Zwischen all den Möglichkeiten, von A nach B zu gelangen, hat sich in Berlin eine Option bewährt: das Fahrrad. Ob Retro-Damenrad oder schnittiges Rennrad, das Fahrrad befördert uns trotz Stau und ganz ohne Wartezeit auf die U-Bahn zügig durch die Straßen. Aber bringt es uns auch sicher ans Ziel?

Jedes Jahr veröffentlicht die Polizei eine Sonderuntersuchung über Radverkehrsunfälle in Berlin – mit erschreckendem Ergebnis: Im vergangenen Jahr waren 7.495 Personen in Verkehrsunfälle mit Fahrradbeteiligung verwickelt. Darunter waren 652 Schwerverletzte und 19 Unfälle mit Todesfolge. Sicher klingt anders! Dass das Fahrradfahren für viele schlichtweg zu risikoreich ist, ist nicht verwunderlich. Wer möchte schon auf dem Weg zum Bäcker das Leben riskieren?

Fahrradfahrende gehören im Verkehr ohne Zweifel zu einer Risikogruppe. Im Gegensatz zu Autofahrenden sind sie nicht von einer schützenden Karosserie umgeben und somit den Folgen eines Unfalls direkt ausgesetzt. Dennoch teilen sich Autos, Busse, Straßenbahnen und Fahrräder oft den Verkehrsraum und somit ist es nicht verwunderlich, dass Radfahrende am häufigsten Opfer von Unfällen sind: Mit rund 53% machen sie den größten Anteil an Unfallbeteiligten in Berlin aus. PKW’s hingegen sind mit rund 39% in Unfälle verwickelt, LKW’s und Fußgänger*innen jeweils mit knapp 3%.

Doch wie kann man das Fahrradfahren sicherer machen? Über diese Frage haben wir mit Sina Arndt vom Volksentscheid Fahrrad gesprochen. In Berlin sei der Verkehr zu sehr auf Autos ausgerichtet und in puncto Fahrradfreundlichkeit stecke man hier noch in den Kinderschuhen. Das werde deutlich, wenn man die Zahlen ins Verhältnis setze: Ausmessungen zeigen, dass Radfahrenden nur drei Prozent der Verkehrsfläche zur Verfügung stehen, während Autofahrende 58 Prozent des Raumes einnehmen. Der Volksentscheid Fahrrad arbeitet an einem Radgesetz, das u.a. folgende Maßnahmen vorsieht: ein lückenloses Netz an Radwegen, die an Hauptstraßen breit genug sind, damit sich Radfahrende gegenseitig überholen können; den Bau von 100 Kilometern Radschnellwegen sowie 100.000 zusätzliche Fahrradabstellmöglichkeiten. Bis 2025 soll der Anteil des Radverkehrs innerhalb der städtischen Umweltzone von derzeit 13% auf 30% steigen. Es soll eine Struktur geschaffen werden, in der sich Autos, Fahrräder und Passanten weniger in die Quere kommen. Sina Arndt erklärt, dass nicht nur das Radgesetz selbst ein Novum sei, sondern auch die Art wie es zustande kommt neu sei: Erstmals in Berlin wird die Grundlage für ein Gesetz in einem Dialogprozess zwischen zuständiger Senatsverwaltung, einem fünf-köpfigen Verhandlungsteam des Volksentscheids Fahrrad, den Koalitionsfraktionen, dem Fahrrad-Club ADFC und dem BUND erarbeitet. Sina Arndt spricht von einer „Hochzeit der direkten Demokratie“. Die Initiative hat bereits über 100.000 Unterschriften gesammelt und befindet sich gerade im Dialogprozess mit den beteiligten Parteien. Gemeinsam wird die Grundlage für ein Gesetz erarbeitet, das die Kernforderungen des Volksentscheids Fahrrad beinhalten soll – andernfalls kommt es zum Volksentscheid.

Setzt Berlin das Radgesetz um, ist Schluss mit holprigen Radwegen und zugeparkten Schutzstreifen. Kritiker merken jedoch an, dass Rechte auch mit Pflichten einhergehen. Denn auch wenn die infrastrukturellen Mängel in Berlin wahrscheinlich den größten Beitrag zu der Gefahrenlage für Radfahrende leisten, lässt sich auch durch eine umsichtige Fahrweise das Unfallrisiko reduzieren. Rotlichtverstöße, Smartphones am Lenker und das Radeln mit Kopfhörern müssen in Zukunft ebenso der Vergangenheit angehören. Denn ebendieses Verhalten könnte dafür verantwortlich sein, dass in 47 Prozent der Unfälle Radfahrende als Haupt- oder Mitverursacher*innen gelten. Sina Arndt hält dagegen: „Diese Zahl ist mit Vorsicht zu beurteilen. Häufig gehen Radfahrende in die Statistik als Verursacher mit ein, obwohl der Unfall nicht aufgrund von Unaufmerksamkeit, sondern aufgrund der örtlichen Verhältnisse zustande kam.“ So zum Beispiel beim „Dooring“, dem plötzlichen Öffnen von Türen parkender Fahrzeuge. Halten Radfahrende den Sicherheitsabstand von einem Meter zu parkenden Fahrzeugen nicht ein, trifft sie bei einem Zusammenstoß mit der Tür eine Mitschuld. In der Realität sei der Mindestabstand aufgrund der geringen Breite der Schutzstreifen aber schwer einzuhalten.

Sina Arndt leugnet nicht, dass es jene Radfahrende gibt, welche die Straßenverkehrsordnung missachten. Doch eine rücksichtslose Person bleibe rücksichtslos, egal mit welchem Verkehrsmittel sie unterwegs sei. Vorschlägen wie Helmpflicht oder Radführerschein steht Sina Arndt skeptisch gegenüber: „Weil Autos Radfahrende gefährden, kann die Lösung nicht sein, Radfahrenden noch mehr Bürden wie Helm und Warnweste aufzuzwingen. Wir brauchen einen Ansatz, der an den Ursachen der Probleme ansetzt.“ Um dem Problem entgegenzuwirken, plädiert der Volksentscheid Fahrrad für den vermehrten Einsatz von Fahrradpolizisten, die das Einhalten von Regeln sicherstellen und ein rücksichtsvolles Miteinander fördern.

Maßnahmen wie Helmpflicht und Radführerschein haben außerdem eine abschreckende Wirkung und machen das Radfahren zu einer teuren Angelegenheit. Denn das ist schließlich das Tolle am Fahrrad: Es ist erschwinglich, gesundheitsfördernd und umweltfreundlich. Die Hürden hin zu einer lebenswerten Stadt sollen schließlich nicht auf- sondern abgebaut werden. Bis wir in Berlin also mehr sichere Radwege haben gilt: Vor- und Rücksicht walten lassen! Wer neugierig ist, dem sei empfohlen, einen Ausflug nach Amsterdam oder Kopenhagen zu machen, denn diese Städte machen vor, wie eine fahrradfreundliche Infrastruktur aussehen kann.

 

Du willst mehr über den Volksentscheid Fahrrad erfahren?

Jeden zweiten Donnerstag zwischen 19 bis 22 Uhr treffen sich Engagierte in der Fahrradwerkstatt an der TU, um sich auszutauschen, über Aktuelles in der Fahrradpolitik zu berichten und sich in Arbeitsgruppen zu organisieren.

 

Vilma-Lou Sinn, 23, VWL 

Alma Gretenkord, 25, Europäische Ethnologie

 

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