Bühnenfechten, Stop-Motion-Animation, Kulturmanagement: Paulas Ausbildung in der Zeitgenössischen Puppenspielkunst sprengt die Klischees von Augsburger Puppenkiste. An der Ernst Busch-Hochschule lernt sie, Pappe, Holz und Schaumstoff zum Leben zu erwecken.
Der Weihnachtsbaum blinzelt. Dann hopst er einmal quer durchs Bild, stolpert über einen Geschenkkarton und verliert dabei die Schleife, die auf seiner Spitze thront. Mit einem Kick seines Topfes befördert er sie im hohen Bogen zurück in seine Zweige. Der Baum blinzelt noch mal. Dieses Mal gut gelaunt.
Paula, die den Stop-Motion-Film mit Pappfiguren animiert hat, ist noch nicht ganz zufrieden. „Ich glaube, da war noch ein Finger“, befürchtet sie. Ihr Dozent spult zurück, und tatsächlich: Auf einem der rund 160 Fotos, aus denen der Film besteht, ist noch ihre Hand zu sehen. Der Frame muss gelöscht werden, dann ist die Animation fertig.

Mehr als ein Stativ, ein Tablet und ein bisschen Pappe braucht es nicht für die Kurzfilme.
Paula studiert Zeitgenössische Puppenspielkunst an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Wer dabei nur an Marionetten, die Augsburger Puppenkiste und Kinderprogramm denkt, ist von der Realität des zeitgenössischen Puppenspiels weit entfernt. „Klar, das gibt es, aber es ist ehrlich gesagt eine Nische“, meint Paula.
Sie selbst ist eher zufällig zum Puppenspiel gekommen. Nach der Schule will sie ein freiwilliges kulturelles Jahr an einem klassischen Theater absolvieren, landet aber stattdessen am Puppentheater Magdeburg. „Diese ganze Welt hat mich begeistert, ich bin da komplett eingetaucht. Nach Ablauf des Jahres habe ich mich direkt an der Ernst Busch beworben.“ Zunächst wird Paula abgelehnt, studiert stattdessen Germanistik und arbeitet als Regieassistenz in Magdeburg. Nach drei Spielzeiten bewirbt sie sich erneut – dieses Mal mit Erfolg. „Bei Puppe haben viele davor schon was anderes gemacht“, erklärt Paula. „Ich bin auch ganz froh, dass ich mir die Zeit genommen habe. In diesen sechs Jahren habe ich viele Erfahrungen gesammelt, die mir jetzt helfen.“
Denn wer Puppen studieren will, muss vielseitig begabt sein: Die Student*innen werden neben Puppenführung in Schauspiel, Sprechen und Gesang ausgebildet. Dazu kommen Akrobatik und Bewegungsunterricht, aber auch Theoriefächer wie Theatergeschichte und später auch Kulturmanagement. „Um zu lernen, wie man in der freien Szene überlebt“, erklärt Paula. Außerdem gibt es noch den Wahlpflichtbereich. Paula hat sich für Stepptanz, Bühnenfechten, Synchronsprechen und einen Feedback-Methoden-Kurs entschieden. Und nun eben für Stop-Motion-Animation.

Paula und ihre Kommilitoninnen bei der Tonaufnahme
Der Klang eines Blinzelns
Der Kurzfilm ist jetzt fertig animiert, nur die Audiospur fehlt noch. Paula zählt auf, was sie vertonen will: das Springen des Baums, das Blinzeln, die Schleife und das Geschenk. „Macht die Tanne auch kleine Geräusche?“, hakt ihr Dozent nach. „Und wie soll sich das Blinzeln anhören?“ Paula lässt ihren Blick über die fünf Tische schweifen, an denen die Studentinnen mit Stativen und Tablets die Filme produziert haben. Zwischen den Scheren und Papierresten liegen noch zwei Metallstifte, die Paula gegeneinander schlägt – das Blinzelgeräusch. Alle anderen Töne spricht sie mit ihren Kommilitoninnen ein: „Boiiing, boiiing – fwuuu – prchhh.“ Nach ein paar Übungsdurchläufen ist die Aufnahme im Kasten.

Projekte aus der Student*innen-Werkstatt
Dass Paula die Objekte oder Puppen wie im Stop-Motion-Workshop selbst baut, ist eine Ausnahme. Die Grundsätze des Puppenbaus gehören zwar zum Studium, meistens werden die Puppen jedoch von Profis angefertigt oder kommen aus dem Fundus nebenan. Hunderte Masken und Puppen werden hier gelagert, der Raum ist bis unter die Decke gefüllt.


Im Fundus der Ernst Busch-Hochschule haben sich über die Jahre Dutzende Masken und Puppen angesammelt.
„Wir beginnen beim Puppenspiel am eigenen Körper und entfernen uns immer weiter davon“, erklärt Paula. „Danach ist auch der Fundus sortiert.“ Zunächst animieren die Student*innen Alltagsobjekte – Kleiderbügel, Kugelschreiber oder Kaffeetassen. Anschließend spielen sie mit den Masken, die mehrere Regalreihen mit menschlichen Gesichtszügen und monsterhaften Fratzen füllen. Daneben sind an einer Gitterwand die Handpuppen befestigt. Paula spreizt die Finger: Daumen und kleiner Finger für die Arme, den Mittelfinger für den Kopf. Was bei ihr mühelos aussieht, ist das Ergebnis vieler Stunden Übung. Gerade die Koordination sei schwierig, erklärt sie – vor allem, wenn zwei Puppen gleichzeitig gespielt werden und sich die Arme unabhängig voneinander bewegen. „Am Anfang hat mich das sehr überfordert.“ Jetzt, nach fast drei Jahren Studium, zahlt sich die harte Arbeit aus. Und in der Freizeit macht sich das Training auch bemerkbar. „Weil wir so viel an unserer Koordination arbeiten, sind wir alle besser im Tischtennis geworden!“, sagt Paula mit einem Grinsen.
„Ich mag es, wenn das Publikum auch lachen kann“
Warum aber die ganze Mühe? Für Paula bietet das Puppenspiel ganz neue Möglichkeiten, denn im Gegensatz zum klassischen Schauspiel ist sie dabei nicht auf ihren eigenen Körper festgelegt. „Die Puppen machen es einfacher, in verschiedene Rollen zu schlüpfen – cross-gender, ganz junge oder alte Personen, oder sogar Objekte. Man kann dabei so schön in die Abstraktion gehen.“ Es fasziniert sie, die Figuren beim Spiel von außen sehen zu können. „Das fällt mir manchmal leichter, als die Rollen selbst zu spielen – obwohl ich auch die Interaktion zwischen Puppe und dem eigenen Körper lustig finde.“
Am liebsten spielt Paula Klappmaulpuppen. Ihre Münder können geöffnet und geschlossen werden, das mache das Spiel sehr direkt und unmittelbar, meint sie. „Man bewegt sie fast wie ein richtiges Gesicht, dadurch wirken sie richtig frech und forsch. Das ist oft lustig – aber ich mag es, wenn das Publikum auch lachen kann.“ Dieses Comedy-Talent stellen die Muppets und die Bewohner der Sesamstraße schon seit Jahrzehnten unter Beweis.
Neben den Klappmaulpuppen hängen im Fundus die Marionetten von ihren Fäden. Dahinter sind die Großpuppen aufgereiht, die meist von mehreren Personen bewegt werden. Auch der lebensgroße Pegasus, der im ersten Stock der Hochschule unter der Decke hängt, zählt dazu. Sieben Personen brauchte es, um ihn zum Leben zu erwecken. Paula hat ihn vor drei Jahren zur Eröffnungsfeier der Special Olympics World Games gespielt. „Das erfordert viel Geduld, Timing und Absprache“, sagt sie. „Man muss alles koordinieren, jeden Impuls, jeden Schritt, damit das Spiel von mehreren Personen sich in diesem einen Körper verbindet. Da kann man nicht einfach sein eigenes Ding durchziehen.“

Wenn sie nicht in Gebrauch ist, hängt die Pegasus-Puppe in der Hochschule.
Von der Hochschule auf die große Bühne
Dass sie auch diese Herausforderung nach drei Jahren Studium meistern kann, demonstriert Paula in der Studioinszenierung: eine Aufführung unter Realbedingungen auf einer externen Bühne. Mit sechs Kommiliton:innen hat sie eine Adaption von Mareike Fallwickls Roman „Und alle so still“ bereits dreimal in der Schaubude Berlin gespielt, immer vor ausverkauftem Haus. Nun, einen Monat später, folgen drei weitere Vorstellungen. Dafür muss Paula den letzten Tag des Stop-Motion-Workshops sausen lassen: Am Freitag steht die Wiederaufnahmeprobe an.
Um halb zehn morgens betreten die Student*innen den Saal der Schaubühne. Vor den leeren Sitzreihen stehen Kartons mit Requisiten, die noch ausgeräumt werden müssen. Puppen, Kettenhemden und bemalte Pappscheiben landen zunächst auf der Bühne und werden schließlich im Backstage verstaut. Die Crew scherzt, die Stimmung ist gelöst, während die letzten Utensilien ihren Platz finden. Paula schlüpft bereits in ihr Kostüm: rosa Bluse, weißer Rüschenkragen, lachsfarbener Rock und Schuhe in Ballett-Optik. In der Probe ist das Kostüm kein Muss, aber Paula fällt es so einfacher, in die Rolle zu finden.
Die Darsteller:innen wärmen sich auf, lockern zu Techno-Beats die Muskeln, singen sich ein. „Ich bin gespannt, ob wir uns noch an alles erinnern“, sagt Paula, „und ich freue mich!“ Dann wird es dunkel im Saal.


Die Darsteller*innen bei der Probenvorbereitung
Wie Kinder in der Deckenburg
Als die Scheinwerfer in der ersten Szene die Bühne beleuchten, schwimmt dort eine Puppe. Sie lässt sich auf dem Rücken treiben, paddelt träge mit den Beinen und Armen. Paula und zwei Kommiliton*innen bewegen den Körper aus Holz und Schaumstoff, und für einen Moment scheint es so, als wäre da wirklich eine junge Frau im Badeanzug, so echt wirken die Bewegungen.
Die drei Protagonist*innen des Romans werden durch Puppen verkörpert. Mal werden sie von nur einer Person gespielt, mal von drei – je nachdem, wie komplex die Bewegungen der Puppe in der jeweiligen Szene sind. Die Nebencharaktere verkörpern die Darsteller*innen selbst. Paula schlüpft immer wieder in andere Rollen: Erst spricht sie Texte durchs Mikro ein, dann spielt sie eine sprechende Gebärmutter, bewegt die Füße der Großpuppen, singt im Chor. Eines der Lieder hat sie extra für die Aufführung mehrstimmig arrangiert, erzählt sie später.
Oft müssen die Darsteller*innen schnell unter der Bühne verschwinden, um auf der anderen Seite wieder aufzutauchen oder aus ihrem Versteck Schilder in die Höhe zu halten. „Wenn wir alle unter diesem Podest sind, fühlt es sich so an, als wären wir Kinder, die sich eine Bude gebaut haben“, meint Paula. „Das ist mir im ersten Durchlauf mal aufgefallen, das war einer der schönsten Momente des Projekts.“
Noch ist Zeit für Patzer
Die Probe läuft gut. Manchmal stimmt das Licht noch nicht ganz, ein paar Sätze fehlen oder eine der Puppen sitzt auf der falschen Seite. Zwischendurch platziert der Techniker eine Leiter vor der Bühne und tüftelt an der Beleuchtung. Die Darsteller*innen spielen ungerührt weiter. Wenn ein Patzer passiert, ist jetzt noch Zeit, darüber zu lachen, bevor es am Abend ernst wird.
Nach der Probe gibt es noch keinen Applaus; die Puppen bleiben auf der Bühne liegen, während die Darsteller*innen für die Nachbesprechung vom dunklen Saal ins sonnendurchflutete Foyer umziehen. Draußen auf der Greifswalder Straße laufen die Passanten vorbei, während die Crew sich Tische und Stühle am Fenster zusammenzieht. Die Regisseurin geht ihre Notizen durch: Manchmal waren die Schritte der Puppen zu groß, meint sie. Ein andermal habe ein Requisit nicht funktioniert. „Und der Ablauf von den Pizza-Smileys war wackelig.“
Die Koordination einer siebenköpfigen Besetzung erfordert viel Geduld. Das war auch für Paula eine Herausforderung, denn bisher hat sie vor allem in kleineren Konstellationen gespielt. „Es kann echt anstrengend werden mit so vielen Leuten in der Probe, da wird es eben öfter mal unruhig.“ Trotzdem ist sie guter Dinge, von Nervosität keine Spur. „Ich bin höchstens positiv aufgeregt. Vor allem freue ich mich, dass es wieder losgeht.“

Eine der Puppen aus „Und alle so still”
„Man denkt, das ist ein echter Mensch!“
Am Abend zeigt sich: Es gibt auch keinen Grund zur Sorge. Die Abläufe sitzen, das Licht stimmt, auch die Pizza-Smileys tauchen im richtigen Moment auf. Das Publikum ist begeistert. „Diese Puppen ziehen einen wahnsinnig in ihren Bann, sie sind richtig lebendig geworden“, staunt Manja, die zur Samstagsvorstellung gekommen ist. „Man denkt, das ist ein echter Mensch!“ Sie war noch nie im Puppentheater, bisher hat sie dabei eher an Marionetten gedacht. Jetzt ist sie auf den Geschmack gekommen: „Ich würde sowas gern nochmal sehen.“
Auch Paula ist stolz auf ihre Leistung. „Alles in allem bin ich wirklich sehr zufrieden mit dem Vorstellungsblock, es war noch mal richtig schön!“, meint sie nach der letzten Aufführung. „Aber es war schon schwer, loszulassen.“ Eine Wiederaufnahme ist nicht geplant, und eigentlich hat Paula auch alle Hände voll zu tun: In wenigen Wochen beginnt ihr viertes und letztes Studienjahr, in dem sie ihre Diplomprojekte erarbeiten muss. Insgeheim hofft sie trotzdem auf die Chance, die Inszenierung eines Tages erneut auf die Bühne zu bringen. „Immerhin hatten wir sechs ausverkaufte Vorstellungen“, betont sie. „Das sollte zumindest eine Motivation sein!“
Fotografin: Mara Buddeke







