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Pick-up: Ein Spiel bei dem alle verlieren

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Einige Männer denken, Dating per Spielanleitung zu einer Kunstform erhoben zu haben. Dabei steckt hinter Pick-up Art neben frauenverachtendem Verhalten auch der mangelnde Wille, sich mit Gefühlen auseinanderzusetzen.

Content Warning: Dieser Text bespricht frauenverachtende Aussagen.

Ich bin auf dem Nachhauseweg, als sich mir ein Mann in den Weg stellt und mir die Hand entgegenstreckt. „Hey, ich bin Jakob*. Ich wollte dir ein Kompliment machen”, sagt er. Ich erwidere den Handschlag nicht und muss eigentlich weiter. Also trottet er neben mir her und erzählt mir Geschichten, die seltsam einstudiert klingen. Er fragt nach einem Treffen und meiner Nummer. Ich lehne ab. Er hakt mehrmals nach und ich bin erleichtert, als ich ihn endlich abschütteln kann.

Seit dieser Begegnung vor knapp zwei Jahren hatte ich dutzende Déjà-vus mit dem immergleichen hölzernen Gesprächseinstieg – angebotener Handschlag, Vorstellung, Kompliment. Auch Alex* kam so auf mich zu. Als er merkte, dass ich mich in der Situation nicht wohlfühlte, besaß er immerhin das Taktgefühl, zu versichern, dass er kein Axtmörder sei. Erst vor kurzem war Eddie* besonders hartnäckig, weshalb ich ihn gefragt habe, ob er wisse, was ein Pick-up Artist sei. Darüber wollte er leider nicht sprechen.

„Krieg zwischen Männern und Frauen”

Pick-up Artists sind Männer, die sich als Dating-Künstler verstehen. Sie versuchen mit einstudierten Gesprächsleitfäden und gezielten Berührungen, Frauen zu erobern. Einige haben dabei die Absicht eine tiefergehende Beziehung zu finden, andere sind auf Sex oder einen Ego-Push aus. Da sie unsicher sind oder ihr „Game” in der Vergangenheit nicht sonderlich erfolgreich war, holen sie sich dafür Tipps von selbsternannten Flirt-Coaches und in Online-Foren. Dort steht in Lobpreisungen, dass durch Pick-up „80 Prozent aller psychologischen Probleme die Männer” haben, geheilt werden könnten.

Auf dem „pick up forum” findet sich ein buntes Sammelsurium an Themen. Zu den harmloseren Beiträgen gehören Fragen wie „Sagt man zur Frau zur Ersten Begrüßung: Hey, Hi, Hallo, Oder Was anderes?”. Ein anderer Nutzer möchte durch Pick-up seine „sexuelle Grundversorgung, direkt aus Realtime-Approachen erhalten” – ein Verlangen, das er derzeit bei seiner Ehefrau stillen müsse. Viele Beiträge strotzen vor frauenverachtender Sprache. So auch ein Post von SchlingelNo1, in dem er fragt, wie man „arrogante Instababes klären” könne. „Das geile bei denen ist einfach, sie sehen extrem geil aus, lassen sich geil ficken und man kann sie, nachdem man in ihren Virtuellen Panzer des ‚Ich bin Unantastbar‘ eingedrungen ist, so krass manipulieren, dass sie alles für einen tun, weil sie eigentlich doch gar nicht so ein Selbstwertgefühl haben.” Dass sich eine Frau nach seiner Trennung selbst verletzt habe, beschreibt er wie einen Erfolg.

Unter der Kategorie „Field Reports” finden sich Datingberichte, wie der von Alphatier reloaded. Er beschreibt in dem Thread minutiös jedes Detail seiner Treffen, die ähnlich einem Drehbuch bestimmten Schritten folgen. Während er den Wohnort zwar angibt, schützt er seine Identität durch ein Pseudonym – anders als bei den Frauen mit denen er sich trifft und deren Klarnamen er nennt. In dem Forum ist auch ein Wörterbuch angelegt, das die Kreativität der selbsternannten Künstler zu Tage fördert – dort wurden dutzende Synonyme für das Wort Sex zusammengetragen, von denen eines ekelhafter ist als das andere. Ein Moderator scheint trotzdem das fast schon kitschige Zitat make love not war im Kopf zu haben, als er schreibt, dass Pick-up der Weg sei, um den „noch gewaltigen Krieg zwischen Männern und Frauen zu beenden”.

Frauen sind das Andere

Diese Posts bestätigen den Eindruck, den Jakob, Alex und Eddie geweckt haben. Die meisten Pick-up Artists nehmen Frauen nicht als gleichwertig wahr, sondern frei nach Simone de Beauvoir als das Andere – im besten Fall als mystisches Wesen und im schlimmsten als lebendige Sexpuppe. Als jemanden, den man mit Lügen und psychischen Tricks manipulieren kann, um per Pick-up-Spielanleitung bestimmte Errungenschaften zu machen. In ihrer Denkweise spiegeln sich traditionelle Geschlechterrollenbilder wider, wonach der Mann die Frau erobern müsse und ein „Nein” nur mehr Hartnäckigkeit fordere – denn der „bitch shield” habe nichts mit dem Artist zu tun, sonder bloß mit der schlechten Laune der Angesprochenen. Selbst jene Männer, die sich durch Pick-up eine ernsthafte Beziehung erhoffen, machen nicht den Eindruck, als ob sie eine Partnerin auf Augenhöhe suchten. Stattdessen scheinen sie einen Punkt auf ihrer To-do-Liste abhaken zu wollen – einen, durch den sie sich mehr Respekt von anderen Männern erhoffen.

Obwohl sich alles um Frauen dreht, bleiben sie in dieser Ideologie der passive Part. Auch ohne Signale zu senden, richte sich ihr Handeln darauf aus, Aufmerksamkeit von Männern zu bekommen – vor allem von solchen mit großen Autos und teuren Uhren. Der Wert der Frauen wird an ihrem Aussehen bemessen und von Forennutzern anhand sexualisierender Kategorien eingeordnet, die irgendwo zwischen „Hot Babe” und „ADHS-Fotze” rangieren. Sexuelle Freizügigkeit wird Frauen trotzdem negativ ausgelegt, ebenso wie Gefühle und Verletzlichkeit, die oft ironisiert beschrieben werden.

Was bleibt sind „Loser” und „bitches”

Dabei scheinen viele wegen ihren eigenen Unsicherheiten zu vergessen, dass sie bei ihren „Approaches” mit den realen Gefühlen von Menschen spielen. Während viele Frauen es schlicht anstrengend finden, im Alltag ständig objektifiziert zu werden, gibt es auch solche, die Schwierigkeiten mit dem Thema Dating oder Vertrauen haben. Da ist es nicht gerade hilfreich, wenn ein Mann in einem scheinbar zufälligen Treffen auf der Straße – das seit jeher von Hollywood zum höchsten Maß an Romantik hochstilisiert wird – Interesse suggeriert, obwohl er am gleichen Tag zig andere Frauen anspricht und manipulative Gesprächstechniken anwendet. Zudem gibt es in der Szene einige schwarze Schafe wie SchlingelNo1, die ganz bewusst auf die Verletzbarkeit der Frauen einwirken, um sie kontrollieren zu können.

Obwohl Pick-up als Methode gedacht ist, um unsicheren Männern mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit Frauen einzuhauchen, produziert es am Ende nur Verlierer. Auf der einen Seite Männer, die sich wie in einem dystopischen Zukunftsroman in Alpha und Beta unterteilen und gegenseitig als „Loser” oder „Lappen” beschimpfen. Auf einer Plattform, wohlgemerkt, auf der suggeriert wird, sie könne bei der Heilung psychischer Erkrankungen helfen. Auf der anderen Seite Frauen, weil sie zu einem Objekt der sexuellen Begierde herabgestuft werden, deren Bedürfnisse man mit ein paar Tricks umgehen oder zurechtbiegen könne. Dating per Spielanleitung kann nicht funktionieren – vor allem wenn in der Spielanleitung nichts von Empathie und Respekt steht.


*Die Namen wurden von der Redaktion geändert.

Foto: Rick Jack/unsplash.com