Schönheit liegt nicht im Auge des Betrachters. Die Kunstwissenschaft geriete sonst in Rechtfertigungsnot. Was aber sind dann die Schönheitskriterien, an denen sich Kunst messen muss? Die Diskussion um diese Frage greift weit in die Antike zurück: Bis zum Laokoon.

Als ein römischer Weinbauer 1506 auf seinem Feld arbeitet, weiß er noch nicht, dass er heute Geschichte schreiben wird. Im Gegenteil: Es ist ein Tag wie jeder andere auch. Er jätet sein Feld und befreit es von störenden Steinen. Einer davon steckt besonders fest. Erst mit der Hilfe von Nachbarn schafft er es, ihn zu lösen und so den Eingang zu einem unterirdischen Gewölbe freizulegen. Felice de Fredis, so heißt der Bauer, kann seinen Augen nicht trauen.

Vor ihm steht auf Marmorboden die seit Jahrhunderten vermisste Statue eines Priesters: Laokoon. Der Priester steht zwischen seinen beiden Söhnen, blickt mit zurückgeworfenem Kopf leidend in den Himmel. Er richtet seine letzte Kraft auf mehrere Schlangen, die ihn und seine Söhne zu verschlingen drohen. Aus seinem Mund stößt ein erstickter Schrei. Dieser Moment setzt den Startschuss für einen Jahrhunderte andauernden Streit. Doch eins nach dem anderen.

Wer ist überhaupt dieser Laokoon? Dafür lohnt sich ein Blick in den Trojanischen Krieg. Nach zehn Jahren Belagerung scheint der Angriff der Griechen auf Troja beendet. Die Griechen ziehen ab und hinterlassen ein großes hölzernes Pferd. Angeblich als Opfergabe. Der trojanische Priester Laokoon vermutet eine List und wirft seinen Speer auf das Pferd. Ein hohler Klang ist zu hören. Mit rasanter Geschwindigkeit schnellen Schlangen aus dem Meer und verschlingen Laokoon samt seinen Söhnen. Die Trojaner ignorieren also seine Warnung und ziehen das Pferd in die Stadt. Am nächsten Morgen gibt es kein Troja mehr. Im Pferd waren griechische Krieger versteckt.

Die Geschichte von Laokoon kennen wir von dem römischen Dichter Vergil, der im zweiten Buch des Epos „Aeneis“ über den Priester schreibt: „graunvolles Geschrei hochauf zu den Sternen erhebt er.“ Das passt nicht zu der Statue, die Felice de Fredis auf seinem Feld findet. Der marmorne trojanische Priester öffnet seinen Mund nämlich nur kaum merklich. Bald finden Experten heraus, dass die Statue wohl aus Griechenland stammen muss und um Christi Geburt erbaut wurde. Für den Gelehrten Johann Joachim Winckelmann ist der Unterschied zwischen Statue und Vergil im Jahr 1755 also einfach zu erklären.

„Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Größe. […] Er erhebet kein schreckliches Geschrei, wie Vergil von seinem Laokoon singet.“ Der barbarische Römer Vergil muss den Laokoon natürlich schreien lassen. Nach Winkelmann zeigt sich Schönheit also in der Darstellung einer edlen Seele. Etwas, das nur die Griechen hinbekommen. „So wie die Tiefe des Meers allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten.“

Neben dem Grundstein für den Klassizismus, der sich an griechischer Kunst orientiert, setzt Winckelmann mit dieser Ausführung auch das Fundament für spätere Rassentheorien. Das eine Volk soll eine edle Seele haben, das andere nicht. Deutsche Künstler stören sich dermaßen daran, dass es Ergänzungen und Richtigstellungen hagelt. Zum Beispiel von Goethe und Lessing.

Gotthold Ephraim Lessing legt vor. Er ist schon mit Winckelmanns Vergleich von bildender Kunst und Literatur an sich nicht einverstanden. Bildende Kunst hat Körper, die Momente schaffen können. Sie muss also einen „fruchtbaren Augenblick“ finden, in dem ein Körper die Vorstellungskraft des Publikums auf eine bestimmte Art stimuliert. Dieser fruchtbare Augenblick liegt im Wechsel zweier Zustände. Vom Lachen ins Weinen. Von Gleichgültigkeit in Mitgefühl. Von Stille zum Schreien. Die Poesie braucht das nicht. Sie kann zeitliche Abläufe darstellen. Sie kann Laokoon schreien und danach wieder schweigen lassen. Der Schrei der Statue würde bis in alle Ewigkeit hallen. Deshalb zeigt sie den Moment vor dem Schrei.

Lessing zieht noch einen weiteren Schluss. Die bildende Kunst ist in ihrer Körperlichkeit gefangen. Sie kann sich genau einen Moment suchen und ein Bild zeigen. Bei der Poesie ist das anders. Sie regt die Vorstellungskraft des Menschen an und erzeugt so unendlich viele Bilder über unendlich viele Zeiträume. Für Lessing steht die Poesie also über der bildenden Kunst.

Goethes Untersuchungen sind weitaus pragmatischer. Bei ihm spielt der antike Begriff der Symmetrie eine große Rolle. Schöne Kunst schaffe es, Symmetrie mit der menschlichen Natur in Einklang zu bringen. Das sehe man ganz zentral an der Laokoon-Statue, die einen Moment dermaßen in sein Zentrum zuspitzt, dass das Bildnis einen selbst von weitem noch verzückt. Die Gruppe ist wie eine Pyramide aufgebaut und hat ihre höchste Spannungskonzentration in der Mitte.

Und warum schreit Laokoon nicht? Ganz einfach: Der Augenblick, der Modell für die Bildhauer stand, bietet keinen Schrei. Man stelle sich das mal vor. Eine Schlange beißt in die Hüfte. Aus Schock ist man gerade dabei, sich wegzudrehen. Ist der Körper in diesem Moment des absoluten Schmerzes dazu in der Lage, loszuschreien? Wohl kaum.

Langsam versteht man, was für Ausmaße die Diskussion um den Laokoon annahm. Kaum ein großer Dichter oder Denker dieser Zeit ließ es sich nehmen, die Statuengruppe zu kommentieren. Auch Friedrich Schiller darf da natürlich nicht fehlen. Und wir haben ja erst drei alte weiße Männer, also schauen wir uns noch den vierten an.

Schillers Vorstellung von hoher Kunst ist die Darstellung der menschlichen Natur. Und die sieht er nur in der Statue ganz vollendet. Warum nicht im Drama bei Vergil? Nach Schiller liegt das daran, dass es Vergil wohl nicht um Laokoon als Hauptfigur ging. In seinem Drama hat er lediglich die Funktion eines göttlichen Zeichens. Anders bei der Statue. Hier sieht Schiller den Moment, in dem sich der Mensch über den tierischen Instinkt des Leidens hinwegsetzt. Statt loszuschreien, blickt er leidend in den Himmel. Auf der Suche nach Gott? Über das Wesen des Menschen schreibt Schiller: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Denn im Spiel löst er sich von jeglicher natürlich gegebenen Zweckhaftigkeit, begreift seinen freien Willen und wird zum Menschen.

Im Laokoon sehen wir also nicht nur einen trojanischen Priester. Wir sehen uns. Wir sehen einen Schatten, der aus dem Garten Eden ausbricht. Wir sehen den Apfel, der ihn freie Gestalten annehmen lässt. Wir sehen die Sünde, die ihn zum Menschen macht. Und wir erkennen wahre Schönheit. Oder zumindest, was es bedeuten kann. Denn genau hier entspinnt sich wissenschaftlicher Diskurs. Nur, weil ein Schiller mal gesagt hat, der Mensch wäre im Spielen frei, muss das nicht die Wahrheit sein. Moderne Forschung hat längst herausgefunden, dass auch das Spiel einen natürlichen Zweck verfolgt.

Wenn die Laokoon-Diskussion uns also nicht einfach auf dem Silbertablett präsentiert: „Seht her, hier ist die Schönheit!“, dann zeigt sie uns zumindest, wie wir unseren Schönheitsbegriff begründen können. Kunst kann heißen, die eigene Vorstellung von Schönheit zu verstehen. Und zu erkennen, dass Schönheit mehr als nur ein Gefühl ist.


Illustration: Shiwen Sven Wang