Home #274 SCHÖNHEIT Spieglein, Spieglein

Spieglein, Spieglein

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Was wärst du bereit, für deine Schönheit aufzugeben? Diese Frage stellt die kanadische Autorin Mona Awad in ihrem vierten Roman Rouge nicht nur ihrer von Skincare besessenen Protagonistin.

Heute schon das Gedicht doppelt-gecleansed, die Haut exfoliert und Seren aufgetragen? Glaubt man Social Media, so gehören all diese Schritte zu einer guten Abendroutine. Dazu kommen selbstverständlich noch die passenden Produkte am Morgen, Sonnencreme, um die Hautalterung vorzubeugen und hin und wieder das eine oder andere Hydrafacial. Auch die junge Verkäuferin Mirabelle, genannt Belle, folgt diesem strikten Regiment. Wenn sie nicht gerade im Laden steht und Kleider verkauft, oder ihr Gesicht mit den neuesten Produkten versorgt, dann verbringt sie ihre Zeit vor allem damit, Videos zum Thema Skincare zu konsumieren. Doch ein unerwarteter Anruf reißt Belle aus diesem geregelten Leben: Ein Polizist informiert sie darüber, dass ihre Mutter bei dem Sturz von einer Klippe umgekommen ist. Hals über Kopf macht sich Belle auf nach Kalifornien, um dort der Beerdigung beizuwohnen und das Appartement ihrer hochverschuldeten Mutter zu verkaufen. Doch genau das entpuppt sich als schwierig, denn die Wohnung ist nicht nur stark heruntergekommen, sondern kurioserweise auch voller zersprungener Spiegel. Als Belle eines Abends in die roten High Heels ihrer Mutter schlüpft, tragen sie diese schließlich ohne jegliches Zutun zu einem einsamen Haus an den Klippen, in welchem sich eine Art geheimes Spa befindet. Hier wird Belle ein verlockendes Angebot gemacht: Eine Behandlung, die ihre Haut von jedweden Schäden befreit. Nur muss sie dazu auch ihre Erinnerungen aufgeben.

Mit Rouge liefert Mona Awad einen Roman, der sich zum einen in das literarisch immer stärker bespielte Feld der Weird Girl Fiction einordnen lässt, zum anderen, aber vor allem den zunehmenden Hype um Skincare und das Erscheinungsbild unserer Haut parodiert. Auf Social Media werden uns mittlerweile nicht mehr nur einzelne Cremes, sondern ganze Produktreihen empfohlen, wer das nötige Kleingeld besitzt, der lässt sich nicht nur die Poren reinigen, sondern auch gleich das Gesicht mit Lachssperma aufspritzen. Der Online-Plattform Statista zufolge wurden im Jahr 2024 allein in Deutschland 3,8 Milliarden Euro Umsatz mit Hautpflegeprodukten erzielt. Und das Marketing trifft nicht mehr nur Erwachsene und Teens: Jüngst stand die Schauspielerin Shay Mitchell in der Kritik, nachdem sie eine Skincare Brand für Kinder gelauncht hatte.

Die jüngsten Entwicklungen in Sachen Skincare und Social Media schwingen in Mona Awads Roman jedoch nur mit. Vielmehr wird hier eine märchenhafte Geschichte erzählt, die sich vor allem auch mit dem Einfluss von toxischen und rassistischen Schönheitsidealen beschäftigt. So lamentiert Belle immer wieder ihren dunkleren Hautton, den sie von ihrem ägyptischen Vater geerbt hat, einen biografischen Marker, den sich Autorin und Protagonistin teilen, und berichtet von Herabsetzungen auf dem Pausenhof. Kein Wunder also, dass Belle später danach strebt, als besonders schön wahrgenommen zu werden. In jenem Streben und der Märchenhaftigkeit der Erzählung ist eine Repetitivität angelegt, die spätestens ab der zweiten Hälfte des Romans zu einigen Längen führt. Verstärkt werden diese durch die zahlreichen Rückblenden, deren Inhalt von einem undurchsichtig bleibenden Antagonisten bestimmt werden, welcher durch seine Affiliation mit dem Schauspieler Tom Cruise oft eher ridikül als bedrohlich anmutet. Dennoch gelingt es Mona Awads Beauty-Thriller zu weiten Teilen, Gesellschaftskritik und einen Twist von Horror auf unterhaltende Art und Weise zu vermischen.

Mona Awad: Rouge. Scribner 2023. $18.99 // Mona Awad: Rouge. btb Verlag 2025. 22 €


Foto: Penguin Random House