Ob Action, Horror oder Thriller: Gewalt zieht sich durch die gesamte Kinolandschaft. Teilweise roh und ungeschönt, dann wieder hoch ästhetisiert, sexualisiert oder perfekt durchchoreografiert. Aber darf man etwas Schreckliches wie Gewalt überhaupt schön darstellen?

Die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet Gewalt als „den Einsatz von physischem oder psychischem Zwang gegenüber Menschen sowie die physische Einwirkung auf Tiere oder Sachen.“ Die Definition unterscheidet nicht nur zwischen physischer oder psychischer Gewalt, sondern auch zwischen Unterarten, wie sexueller, häuslicher, sozialer, ökonomischer und angedrohter Gewalt. In Medien finden wir all diese Formen wieder, nur werden sie in verschiedenen Kontexten genutzt und auch in unterschiedlichem Maße ästhetisiert. Von ästhetisierter Gewalt sprechen wir, wenn schöne Bilder grausame Brutalitäten zeigen und sie dadurch verharmlosen. Sie findet sich in Filmen, die auf eine einstudierte Choreographie, den Bombast von großen Explosionen und actionreichen Schießereien setzen oder die realistische Gewalt mit schönen Farben geschmückt und mit lieblicher Musik unterlegt darstellen.

Der Zweck der Gewalt

Bildgewaltig und faszinierend: Apocalypse Now gehört zu den wichtigsten Kriegsfilmen jemals. Eigentlich widersprüchlich, wenn doch am laufenden Band Kriegsverbrechen gezeigt werden. Coppola spielt mit Übertreibung, Stilisierung und Komik, um so die Perversion der unermesslichen Gewalt des Vietnamkrieges bloßzustellen. Die Ästhetisierung der Kriegshandlungen ist elementar für seine Wirkung. Genauso ist eine ästhetische Darstellung von Gewalt oft ein wichtiger Bestandteil der Handlung und damit auch der Aussage eines Filmes. Sie schafft eine Distanz zu den Geschehnissen und bietet Gelegenheit zur Reflexion.

Ganz abgesehen von den ästhetischen Gesichtspunkten, denn Actionfilme beispielsweise leben von schön eingefangenen Gewaltmontagen und gehören dabei zu den erfolgreichsten Vertretern des Blockbusterkinos. Das Spektakel in Filmreihen wie James Bond oder Mission Impossible basiert auf der Verharmlosung von Gewaltexzessen und das nicht etwa als Kritik oder selbstreflexive Auseinandersetzung, sondern aus reiner Unterhaltung. Aber auch aus handwerklicher Sicht kann man bestimmten Darstellungen von Gewalt etwas abgewinnen. Wenn The Raid mit nahezu perfekten Martial-Arts-Choreographien besticht, dann ist das nicht nur eine Verbeugung vor dem Sport und der damit verbundenen Kultur, sondern auch eine Zurschaustellung des menschlichen Könnens.

Selbst wenn die Darstellung von moralisch verwerflichen Praktiken in einem von der Gesellschaft als ästhetisch empfundenen Rahmen liegt und dies ambivalente Gefühle in uns auslöst, ist das kein moralischer Fehler der Filmkunst, sondern eine Stärke, die uns einzigartige Perspektiven bieten kann. Die Ächtung von ästhetisierter Gewalt wäre ein massiver Eingriff in die Kunstfreiheit und würde das Publikum entmündigen, das sich durchaus eigene Gedanken machen und den eigenen Medienkonsum hinterfragen kann.

Die Schattenseiten

Es gibt natürlich auch berechtigte Kritik, die sich nicht nur auf moralische, sondern auch auf wissenschaftliche Aspekte bezieht. Es gilt als bewiesen, dass der Konsum von gewalthaltigen Medien zu Abstumpfung und Gewöhnung führt. Das wirkt sich unter anderem auch auf unsere moralischen Bewertungsmaßstäbe im realen Leben aus und kann dazu führen, dass Situationen falsch eingeschätzt und Hilfe nicht gewährt wird. Diese Erkenntnisse gelten allerdings für jegliche konsumierte Gewalt und sind demnach nicht auf ästhetisierte Gewalt beschränkt – Ganz im Gegenteil zur Verharmlosung, die mit dem Ästhetisierungsprozess einhergeht.

Durch eine Ästhetisierung wird die Gewalt abgeschwächt und erträglich gemacht, um einem großen Publikum zugänglich zu werden. Dabei fällt es leicht, in Respektlosigkeit gegenüber Opfern von realer Gewalt zu verfallen, insbesondere wenn die Handlung auf realen Ereignissen basiert. Die Ausschlachtung von Gewaltverbrechen wiegt besonders schwer, wenn sie aus der Perspektive der Täter erzählt wird, Stereotype reproduziert oder sich speziell gegen marginalisierte Gruppen richtet. Schwierig wird es, wenn die Ästhetisierung nicht mehr als ein Mittel zur kritischen Distanz genutzt wird, sondern zur Verdrängung von realen Problemen. Denn dann schlägt eine kritische Auseinandersetzung in stumpfen Konsum um.

Gewaltkritik im Film

Beschäftigt man sich mit Gewalt im Film, kommt man um einen Regisseur nicht herum: Michael Haneke. Einer seiner bekanntesten Filme ist wohl der 1997 erschienene Funny Games. Eine Familie fährt in ihr idyllisches Ferienhaus und wird dort von zwei jungen, sehr höflichen Männern in sadistische Folterspiele verwickelt. Dabei brechen die Folterer mehrmals die vierte Wand und stellen dem Publikum unangenehme Fragen, indem sie  dessen Sehverhalten hinterfragen. Haneke fordert uns heraus, er spielt mit gängigen Klischees des Horror- und Thrillerkinos, zeigt aber dennoch nie direkt den gewaltvollen Akt. Funny Games ist eine Warnung an uns: Gewalt im Film, egal ob ästhetisch oder nicht, sollte niemals unkritisch konsumiert werden und wir sollten uns bewusst sein, dass unsere Sehgewohnheit sich auch auf die Realität auswirkt.

 

 

 

 

 

Zwischen Jugendschutz und Kunstfreiheit

Ist es also vertretbar, Gewalt zu ästhetisieren? Rein wissenschaftlich konnte kein kausaler Zusammenhang zwischen dem Konsum von gewalthaltigen Medien und aggressiven Gedanken, Emotionen und Verhaltensweisen bewiesen werden. Allerdings wurden geringe kurz- und langfristige Folgen festgestellt, die vor allem Einfluss auf Kinder haben. Die Verantwortung liegt also bei den Erziehungsberechtigten, Hilfsmittel wie etwa die FSK-Einstufung zurate zu ziehen, um Schaden abzuwenden.

Moralisch gibt es natürlich kein einfaches Ja oder Nein auf diese Frage, dafür ist unsere subjektive Einstellung zu Schönheit und Gewalt zu verschieden. Allein die Frage, ab wann Gewalt ästhetisch ist oder ob es so etwas überhaupt gibt, wird jeder Mensch für sich selbst beantworten müssen. Wir geben den Filmschaffenden viele Rechte und viel Spielraum, dafür zahlen wir den Preis der Eigenverantwortung. Filmemacher*innen tragen die Bürde, mit ihren Freiheiten gewissenhaft umzugehen und wir als Publikum tragen wiederum die Verantwortung, jene Filme zu würdigen, die – ganz im Sinne Hanekes – Gewalt respektvoll und vor allem kritisch betrachten, Filme, die etwas aus diesen Freiheiten machen und sie nicht kommerziell oder ideologisch ausschlachten. Was nun moralisch vertretbar ist und was nicht, hängt immer vom Kontext, aber auch von den Rezipienten ab. Deshalb kann man keine klaren standardisierten Grenzen ziehen, sondern muss sich in jedem Fall eine eigene Meinung bilden.


Fotos: Meteor Film