Im Gebäude der ehemaligen Deutschen Kinemathek hat vor Kurzem ein Pop-up-Store des chinesischen Online-Händlers Shein eröffnet. Statt den Kleidern von Marlene Dietrich, Emil Jannings‘ Oscar oder seltenen Dokumenten aus der Entstehungszeit des Films kann man sich jetzt durch billig zusammengenähte Kleider und Blazer aus dünnem Polyester wühlen.
Greenpeace-Aktivist*innen in pinken Overalls stehen vor dem ehemaligen Sony Center am Potsdamer Platz und verteilen Flyer. Sie wollen auf die mehr als fragwürdige Umweltbilanz des Online-Shopping-Giganten Shein aufmerksam machen. Mehrere Hundert Millionen Produkte produziere der Konzern jedes Jahr, viele davon sollen laut Greenpeace eine Schadstoffbelastung aufweisen, die weit über den EU-Grenzwerten liegt. Mit einem Absperrband und einem Schild, auf dem „Wegen Verantwortungslosigkeit geschlossen“ steht, versperren sie deshalb Kund*innen den Zugang zum Geschäft und fordern strengere Gesetze gegen Ultra-Fast-Fashion, wie sie etwa in Frankreich eingeführt wurden. Dort müssen Ultra-Fast-Fashion-Unternehmen aktuell eine Abgabe von bis zu 12 Euro pro Produkt zahlen und dürfen ab 2027 keine Werbung mehr schalten.
Für diejenigen, die schon lange in Berlin wohnen, ist es ein seltsames Schauspiel. Noch vor zwei Jahren stand hier das Museum für Film und Fernsehen, kurz die Deutsche Kinemathek. In 24 Jahren betrachteten dort mehr als zwei Millionen Besucher*innen unter anderem Marlene Dietrichs Paillettenkleid aus dem Billy-Wilder-Streifen „A Foreign Affair“ oder ließen sich neben einer echten Filmkamera mit Dolly fotografieren. Mit dem Verkauf an den Investmentfonds Oxford Properties und dem Auszug des Ankermieters Sony ging eine weitreichende Umstrukturierung des Gebäudes einher. Im Zuge dessen erloschen nicht nur die Sony-Namensrechte, es wurde auch das ehemalige Filmhaus am Potsdamer Platz aufgelöst, das neben dem Filmmuseum noch das Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. und die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin beherbergte. Für Filmkultur ist im neuen Konzept der Investoren anscheinend kein Platz mehr.
Während das Filminstitut schon neue Räumlichkeiten im silent green Kulturquartier im Wedding beziehen konnte, müssen sich Filmmuseum und Filmhochschule noch mit Zwischenlösungen zufriedengeben. Jahrelang stand dafür ein Neubau auf dem Gelände des nahegelegenen Martin-Gropius-Baus im Gespräch, doch bisher haben alle Berliner Regierungen es versäumt, der eindrucksvollen Filmgeschichte der Hauptstadt ein angemessenes und zugleich repräsentatives Zuhause zu schaffen.
Indessen bezieht das Filmmuseum zur Zwischennutzung das gerade fertig sanierte Gebäude des e-Werks. Wo in den 1990ern Techno-Legenden wie WestBam auflegten, ist nach der Beerdigung der Clubkultur nur noch Platz für die Sonderausstellungen des Filmmuseums und die Videoinstallation Screentime. Die umfangreiche Sammlung und die imposante Dauerausstellung mit Objekten der Filmgeschichte müssen anderswo untergebracht werden. Zwar wird versucht, die prekäre Platzsituation mit Projektionen von Fotos und Filmausschnitten sowie mit Workshops und Vorträgen auszugleichen, doch es lässt sich nur schwer verstecken, wie wenig der Stadt ihre Filmkultur wert ist. Dabei ist Berlin trotz Krise immer noch Deutschlands Filmstandort Nr. 1 und die Filmindustrie laut Medienboard Berlin-Brandenburg mit über 50.000 Arbeitsplätzen einer der wichtigsten Arbeitgeber.
Im ehemaligen Filmhaus boomen indessen andere audiovisuelle Medien: Zur Eröffnung des Shein-Pop-up-Stores wurden zahlreiche Influencer*innen eingeladen, die ihrem Millionenpublikum bereitwillig die Produkte des Modekonzerns vorführen. Dafür gab es für sie Häppchen und Präsentkörbe mit Obst und Auberginen, immerhin die Trendfarbe des Herbsts. Da Shein vor allem mit kleineren Influencer*innen kooperiert, dürfte vergleichsweise wenig Geld geflossen sein. An diversen interaktiven Großbildschirmen zeigen die angehenden Social-Media-Stars ihrem Publikum, wie man spielerisch herausfinden kann, welcher Herbsttrend am besten zu einem passt. Zur Auswahl stehen beispielsweise Soft Glam und Retro Remix. Dabei versucht der Ultra-Fast-Fashion-Konzern, die Sprache der großen Modehäuser zu übernehmen: Der Online-Händler, der täglich Tausende Mikrokollektionen auf den Markt bringt, präsentiert in seinem Showroom die „Fall-Winter-Collection“. Parallel dazu werden die Greenpeace-Protestierenden von der Polizei zu einem Ort abseits des Eingangsbereichs gebeten, an dem sie, ohne jemanden zu stören, mit ihrem Protest weitermachen sollen. Ist das die Zukunft der Berliner Kulturlandschaft?
Foto: Jorge Láscar







