Die Schriftsteller*innen Kinga Tóth und Mónika Ferencz waren Teil des József-Attila-Kör, einer Organisation für junge ungarische Autor*innen. 2019 wurde der Kreis aufgelöst. Mit der UnAufgefordert haben die zwei Dichterinnen über das Leben und Schreiben unter Viktor Orbán gesprochen. 

Kinga Tóth 

Kinga Tóth ist Lyrikerin und Performancekünstlerin. Tóth wurde 1983 in der westungarischen Kleinstadt Sávár geboren und lebt seit etwa zehn Jahren im Ausland. Sie hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht und nimmt in diesem Jahr am Bachmannpreis teil. 

„Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, in dem es kaum Möglichkeiten gab. Aber ich hatte immer so einen Drang. Mit 18 habe ich angefangen, Literaturmagazine anzuschreiben, 2010 ging ich zum ersten Mal zu einem Camp, das vom József-Attila-Kör organisiert wurde. Eine Woche habe ich dort an Workshops teilgenommen und an meinen Texten gearbeitet. Danach habe ich, hauptsächlich ehrenamtlich, für den Kreis gearbeitet. Irgendwann mussten wir immer länger auf die Fördergelder der Regierung warten. 2015 kam dann eine neue nationalistische Literaturakademie wie ein Pilz aus dem Boden geschossen. Sie hieß Előretolt-Helyőrség und war voller regierungsnaher Leute, die später auch andere wichtige kulturpolitische Stellen bekommen haben. Einer von ihnen war Szilárd Demeter, der zeitweise fast alle Museen des Landes leitete und der heute vor allem für seine wirklich katastrophalen, xenophoben Aussagen bekannt ist.

Auch sonst war die Stimmung angespannt. Für meine erste Buchveröffentlichung, das waren Horror-Versionen von Kinderreimen, habe ich auf dem Nationalfriedhof in Budapest eine Performance gegeben. Dabei habe ich auch Gesangstechniken aus dem Metal wie Growling gezeigt. Daraufhin wurden Artikel veröffentlicht, in denen ich als ‚Satans Frau‘ und als ‚abartige Pädagogin‘ bezeichnet wurde. Ich habe damals viel an Schulen gearbeitet, das ging danach nicht mehr. Auch das war ein Grund für mich, Ungarn zu verlassen.

Während Corona war ich dann für einige Zeit wieder im Land, was für mich die reinste Hölle war. Ich hatte vergessen, dass man als Frau auf der Straße angegangen wird, wenn man sich ein bisschen anders anzieht, und dass man seine Meinung nicht so explizit äußern darf, weil man mit Konsequenzen rechnen muss. Jetzt, wo es eine neue Regierung gibt, habe ich wirklich ein bisschen Hoffnung, dass sich das Klima ändern könnte und dass es wieder menschlicher wird. Aber diese Vergiftung der Sprache, die unter Orbán stattgefunden hat, wird uns, denke ich, noch lange begleiten. Dabei liebt die ungarische Kultur die Sprache und Literatur. In Ungarn sagt man auch, dass jede zweite Person ein Dichter oder eine Dichterin ist. Deswegen bereitet es mir auch so einen Schmerz, dass so viel kaputtgegangen ist.“

Mónika Ferencz 

Mónika Ferencz ist Lyrikerin und Übersetzerin. Sie wurde 1991 in Budapest geboren, wo sie auch heute lebt. Sie hat zwei Gedichtbände und in zahlreichen Anthologien veröffentlicht. 

„Zum József-Attila-Kör bin ich wie viele andere über das Sommercamp gekommen. Später habe ich mich dann auch im Vorstand engagiert. Von der Regierung haben wir nie viel Geld gesehen, es hieß immer, für Kultur gebe es keins. Die neue nationalistische Literaturakademie Előretolt Helyőrség hatte dann aber ein eigenes Gebäude, eine eigene Zeitung, eigentlich alles was man sich wünschen konnte. János Dénes Orbán, der die Organisation leitete, sagte zu uns: Man muss halt wissen, an welche Tür man klopfen muss. Da wusste man schon alles. Der Kern ihrer Arbeit war ein Mentoringprogramm, für das sie Schülerinnen und Schüler aus Gymnasien rekrutierten, um mit ihnen an ihren Texten zu arbeiten. Wenn du ein junger Mensch bist, der gerne schreibst, dann freust du dich natürlich, wenn jemand kommt und dir helfen will. Die Schüler*innen wussten nicht, worauf sie sich da einließen, und welche nationalistischen Ideologien hinter diesem Projekt standen.

Während dort viel Geld investiert wurde, hatten wir zunehmend Mühen. Und dann gab es auch Fehler auf unserer Seite. Unsere Präsidentin wurde schwanger, weshalb einiges liegenblieb, darunter auch unsere Förderberichte. Daraufhin haben wir ein Statement an unsere Mitglieder ausgegeben, das schließlich bei der Presse landete. Am Ende hieß es in jeder Fidesz-Zeitung, wir würden Gelder veruntreuen. Es war wirklich ein riesiges Chaos. Es blieb uns nichts anderes übrig, als den Kreis aufzulösen. Das war wirklich schlimm, denn er hatte eine wirklich lange Tradition. Einige der heute am berühmtesten ungarischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen waren hier zum ersten Mal veröffentlicht worden, darunter Péter Nádas und Péter Esterházy.

Besonders beschäftigt hat mich außerdem ein Gesetz, das 2021 verabschiedet wurde. Es besagte, dass Bücher mit LGBTQ-Inhalten foliert und gekennzeichnet werden mussten. Buchläden, die in der Nähe einer Schule oder einer Kirche waren, durften diese Bücher gar nicht erst verkaufen. Zum Schutz der Kinder, hieß es. Natürlich hat sich kaum jemand daran gehalten, wie will man sowas auch überprüfen? Ich selbst bin lesbisch und habe schon immer viel zu Liebe geschrieben. Aber ich habe nie explizit gemacht, um wen es geht. Das funktioniert im Ungarischen ganz gut, weil es kein grammatisches Geschlecht, kein er oder sie gibt. Als dieses Gesetz kam, dachte ich mir, okay, jetzt reicht es. Ab da habe ich angefangen, Gedichte zu verfassen, die eindeutig und unmissverständlich lesbisch waren. Ich wusste ja, dass sie mich nicht dafür einsperren konnten. Und selbst wenn das eine Option gewesen wäre – ich hoffe, ich hätte es trotzdem getan.“


Fotos: Verena Mayrhofer u. R. Szabo Janos