Auf Instagram folgen Lino (@linoallyfel) über 22.000 Menschen für post-ironischen Video-Content. Mit der UnAufgefordert spricht Lino darüber, wie die sozialen Medien das eigene Schönheitsgefühl beeinflussen können und wie es ist, eine genderqueere Person im Internet zu sein.
UnAuf: Hey Lino, wenn du dich und deine Aesthetic in drei Worten beschreiben müsstest, welche wären es?
Lino: Iconic, rosa Herz und das vierte Wort ist … humorvoll!
UnAuf: Heute postest du ganz selbstverständlich mehrere Videos in der Woche. Wie ging es dir damit, zum ersten Mal ein Video von dir online zu teilen?
Lino: Ich weiß tatsächlich gar nicht mehr, wann oder was genau das war. An sich ist es aber immer etwas Aufregendes, ein Video hochzuladen. Man fragt sich jedes Mal, wie werden Menschen das wahrnehmen? Wer wird das vielleicht sehen? Man muss aushalten, dass verschiedene Reaktionen und Gedanken entstehen, von denen man vielleicht auch gar nicht unbedingt etwas mitbekommt.
UnAuf: Ist es dir wichtig, in deinen Videos gut auszusehen? Oder kümmert dich das weniger?
Lino: Mir ist sehr wichtig, dass ich in meinen Videos gut aussehe. Oft decke ich mir vor einem Dreh erst einmal die Augenringe ab. Oder ich mache mehrere Takes, um zu schauen, ob meine Haare richtig liegen. Außerdem achte ich natürlich auf die Belichtung. Das macht viel aus.
UnAuf: Was bedeutet Schönheit für dich?
Lino: Ich glaube, ich habe da gar keine eigene Definition. Ich weiß natürlich, dass es gesellschaftliche Studien zu unserer Gesichts- und Personenwahrnehmung gibt. Außerdem sind da natürlich Schönheitsideale, die gesellschaftlich und historisch geprägt sind. Das Einzige, was mir wichtig ist, ist mir bewusst zu sein, dass Schönheit nicht immer das Wichtigste ist.
Das musste ich aber auch erstmal lernen. Durch Social Media habe ich schon früh hohe Ansprüche an mein eigenes Aussehen entwickelt. Ich weiß noch, dass ich früher sehr viele Selfies gemacht habe und dann geradezu obsessiv nach den Bildern gesucht habe, auf denen ich mich als besonders gutaussehend empfand.
UnAuf: Gibt es denn Momente, in denen du dich heute besonders schön fühlst?
Lino: Das auf jeden Fall. Ich fühle mich besonders schön, wenn ich auf eine Art geschminkt bin, die meine Gesichtsform komplementiert und deshalb vermutlich auch gesellschaftlich als besonders schön wahrgenommen wird. Oder wenn ich Fotos sehe, auf denen ich mich besonders gut getroffen finde. Neulich habe ich mir zum ersten Mal Gelnägel gemacht, das hat sich auch extrem gut angefühlt. Richtig schön finde ich mich eigentlich nur mit einer femininen Gender-Expression.
UnAuf: Bekommst du negative Kommentare auf Instagram? Wenn ja, wie gehst du damit um?
Lino: Tatsächlich schon. Bei viel von meinem Content weiß ich, dass die Reaktionen nichts mit mir persönlich zu tun haben. Vor allem bei Videos, in denen meine Geschlechtsidentität aufgegriffen wird. Mich irritiert es nur zu sehen, wie viele Menschen es gibt, die gewisse Dinge einfach nicht verstanden haben und welche hassvollen Herangehensweisen und diskriminierende Denkmuster doch existieren. Und dass beides auch noch so öffentlich zur Schau gestellt wird, ist einfach nur komisch. Manchmal habe ich Angst, dass das andere Menschen sehen, die genderqueer sind und sich davon beeinflussen lassen.
Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch immer mal wieder positive Rückmeldungen. Manchmal wird mir zum Beispiel geschrieben, dass es sehr empowernd ist zu sehen, wie selbstbewusst ich mit solchen Kommentaren umgehe.
UnAuf: Auch unabhängig von negativen Kommentaren: Hat Social Media einen Einfluss auf dein Körperbild, beziehungsweise spürst du manchmal den Druck, bestimmten ästhetischen Erwartungen zu entsprechen?
Lino: Auf jeden Fall! Das liegt aber auch am Algorithmus. Der ist natürlich sehr sensibel und merkt sofort, ob man einen Post länger anschaut oder eben nicht. An sich glaube ich, dass ich in meiner eigenen Idealvorstellung deutlich muskulöser wäre, weil mein Dünnsein für mich oft auch eine Unsicherheit war.
Auf TikTok war es wirklich mal so, dass ich meine For-You-Page voller Menschen hatte, die ich einfach erstmal nur schön und ästhetisch fand. Menschen, die ich für ihr Äußeres bewundert habe. Aber ich habe schnell gemerkt, dass man Zeit verschwendet und sich nach diesem Anschauen einfach nur leer anfühlt.
Mir hilft es, verschiedene Accounts zu haben, deren Algorithmen ich aktiv auf verschiedene Nischen trainiere, und mich dann in den Account einzuloggen, für den ich eine eher humorvolle For-You-Page kuratiert habe.
UnAuf: In deinen Videos spielst du immer wieder ironisch mit gesellschaftlichen Erwartungen an Gender und Genderexpression (ich denke an deine *innen-Jokes). Woher kommt dieser Humor und denkst du, er ist von deinem eigenen Leben als queere Person geprägt?
Lino: Zum einen hängt das natürlich ganz viel mit dem zusammen, was ich selbst so witzig finde, und mit wem ich mich identifizieren kann. Eine Referenz ist auf jeden Fall @diehuepsche. Außerdem finde ich es gut, die selben Witze wie Gender Gegner*innen zu machen und dadurch aufzuzeigen, wie absurd sie eigentlich ist. Solche Witze kann ja niemand ernst meinen.
UnAuf: Du modelst auch. Wie bist du dazu gekommen? Und was waren deine Erfahrungen?
Lino: Ich wurde tatsächlich von verschiedenen Agenturen auf Instagram angeschrieben und dann auch von einer gesigned. Mir macht das Modeln sehr viel Spaß, ich finde es total spannend zu sehen, wie viele verschiedene ästhetische Vorstellungen es davon geben kann, was gut aussieht und zu reflektieren, was davon mir gefällt und was nicht.
Ich persönlich falle ja auch nicht in eine werbemäßig typische Kategorie des Models, sondern bin eher ein Editorial Model. Ich habe also einen besonderen, einzigartigeren Look, der vielleicht nicht unbedingt dem entspricht, was gerade gesellschaftlich populär oder Mainstream ist. Durch das Modeln habe ich irgendwie zum ersten Mal so richtig wahrgenommen, dass andere Menschen mich wirklich schön finden. Das war mir vorher gar nicht so bewusst.
UnAuf: Glaubst du, dass Influencer*innen eine besondere Verantwortung tragen, wenn es um die Propagierung von Schönheitsidealen geht?
Lino: Sie haben schon eine besondere Verantwortung, weil sie natürlich durch ihre Reichweite eine Vorbildfunktion haben und gesellschaftlich stark wirken. Aber sie stehen jetzt auch nicht an der Spitze der „Nahrungskette”. Ein viel größerer Punkt sind die Algorithmen, die abscannen, wer normschön aussieht. Und da ist natürlich auch wieder die Frage, wer setzt diese Algorithmen auf? Natürlich spielen da auch die Konsummuster der Einzelnen eine Rolle, aber ich sehe die Verantwortung auf jeden Fall stärker bei den Plattformen selbst.
UnAuf: Welche Botschaft würdest du jungen Menschen mitgeben, die sich in klassischen Schönheitsbildern nicht wiederfinden?
Lino: Ich würde sagen, bleibt euch bewusst, dass ihr einfach auch als Menschen auf dieser Erde existiert und eure eigenen Stärken habt und euren eigenen Fokus im Leben setzen könnt. Konzentriert euch auf das, was euch in unserer Gesellschaft selbstwirksam fühlen lässt und was euch besonders zufrieden macht.
Bild: Annalisa Kolbovska







