19 Siege und null Niederlagen. So läuft der Kampf des Zentrums für politische Schönheit, laut eigenen Angaben gegen die AfD. Schon 19-mal versuchte die Partei, die aktivistische Gruppe vor Gericht zu zerren, und 19-mal lautet das Urteil wie folgt: Freispruch im Namen der Kunstfreiheit. Doch wer sind die Aktionskünstler*innen vom Zentrum für politische Schönheit und was macht sie für Björn Höcke zu Terrorist*innen?
Zentrum für was?
Wer sagt, er habe vom Zentrum für politische Schönheit (ZPS) nie etwas gehört, sagt vermutlich die Wahrheit, und das, obwohl sie wohl eine der lautesten Stimmen der politischen Landschaft sind. Was auch im Sommerinterview 2025 mit Alice Weidel kaum zu überhören war.
Seit 2009 treibt das ZPS die kreative Revolution voran. Gegründet vom Politikwissenschaftler Philipp Ruch bekämpfen die Aktionskünstler*innen AfD und die menschliche Verrohung mit allen Mitteln der Kunstfreiheit. „Mit Phantasie die Wirklichkeit verändern,“ so ihr Motto im Kampf für „radikalen Humanismus“. Was das bedeutet? Das ZPS findet, dass der Kampf um Menschenrechte zu höflich geführt wird. Die Frage nach Menschenrechten ist für sie keine Bitte, sondern eine Forderung. Doch wie kann der friedlich-kreative Kampf um Menschenrechte aussehen?
Der Kampf gegen die AfD
Björn Höcke, ehemaliger Geschichtslehrer und Shootingstar der AfD mit zweifelhaften Ansichten, bekommt Nachhilfe im eigenen Garten. Im Januar 2017 hielt Höcke die „Dresdner Rede“, in dieser lamentierte er darüber, dass das deutsche Volk das einzige sei, welches sich ein „Denkmal der Schande“ in die eigene Hauptstadt gebaut habe. Dies sorgt vor allem beim ZPS für Empörung, aber auch zur Planung eines ganz großen Coups. Am 22. November ist es soweit: Vorhang auf! Im Nachbargarten von Björn Höckes Pfarrhaus ist unbemerkt ein Nachbau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas entstanden. Die Aktionskünstler*innen haben 24 Betonstelen auf dem im Februar gekauften Grundstück aufgebaut. Drei Tage später platzt Höcke öffentlich der Kragen. Für ihn ist klar: „Wer so etwas tut, ist ein Terrorist. Das Zentrum für Politische Schönheit ist keine Künstlergruppe, sondern eine terroristische Vereinigung!“
Fast Forward: Wahlkampf 2025
Die neue Hoffnung der AfD, Alice Weidel, sitzt im ZDF-Sommerinterview. Erst wirkt alles ganz normal. Doch langsam wird es laut. Auf der anderen Seite der Spree hat sich eine Demo formiert, die lautstark gegen Weidel skandiert. Das ist vielleicht ein Störfaktor, der das Interview aber nicht unterbricht. Dann rollt das ZPS mit seinem brandneuen Adenauer SAP+ auf und schmeißt die Lautsprecher des Polizeibusses an. „Scheiß AfD, Scheiß AfD“ dröhnt es in ohrenbetäubender Lautstärke. Alice Weidel versucht, die Fassung zu behalten, ist jedoch kaum noch zu verstehen.
Das Herzstück des ersteigerten Gefangenentransporters sind die umfunktionierten Zellen, in denen über 4.000 Beweise für die Verfassungsfeindlichkeit der AfD ausgestellt werden. Mit diesem Gefährt begleitete das ZPS über 50 Versammlungen, nicht zuletzt die Großdemonstration in Gießen, bevor die Polizei den Bus unrechtmäßig beschlagnahmte.
CDU kriegt einen Denkzettel verpasst
Eine der letzten ZPS-Aktionen verlief ganz leise. Am 2. Dezember 2025 steht vor der Bundeszentrale der CDU in Berlin-Mitte plötzlich eine Bronzestatue von Walter Lübkes. Der ehemalige CDU-Politiker wurde in der Nacht zum 2. Juni 2019 von einem AfD-Anhänger in seinem Garten per Kopfschuss ermordet. Grund für diese Tat war mutmaßlich die CDU-untypische Linie, die Lübcke in der Migrationspolitik fuhr. Mit der Statue will das ZPS an Walter Lübcke und progressive Strömungen in der Partei erinnern, gerade weil die CDU in letzter Zeit vermehrt mit der AfD zusammenarbeitete. Doch auch diese Aktion stößt nicht nur auf Zuspruch. Zwischen Vorwürfen der Geschmacklosigkeit und des Rufmords bis hin zu voller Zustimmung sind alle Reaktionen dabei.
Podcast mit Ex-Nazi
Doch das ZPS fällt nicht nur positiv auf. Im Oktober 2025 sitzt Eric Ahrens, das mutmaßliche Mastermind hinter dem Social-Media-Erfolg Maximilian Krahs, im ZEITSTURZ Podcast. Über drei Stunden redet er mit Philipp Ruch. Die Themen: Taktiken gegen die AfD, Ahrens’ ehemalige Aufgaben, geheime Verbindungen und vieles mehr. Doch ein Punkt scheint kurz zu kommen. Wenige Monate zuvor sitzt Ahrens auch im Podcast Unscripted by Ben und redet dort vier Stunden über Rassenlehre, Ideologie und ein Sammelsurium an rechten Verschwörungstheorien. Darin scheint er so bewandert, dass er noch Stunden weitermachen könnte. Vier Monate später sitzt der selbst erklärte AfD-Aussteiger beim ZPS und verkündet seine Heilung. Er habe erkannt, dass seine Einstellung schädlich war, und habe sich dazu entschieden, nicht mehr rassistisch zu sein. Auch die Verlogenheit Krahs habe ihn dazu bewegt. Doch kann jemand, der nur vier Monate zuvor augenscheinlich bis zum Hals im ideologisch braunen Sumpf steckte, sich so schnell ändern? Sollte man so jemandem so schnell eine solche Bühne bieten? Der Umgang mit Ahrens wirkt nur selten wirklich differenziert oder kritisch. Es wirkt fast so, als wäre Ruch von der Hoffnung auf die Geheimwaffe gegen die AfD geblendet und würde darüber die Fähigkeit, sein Gegenüber kritisch einzuordnen, verlieren. Ob Ahrens tatsächlich die Seiten gewechselt hat oder nun ein doppeltes Spiel führt, wird sich zeigen.
Ist das Kunst oder kann das weg?
Egal ob im positiven oder negativen Sinne – die Aktionen des Zentrums für politische Schönheit sorgen für Aufmerksamkeit, und das im großen Stil. Doch wie weit darf Kunst gehen? Laut der Website des ZPS haben sie bereits über 30 Prozesse im Namen der Kunstfreiheit gewonnen. Rechtlich scheint alles geklärt, aber wie verträgt sich das mit der Demokratie?
Oftmals ist der Kern der Aktionen eine einfache Spiegelung mit anschließender Überspitzung. Die Rhetorik des ZPS ist keine neue, die Umsetzung davon schon eher. Statt auf blanken Protest zu setzen, versuchen sie, diesen auch ästhetisch ansprechend zu machen. So verarbeiten sie schockierende Aussagen und Umstände, teils rhetorisch/künstlerisch überspitzt und setzen sie in eine auch visuell erfahrbare Form des Protests um. Von reinem Populismus und Hetze kann also nicht gesprochen werden. Treffender wäre eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen politischen Geschehen. Das sorgt nicht nur für Aufmerksamkeit, sondern sieht dabei auch noch schön aus.
Doch niemand ist perfekt, den Umgang mit Ahrens sollte man kritisch einordnen und hinterfragen, ob mit jedem, der einem im Kampf gegen die AfD hilfreich sein könnte, geredet werden muss.
Was dem ZPS zugute gehalten werden muss, ist, dass sie friedlich agieren: Gewaltsame Ausschreitungen gab es noch nie. Sie haben ein Ziel, und das verfolgen sie konsequent. Mit allen Mitteln, die ihnen die Kunstfreiheit zur Verfügung stellt, kämpfen sie für die Zukunft und gestalten diesen Kampf dabei künstlerisch – so bringen sie die Schönheit in ihren politischen Protest.
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