Tagsüber Vorlesung, abends Lesezirkel: In einem selbstverwalteten Budapester College organisieren Student*innen ihren eigenen Lehrplan.

„Angefangen hat alles mit marxistischen Lesezirkeln“, sagt Anna. „Das Kapital, natürlich.“ Sie deutet auf eine der Buchreihen in der vollgestopften Bibliothek des Társadalomelméleti Kollégiums, kurz TEK. „Aber seit unserer Gründung hat sich viel mehr Literatur angesammelt.“ Zwischen den Regalen stapeln sich Kisten mit Kabeln und Druckerpapier, eine Gitarre lehnt an einem Lautsprecher. „Die Räumlichkeiten werden langsam zu eng für uns“, gesteht Andrej. „Zu eng und zu teuer.“

Das TEK, dem Anna und Andrej angehören, ist ein Szakkollégium. Die Colleges sind eine Besonderheit des ungarischen Hochschulsystems: selbstverwaltete akademische Gemeinschaften, die ein zusätzliches Bildungsprogramm und die Möglichkeit des gemeinsamen Wohnens anbieten. Das TEK spaltete sich 1981 vom mathematisch-ökonomisch orientierten Rajk College ab und entwickelte sich zu einem Zentrum für Gesellschaftstheorie, kritische Soziologie und Philosophie.

Genau diese Themen kommen Anna und Andrej an der Uni zu kurz. „Der gesamte Studienplan ist von einer neoliberalen Mentalität geprägt. Das entspricht nicht unserer Denkweise“, sagt Anna. TEK-Mitglieder besuchen deshalb im ersten Jahr einen verpflichtenden Lektürekurs. Auf dem Plan stehen Marx, Gramsci und Bourdieu, außerdem Texte über Feminismus, Queer Theory und Kolonialismus. Angeleitet werden die Kurse von erfahrenen TEK-Angehörigen.

Ab dem zweiten Jahr stehen Lesekreise mit wechselnden Themen zur Auswahl, die von Professor*innen verschiedener Budapester Universitäten unterrichtet werden. „Dieses Semester hatten wir einen Kurs zu Anarchie, aber es gibt auch ausgefallene Themen wie Hydrofeminismus“, erklärt Andrej. Einige Seminare werden ausschließlich für Externe organisiert. „Aktive TEK-Mitglieder dürfen daran nicht teilnehmen“, sagt Andrej schmunzelnd. „Sonst bestimmen sie die Diskussion zu stark.“

Finanziert werden die Kurse vor allem über Spenden und Steuerzuweisungen. In Ungarn können Bürger*innen 1 Prozent ihrer Einkommensteuer einer gemeinnützigen Organisation zukommen lassen – dafür sammelt auch das TEK Unterstützung. Um die Verwaltung des Colleges kümmern sich die Mitglieder ehrenamtlich. In wöchentlichen Hauptversammlungen und Arbeitsgruppen diskutieren sie Strukturen, planen neue Projekte oder entscheiden, wie sie sich außerhalb des Colleges gemeinsam politisch engagieren.

Ein neues Zuhause

Derzeit hat das College rund 40 Mitglieder, die Hälfte davon lebt gemeinsam im Student*innenwohnheim in einem Gebäude der Corvinus-Universität. Die Hochschule will die ohnehin schon hohe Miete jedoch bald verdoppeln. Deshalb zieht das TEK dieses Jahr in eigene Räumlichkeiten. Über eine Million Euro will das College in eine Etage in einem alten Fabrikgebäude investieren, im Sommer sollen die Renovierungsarbeiten beginnen. Anna und Andrej arbeiten seit Monaten am Finanzkonzept und sammeln Spenden. Der enge Zeitplan sei nervenaufreibend, für viele Jahre werde das College jeden Cent umdrehen müssen, meint Anna.

Warum also der ganze Aufwand neben dem Studium? „Das ist erst mein zweites Jahr hier, aber bei mir hat sich direkt ein starkes Zugehörigkeitsgefühl eingestellt“, meint Anna. Das wolle sie mit so vielen Personen wie möglich teilen. Gerade erst haben die Vorstellungsgespräche für neue Mitglieder stattgefunden, 35 Personen wollen sich dem TEK anschließen. „So viele neue Gesichter hatten wir schon lange nicht mehr“, sagt Anna. „Das ist wirklich aufregend – und ein gutes Zeichen für uns!“


Fotos: Mara Buddeke