Die finanzielle Lage von immer mehr Menschen ist prekär. Während rund ein Drittel aller Studierenden unter der Armutsgrenze lebt, Lebensmittel sowie Benzin teurer werden und Kriege den Blick in die Zukunft immer ungewisser werden lassen, werden Festivals immer populärer. Die Frage stellt sich: Warum?
Im auf etwa 50 Grad aufgeheizten Zelt aufwachen. Draußen werden die ersten Chöre laut, die nach dem Trichtern des ein oder anderen Bieres verlangen. Die Regenschauer der letzten Nacht, haben den Boden in ein Matsch-Meer verwandelt. In den ohnehin schon spannenden Duft der Toiletten mischt sich der Geruch von hunderten verschwitzten Menschen, die sich auch in die viel zu lange Schlange für das morgendliche Geschäft einreihen. Ist dieses verrichtet, geht es zurück zum Zelt, wo das aus lauwarmem Dosenbier und kalten Ravioli bestehende Frühstück wartet.
Für wen diese Beschreibung nicht gerade ansprechend klingt, der gehört vermutlich nicht zu den über 16 Millionen Besucher*innen, die jedes Jahr auf eines von rund 1.800 Festivals in Deutschland pilgern.
Das Rock am Ring Festival verzeichnet einen historischen Vorverkaufs-Start. Über 48.000 Tickets wurden allein in den ersten Stunden für das Festival im nächsten Jahr verkauft. Bei einem Preis von 229 € für das günstigste 3-Tages-Ticket eine stattliche Bilanz. Was zieht so viele Menschen bei solchen Preisen jährlich in diese Welten aus Biergeruch, Matsch und schlafraubend lauter Musik?
Kommerz statt Kultur
Bei manchen Festivals stellt sich die Frage: Sind sie eine solche Menge an Geld eigentlich wert? Wer zwei bis dreihundert Euro für ein Wochenende Spaß zahlt, dem sollte doch mehr geboten werden als lieblose Betonwüsten und tot getretene Wiesen. Mehr als generischen Essensbuden, an welchen in der festivaleigenen Währung mit verwirrenden Wechselkursen Burger und Bier für gut und gerne mal 20 Euro gekauft werden können. Mehr als „instagrammable Spots“, an denen das Stelldichein der Influencerinnen-Landschaft ihre Storys macht. Und auch mehr als Artists, die sich als mutig und kämpferisch inszenieren, weil sie auf einer riesigen Bühne vor einer Masse den x-ten „Ganz Ort XY hasst die AfD“-Chor anstimmen. Wobei sich die einzigen AfD-Sympathisant*innen vermutlich im Team des Sicherheitsdienstes befinden, der sie beschützt.
Von Makramee bis Bier-Yoga
Zum Glück geben sich Festivals mittlerweile Mühe, mehr zu bieten. Neben breiten musikalischen Programmen trumpfen auch immer mehr Festivals mit einem Kulturprogramm auf. Wer wollte nicht schon immer wissen, wie vegane Matcha-Energyballs, Blumenbatik oder Makramee-Knüpfwerke selbst gemacht werden können? Wem das zu langweilig ist, der kann sich auch ein Festival mit coolem Trendsportprogramm suchen. Egal ob Bouldern, Stand-up-Paddling, Skaten oder Bier-Yoga. Viele Festivals tun alles, um ihre Besucher*innen auch ohne Tanzen ins Schwitzen zu bringen.
Für viele bleibt der Hauptgrund, ein Festival zu besuchen, aber vermutlich das musikalische Angebot. Denn auch Konzertkarten werden immer teurer. Wer im Jahr fünf bis sechs Konzerte besucht, ist schnell 300 Euro los. Da liegt es nah, all diese Konzertbesuche an einem Wochenende in einer kleinen bunten Welt zu absolvieren.
Techno, Tränen und Eskapismus
Hand aufs Herz! In Zeiten wie diesen, in denen beim morgendlichen Blick aufs Handy ungewiss ist, ob die Nachrichten über ein neues, verirrtes Tier, welches nun doch kollektive Solidarität verdient, Klimakatastrophen oder den Anfang des Dritten Weltkriegs berichten. Wer kann es den Leuten da verübeln, ein wenig Leichtigkeit zu suchen? Wenn der Alltag immer teurer wird, die Zukunft immer ungewisser und dystopischer, wirkt das Bedürfnis beinahe logisch, für ein paar Tage in eine heile Welt abzutauchen.
Denn es gibt auch viele Festivals, die sich die größte Mühe machen, eine wahrhaftige Traumlandschaft aufzubauen. Dort gelingt es einfach, drei Tage lang abzuschalten. Sich mit wildfremden Leuten und tränenden Augen in der Menge vor einem Auftritt in den Armen zu liegen. In einer lauen Sommernacht die Lieblingsartists mit fünf Bier und drei Mischen im Magen anhimmeln, zwischen ausgefallenen Outfits und bunt blitzenden Lichtern von Auftritt zu Auftritt schweben. Für ein Wochenende wirkt alles gut, das Handy hat keinen Empfang, um einen mit schlechten Nachrichten zu füttern. Alle Leute um einen herum scheinen Gleichgesinnte zu sein. Selbst alltägliche Pflichten, außer vielleicht dem fakultativen Abwaschen, spielen keine Rolle. Wer möchte denn nicht mit den übers Bierball kennengelernten neuen besten Freund*innen zwischen Techno, Pop und Indie all die Zukunftsängste und den Weltschmerz einfach mal vergessen? Vielleicht braucht es auch gerade das, um neue Kraft zu schöpfen, um erinnert zu werden, dass wir mit all den Sorgen nicht alleine sind und damit wir nach einem solchen Wochenende, mit neuer Hoffnung weitermachen können.
Foto: Andreas Stein







