Als 2019 der Youtube-Kanal Gewitter im Kopf – Leben mit Tourette aus dem Nichts durch die Decke schoss, war das für viele deutsche Zuschauer*innen eine erste Begegnung mit der Erkrankung. Sieben Jahre später versucht nun ein britischer Film auf ähnlich nahe Weise über Tourette aufzuklären.
„Fuck the Queen!“ schallt es durch die prunkvollen Hallen des Buckingham Palace. John Davidson äußert, in einem Raum gefüllt von zukünftigen Ordensträger*innen und der Queen höchstselbst, einen vokalen Tic. Seine Touretteerkrankung führt nicht zum ersten Mal zu einer für alle Beteiligten ungewohnten Situation. Schon seit dem zwölften Lebensjahr plagen John ungewollt ausgeführte motorische und vokale Ausdrücke. An sein bisheriges Leben anzuknüpfen ist für ihn danach nicht mehr möglich. Seine Rolle als talentierter Torwart in der Fußballmannschaft der schottischen Kleinstadt, das Familienessen am Abendbrottisch oder schlicht der Schulalltag, überall tun sich Probleme auf. Sein Umfeld reagiert ohne jedes Verständnis: Seine Mitspieler schließen ihn aus, das Abendessen findet für John fortan auf dem Boden vor dem Kamin statt und der Rektor versucht den Jungen durch Drohungen und den Gürtel zur „Vernunft“ zu bringen. Die Bestrebungen enden allerdings nicht damit, dass John aufhört unkontrolliert Obszönitäten von sich zu geben. Stattdessen wacht John nach einem versuchten Suizid im Krankenhaus auf.
15 Jahre später lebt John immer noch bei seiner Mutter Heather (Shirley Henderson). Nachdem der Vater die Familie verlassen und alle Geschwister ausgezogen sind, steigen die Spannungen zwischen Mutter und Sohn zunehmend. Auch nach all den Jahren kommt Heather mit der Erkrankung ihres Sohnes nicht zurecht. Überall sieht sie Probleme, wo eigentlich Verständnis von Nöten wäre. Als John eines Tages seinen alten Schulfreund Murray trifft und zum Abendessen eingeladen wird, öffnet sich für ihn dann aber doch ein Ausweg. Die Familie nimmt ihn auf Initiative der krebskranken Mutter Dottie (Maxine Peake) in ihr Haus auf. Als er dann noch eine Stelle im örtlichen Gemeindezentrum antritt, trifft John auf immer mehr Menschen, die ihn so akzeptieren, wie er ist. Bis er als landesweit bekannter Aktivist vor der Queen steht, vergehen allerdings noch viele Jahre voller Aufs und Abs.
Verflucht Normal erzählt nicht die Geschichte über einen großen Nationalhelden, wie durch den Prolog vielleicht suggeriert wird, doch genau hier liegt die Schlagkraft von Regisseur Kirk Jones’ Erzählung nach einer wahren Begebenheit. Wir sehen John einkaufen, Stühle aufstellen, beim Bewerbungsgespräch oder einfach nur beim Spazieren, jede Szene eine tickende Zeitbombe. Nie ist klar, wann er die nächste Passantin unweigerlich anschreit, wann der nächste Teller kaputt geht oder das nächste Gesicht Johns rechte Faust kennenlernt. Seine Tourette-Erkrankung bestimmt jede Sekunde seines Alltags. Anfangs unscheinbar anmutende Situationen entlarven sich als große Hürden, während andere, weitaus problematischere, durch verständnisvolle Mitmenschen ganz geschmeidig vorübergehen. Die Ordensvergabe dient nur als Spannungskonzept des Films.Der eigentliche dramaturgische Höhepunkt ist ein weitaus kleinerer persönlicher Moment, der für Außenstehende beinahe belanglos erscheinen mag.
Schon im Trailer fällt der wohl wichtigste Satz des Filmes: „I don‘t think Tourette‘s is the problem. People not knowing about Tourette’s is the problem.“ Als John mit seinen Tics anfängt, wissen nur wenige Menschen von der Existenz der Krankheit. Stress mit der Polizei, dem Rektor seiner Schule und sogar mit seinen Eltern basiert im Grunde nur darauf, dass niemand ihm glaubt, dass er keinen Einfluss auf seine Äußerungen hat. Im Gerichtssaal wird ihm gesagt, er habe keine anerkannte Krankheit, als Kind werden seine Tics als eine Masche für Aufmerksamkeit abgetan. Und genau hier setzt der Film an, er zeigt auf, wie Johns Umfeld mit seiner Krankheit umgeht. Die Beziehung zwischen seiner Mutter und ihm wird in den Fokus gerückt, während seine Geschwister im Film leider ohne weitere Relevanz wegfallen. Seine Ziehmutter Dottie und sein Chef (Peter Mullan) dienen für die meiste Zeit als wichtigste Nebenfiguren und liefern mit vielen herzlichen Szenen ein Gegengewicht zu der anfangs noch sehr traurigen Geschichte.
Besonders überzeugen kann Hauptdarsteller Robert Aramayo, der für seine Leistung völlig zurecht mit einem BAFTA (British Academy Film Award) ausgezeichnet wurde. Neben der Krankheit, die er authentisch auf die Leinwand bringt, trifft er sowohl in den tragischen als auch den lustigen Szenen immer den richtigen Ton. Auch Tourette wird, soweit das als Außenstehende*r beurteilbar ist, respektvoll und realitätsnah dargestellt. John Davidson schrieb zusammen mit Regisseur Kirk Jones das Drehbuch und viele der Menschen vor der Kamera stammen aus der Tourette-Community Schottlands. Anstatt einer faktischen Aufklärung, wählten die Filmschaffenden den emotionalen Weg. Viel Wissen über die Krankheit wird nicht vermittelt, dass Johns Beleidigungen beispielsweise eigentlich der Koprolalie entstammen, einer Untergattung des Tourette-Syndroms, von der etwa 30 Prozent der Erkrankten betroffen sind, muss man sich nach dem Film selbst ergooglen. Auch das Ende fällt unangenehm kitschig aus, der Abspann hätte eine Szene früher einsetzen sollen. Allerdings sind das nur kleine Makel in einem sonst sehr gelungenen Film.
Verflucht Normal (Originaltitel: I Swear) läuft ab dem 28.05.2026 in den deutschen Kinos.
Foto: Wild Bunch Germany







