Von Liebesbriefen an Serienmörder bis „hot felon“-Memes: Manche Kriminelle werden trotz der Schwere ihrer Taten romantisiert. Warum eigentlich?

Als im Dezember 2024 der Mugshot des vermeintlichen Mörders Luigi Mangiones veröffentlicht wurde, war das Internet außer sich. Innerhalb kürzester Zeit kursierten Memes und KI-generierte Porträts in den sozialen Medien, Fan-Accounts sammelten Tausende Follower, Merchandising-Shops verkauften T-Shirts mit der Aufschrift „I can fix him“ – bedruckt mit einem Urlaubsfoto Mangiones, oberkörperfrei. Er sei „too hot to convict“, heißt es in den Kommentaren. Woher kommt der Hype um einen mutmaßlichen Mörder?

Mangione ist bei Weitem nicht der*die erste Angeklagte mit einem außergewöhnlichen Fanclub. Bereits in den 80er-Jahren erhielt der Serienmörder Ted Bundy Fanpost im Gefängnis, während die Sexualstraftäterin Debra Lafave mutmaßlich eine mildere Strafe erhielt, weil sie „zu schön fürs Gefängnis“ war. In den sozialen Medien gewann das Phänomen des „hot felon“ weiter an Fahrt, als 2014 das Polizeifoto von Jeremy Meeks viral ging – und ihm nach seiner Freilassung zu einer Karriere als Model verhalf. Auch nach dem Kunstraub im Louvre machten gefälschte Mugshots die Runde, die für Furore auf TikTok sorgten. „Can extremely hot men stop committing high profile crimes?“, fragte ein User in einem Video. „Because it’s testing my morality.“

„God forbid shawty slayed“

Die Psychologie kennt dieses Begehren seit Langem. Der Begriff der Hybristophilie, geprägt vom Psychologen John Money in den 1980er-Jahren, beschreibt eine sexuelle oder romantische Anziehung zu Personen, die schwere Straftaten begangen haben. Abgeschwächte Formen lassen sich online beobachten. Laut einer Studie, die das hybristophile Verhalten von Gen Z-Frauen* auf TikTok untersucht, spielt der Halo-Effekt eine große Rolle: Wenn der Straftäter gut aussieht, werden auch seine Verbrechen in Videos und Kommentaren kleingeredet. Einige Frauen* romantisieren antisoziale Persönlichkeitsstörungen, andere idealisieren die Loyalität der Täter gegenüber ihren Partner*innen. Durch Filme und Serien wird dieser Effekt nur verstärkt: Schauspieler wie Zac Efron (Ted Bundy) und Zach Villa (Richard Ramirez) werden häufig mit den realen Verbrechern assoziiert, die sie darstellen. Auch True Crime-Podcasts, die Biografien und Motive von Kriminellen ausleuchten, können Empathie fördern. Die wenigstens Fans sind jedoch aktiv hybristophil und kontaktieren die Inhaftierten – meist bleibt es bei bewundernden bis ironischen Kommentaren.

Auffällig ist: Forschung und Popkultur konzentrieren sich fast ausschließlich auf heterosexuelle Frauen, die sich zu männlichen Kriminellen hingezogen fühlen. Zwar seien es auch vor allem die Mugshots junger Männer, die viral gehen, bestätigt die Medienwissenschaftlerin Tanya Horeck in der Zeitschrift Celebrity Studies. Auf Plattformen, die Fahndungsfotos sexualisieren, tauchen jedoch hauptsächlich Bilder junger Frauen* auf. Eine solche Nische bedient der kontroverse Instagram-Account @mugshawtys mit fast zwei Millionen Abonnent*innen. Der Betreiber postet Mugshots von Frauen* – jung, konventionell attraktiv, meistens weiß. Und immer ohne deren Einverständnis. Auch hier werden Straftaten in den Kommentaren bagatellisiert oder parodiert. Die überwiegend männlichen Follower*innen bewerten die Attraktivität der Frauen* und reißen die immer gleichen Witze: „The only thing she stole was my heart“; „Keep her your honor“; „God forbid shawty slayed“. Oder, unter den Fotos von BIPoC: „call ICE“ und „probably illegal“.

Weiße Unschuld, Schwarze Kriminalität?

Auch Luigi Mangione – der als einziger Mann ebenfalls auf @mugshawtys auftaucht – profitiert von einer Gesellschaft, die bei weißen Menschen eher mal ein Auge zudrückt. Während Mugshots schwarzer Männer* in der Berichterstattung routinemäßig gezeigt werden und sie häufig auf einen kriminellen Typus reduzieren, erscheinen die Gesichter weißer Männer* deutlich seltener – und wenn, dann oft eingebettet in private Fotos, die sie vermenschlichen, so Horeck. Laut einer Studie des Mediendienstes Integration betrifft das auch die deutsche Presselandschaft: Über Gewalttaten von Ausländer*innen wird deutlich häufiger berichtet, als es ihrem Anteil in der polizeilichen Kriminalstatistik entspricht. Tatverdächtige aus muslimisch geprägten Herkunftsländern seien besonders überrepräsentiert.

Auch in Mangiones Fall hätte das Narrativ deutlich anders ausgesehen, wäre er Schwarz gewesen, bestätigt Joseph Richardson, Professor für Afroamerikanistik, dem Guardian. Stattdessen wird Mangione in Memes wahlweise zum Heiligen oder zum „italienischen Hengst“ stilisiert. Auch in der queeren Community sorgten Gerüchte um seine angebliche Bisexualität für zusätzlichen Hype.

Sympathie erntete Mangione sicherlich nicht nur aufgrund seines Aussehens, sondern weil er wegen des mutmaßlichen Mordes am UnitedHealth-CEO Brian Thompson als moderner Robin Hood gefeiert wird. Sein angebliches Manifest gegen das korrupte Gesundheitssystem wird als Akt der Auflehnung interpretiert – nicht etwa als mögliches Beweismittel. Der Kriminalfall wurde zu einem Entertainmentspektakel aufgeblasen, an dem jede*r mit Memes, TikToks und Verschwörungstheorien teilnehmen kann. Die eigentliche Schwere des Falls wird dabei bagatellisiert. Dass Luigi Mangione jung, weiß und attraktiv ist, erklärt nicht nur den Hype um seine Person – sondern auch, wessen Geschichten in digitalen Öffentlichkeiten gehört werden und wessen nicht.


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