Manche Akzente werden allgemein oder oft als schön oder besonders attraktiv bezeichnet. Während manche schön sein dürfen, werden andere eher als lustig, lächerlich oder allgemein als Fehler betrachtet. Aber noch wichtiger… wieso?
Im deutschsprachigen Raum gelten die Akzente der Menschen aus benachbarten Ländern als schön oder beliebt, zumindest wenn befragt. Die Deutschen mögen laut dem Spektrum oder Spiegel am meisten den französischen und den italienischen Akzent. Viel polarisierender sind türkische, arabische und allgemein osteuropäische Akzente. Wer jedoch an Bairisch – die südöstliche Dialektgruppe im Deutschsprachigen Raum–, Plattdeutsch, die österreichische Mundart oder Schweizerdeutsch denkt, begeht einen linguistischen Fehler, da diese nicht als Akzente, sondern als Dialekte oder Regionalsprachen klassifiziert sind. Meistens werden Akzente Menschen zugeordnet, die eine weitere Sprache als Muttersprache haben und Deutsch später gelernt haben. Obwohl auch deutsche Muttersprachler*innen einen Akzent im Deutschen haben können, beispielsweise eine prägende bairische Aussprache, wenn sie Hochdeutsch sprechen, sind diese Situationen selten. Wenn sie nur auf Bairisch, ihre Regionalsprache, sprechen, gilt das nicht als Akzent. Wobei man erwähnen muss, dass, wie es in der Linguistik oft der Fall ist, die Grenzen zwischen Akzenten und Dialekten gewissermaßen fluide sind.
Kărriekties Deutsch, abier mit Akzient
Auf Menschen mit einem Migrationshintergrund beziehen sich auch die meisten Situationen, in denen Akzente durch Fragen, Bemerkungen und Kommentare sichtbar gemacht werden. Ein Akzent wird spöttisch von jemandem aus der Bekannt*innenkreis oder von einem Verkäufer im Laden nachgeahmt. Wenn man ein Wort „zu komisch“ ausspricht, wird man von Kollegen ausgelacht – da es nur ein „Witz“ ist. Hinzu kommen Anmerkungen wie:
„Man merkt, dass du nicht aus Deutschland kommst, oder?“
„Du hast eine… total interessante Aussprache. Seit wann lernst du Deutsch?“
„Dein Deutsch klingt ganz ‚exotisch‘!“
„Dein Deutsch klingt so gut. Bist du sicher, dass du erst seit einem Jahr in Deutschland lebst?“
„Du wohnst seit Jahren in Deutschland und sprichst noch nicht ‚korrekt‘!“
Viele Menschen mit Migrationsgeschichte werden mindestens in einer dieser Situationen gewesen sein. Manche davon können als teilweise „positiv“ bewertet werden, manche selbstverständlich gar nicht. Paradoxerweise werden Akzente bei den meisten Sprachprüfungen und Einstufungstests aber gar nicht berücksichtigt, sofern die Aussprache nicht völlig falsch oder unverständlich ist. Das Sprachniveau wird primär durch den Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen (GER) festgelegt, der die Sprachfähigkeiten auf Niveaus von grundlegend (A1) bis höchst fortgeschritten (C2) misst. Selbst auf der höchsten Stufe werden die Verständnis- und Sprachgebrauchkompetenzen auf Präzision, Kohärenz und Spontaneität geprüft – der Akzent spielt keine Rolle.
Laute sind nicht nur eine Frage der Sprache, sondern auch soziokulturell geprägt
Obwohl dies oft als grundlegend betrachtet wird, gibt es keine direkte Assoziation zwischen akzentfreier Aussprache und Korrektheit, beziehungsweise Fehlerfreiheit. Noch deutlicher wird die fehlende direkte Verbindung dadurch, dass sie jeweils unterschiedliche Fähigkeiten und Lernstrategien implizieren: Während sich Lernstrategien mit Grammatikregeln und Wortwahl befasst, hat die Beseitigung des Akzents vielmehr mit dem Training der Hörfähigkeiten und der Mundmuskulatur zu tun. Das Erlernen komplett neuer Laute und Lautgruppen braucht Übung. Hinzu kommen auch kulturelle Unterschiede. Was im Hochdeutschen als die normale Aussprache des „r“ bezeichnet wird, würde beispielsweise jemand aus Rumänien als unpräzise Aussprache oder sogar als Sprachstörung betrachten. Und das ist nicht nur eine Frage der Wahrnehmung: In vielen Ländern wird seit der Kindheit daran gearbeitet, dass „r“ passend auszusprechen, zum Beispiel durch Lehrer*innen oder Logopäd*innen.
Akzente bedeuten auch Identität
Außerdem sind Akzente für ihre Träger*innen nicht nur etwas, die zur Diskriminierung führen können, sondern sind sie auch tief mit der Identität verbunden und oft identitätsstiftend. Wie die Schriftstellerin und Essayistin Nancy Huston 1999 in Nord perdu schrieb, sind Akzente unter Muttersprachler*innen einer bestimmten Sprache und hervorgehoben Menschen, die nur eine einzige Sprache beherrschen, ein Tabu. Sie sogar als verbrechensartig wahrgenommen. Man wird im Akt des „Fremdseins“ („étrangéité“) ertappt. Unter Menschen, die ebenfalls einen Akzent haben oder eine andere Sprache sprechen, bildet sich jedoch oft eine bestimmte Art von Gemeinschaftsgefühl und Verständnis, auch wenn man unterschiedliche Sprachen spricht. Dies hängt nicht damit zusammen, dass man eine gemeinsame Kultur und Geschichte entdeckt, sondern damit, dass die Aneignung eines Akzents oder einer fremden Sprache eine Art von Gemeinschaft auslöst.
Laute klingen schön (oder hässlich) anhand welcher Sprache sie gehören
Anhand der Theorie der affektiven Verarbeitung bilden sich Meinungen über Akzente nicht danach, wie sie klingen, sondern eher, welche Assoziationen damit verbunden sind. Personen schätzen ihr eigenen Akzent über anderen. Menschen, die eine fremde Sprache erkennen, haben deutlich unterschiedlichere Meinungen über deren Eindruck als Menschen, die sie nicht erkennen. Darauf weist unter anderem eine Studie von Michele Bianchi und Kolleg*innen hin, die 2019 in Scientific Reports unter dem Titel Forming social impressions from voices in native and foreign languages erschienen ist. Das passiert ungeachtet der tatsächlichen Laute oder Sonorität – die Schallfülle, Lautheit oder Klangfülle eines Lautes. Dass französische oder italienische Akzente von Deutschen so geschätzt werden, ist demnach kein Wunder. Wichtig ist nicht nur die geografische Nähe, sondern auch die Kultur und der Kontext. Was man mit Italien und Serbien verbindet – ob bewusst oder unbewusst – unterscheidet sich deutlich.
In den Medien sind Akzente, insbesondere authentische ausländische Akzente, fast nie zu hören, wie auch von der taz oder migazin.de kritisiert. Im Vergleich zu dem englischsprachigen Raum zum Beispiel sind bei Nachrichten außer Hochdeutsch nur regionale Dialekte oder Akzente zu hören. Fremdsprachige Akzente aber nicht. Das schafft ein interessantes Paradox. Sehr oft sind die ausländischen Akzente, die man hört, nicht authentisch. Meist sind es nur die imitierten Akzente, die in Medien kursieren. Geläufig ist auch, dass Personen, die eine Sprache eigentlich einwandfrei (und akzentfrei) beherrschen, karikaturartige und übertriebene Akzente nachahmen. Das beeinflusst noch mehr die Wahrnehmung der Akzente.
Über und mit ihnen darf man lachen, aber ihrer Besitzer*innen werden vertrauenswürdige Informationen oder wichtige und ernste Themen selten oder gar nicht anvertraut. Humor kann vielleicht zu Akzeptanz führen, aber zwischen Toleranz und Respekt gibt es einen bedeutenden Unterschied. Man darf nicht vergessen, dass Akzente für viele Menschen nicht nur eine Frage der Schönheit sind, sondern eine Rolle in einer viel komplexeren Narration über Integration und Identität spielen. Oft sind sie auch der Grund für direkte oder indirekte Diskriminierung. Das gilt auch für Städte wie Berlin, die so multikulturell sind. Um etwas tatsächlich schön finden zu können, braucht es erstmals respektiert zu werden.







