war es keine Wahl aus parteipolitischer Überzeugung. Laut einer Statistik des Europäischen Rats für Außenbeziehungen stimmten 37 Prozent für Tisza aus dem Wunsch eines Systemwechsels, 30 Prozent aus Abneigung gegenüber Fidesz. Gleichzeitig wird die Tisza-Partei als Hoffnungsbringer gesehen, denn es war die erste Gelegenheit nach 16 Jahren, um Viktor Orbáns autokratisches System zu beenden.
Papp beobachtete in der Tisza-Bewegung eine Veränderung des Journalismus in eine aktivistische Richtung. Viele Medien arbeiteten zugunsten der Bewegung, um sie zu stärken. „In den letzten zwei bis drei Jahren arbeiteten sie gegen die Regierung und es war deren Ziel gegen Orbán zu mobilisieren“, so Papp.
In der deutschen Mediendebatte ist ein aktivistischer Antrieb verpönt. Für Papp und viele Autor*innen von Mérce ist er antreibend und legitim, solange Standards journalistischen Handwerks beachtet werden. Doch besonders mit dem Aufstieg Magyars machte Papp die Beobachtung, dass Mérce zu der Zeit weniger aktivistisch arbeitete als andere unabhängige Medien. Während Mérce kritisch auf Magyar blickte, hagelte es Kritik, dass sie Tiszas hoffnungsbringende Kampagne sabotieren würden. „Unser zentrales Ziel war es, Defizite und offensichtliche Illusionen aufzudecken, was viele Medien unterließen, aus Sorge, von den Leser*innen bestraft zu werden“, sagt Papp.
Auch Balogh von Lakmusz machte ähnliche Erfahrungen. Die Medienlandschaft und -wahrnehmung sei über die vielen Jahre von Orbán zerrüttet worden. Balogh führt aus, dass Lakmusz ebenso kritisch auf Tisza wie auf Fidesz schaut, was rund um die Wahlen im April noch wichtiger wurde. Doch Pro-Fidesz-Influencer*innen verbreiteten das Narrativ, dass unabhängige Medien, die kritisch gegenüber Tisza berichteten, für die Fidesz-Regierung werben würden. Die Sorge, opportunistisch in Tiszas Interesse zu schreiben, entpuppte sich als Angriffsfläche, dennoch muss Lakmusz nun standhaft und kritisch gegenüber Tisza bleiben, so Balogh.
Hoffnung, Ungewissheit, Zukunft
Magyar verspricht unabhängige öffentlich-rechtliche Medien. Papp glaubt, dass unter der neuen Regierung neue Möglichkeiten entstehen können. Dennoch sieht er ein Zurückkehren in den Journalismus, wie er vor den 2010er-Jahren existierte, als unrealistisch an. „Als Journalist, in welcher Redaktion auch immer, muss für jedes bisschen Autonomie gekämpft werden“, sagt Papp. Aus dem Wahlsieg von Magyar schöpft Papp Hoffnung, doch er sieht journalistische Freiheiten weiter bedroht. Nicht nur in Ungarn, sondern weltweit, denn die Karte der Pressefreiheit färbt sich jedes Jahr weiter rot. Für finanziell abhängige Medien sieht Papp in der Zukunft keine bessere Situation, sondern beschreibt den Journalismus weiterhin als eine ressourcenlose Branche. Papp vermutet, dass die Arbeit für unabhängige Medien mit weniger Repression verbunden sein wird, doch das spaltende Feindbild zwischen der Regierung, Gesellschaft und unabhängigen Medien bestehen bleibt.
Aktuell befindet sich Ungarn im Umbruch. Balogh und Lakmusz müssen ihre Arbeit nun umstrukturieren, da die Orbán-Propaganda von den Bildflächen verschwindet. Balogh erklärt, dass sie ihr journalistisches Handwerk in einem Umfeld erlernte, in dem die Regierung unkooperativ und repressiv war. Sie hofft auf Veränderung in der Zusammenarbeit zwischen Staat und Medien, gleichzeitig erwähnt Balogh die schlechte Kooperation seitens Tisza während der Wahlkampagne. „Wir müssen unsere Denkweise umstrukturieren und wachsam bleiben“, sagt Balogh. Eine Herausforderung, vor der nun viele Medien in Ungarn stehen.
Foto: Camilo Jimenez/ Unsplash







