Wer erzählt eigentlich, was passiert, und wer hat die Deutungshoheit darüber? In Virginia Woolfs Erzählband ist der Wochentag nicht das Einzige, das unsicher ist.
Das Leben in einer Großstadt ist unstet und doch konstant. Doch wie gehen wir mit all den Eindrücken um? Wenn die ganze Umwelt zu rasen scheint, sich Geschehnisse häufen und derart überlappen, dass der Durchblick gänzlich abhanden kommt, ist es oft das einfachste, sich die Zusammenhänge und Gründe selbst zu suchen. Doch wie erkennen wir dann noch, was wahr ist und was wir uns nur erdacht haben?
„Montag oder Dienstag“ ist 1921 erstmals erschienen. Die acht Texte bilden den einzigen Erzählband der Autorin. Die Leserschaft wird hier in ein buntes Durcheinander geworfen. Neben klassischen Kurzgeschichten findet sich hier auch Prosa und Lyrik. So unterschiedlich die Texte auch sind, eines haben sie doch gemeinsam: Unsicherheit! Nicht einmal der Fortbestand der Menschheit ist noch sicher. In den Erzählungen liegt die Gesellschaft mal in Form von Büchern auf dem Seziertisch einer Frauengesellschaft, mal besucht ein geisterhaftes Paar seine Vergangenheit und mal scheint der Verstand durch den nie endenden Sturm von Eindrücken in einer Großstadt gänzlich abhandengekommen. Das im Original erstmals 1921 erschienene Buch ist nun in einer neuen Übersetzung von Antje Strubel erschienen. Fünf der Erzählungen sind mit Holzschnitten Vanessa Bells — der Schwester Virginia Woolfs — versehen. Diese zeigen meist genau das, was da ist oder fehlt, und geben den Erzählungen so eine zusätzliche ästhetische Komponente.
Trotz der unsteten Perspektiven der Erzählungen zeigt sich Woolf unheimlich stilsicher. Genaue, ausschweifende Beobachtungen des Nebeneinanders von Natur und Mensch treffen auf bissige, satirische Kritik an einer von Männern dominierten Gesellschaft. Nie kann sich die Leserschaft ganz sicher sein, was wirklich geschieht und was sich die Erzählerin nur erdacht hat, um mit ihrer Umwelt fertig zu werden.
In der Erzählung „Ein ungeschriebener Roman“ ist die Erzählerin selbst Teil der Geschichte, sucht sich aber eine andere Protagonistin. Denn wer kennt es nicht? Sitzend im Zug, ohne etwas zu lesen und auch ohne andere Ablenkungen, wird es schnell langweilig, die Hauptrolle der eigenen Geschichte zu spielen. Dann wandern die Augen umher und jedes noch so kleine Detail, das auffällt, wird mit Bedeutung aufgeladen. So geht es auch der Erzählerin der Geschichte. Ihr gegenüber sitzt eine Frau, sie wirkt traurig und das ohne ersichtlichen Grund. Das bringt die Erzählerin derart aus der Fassung, dass sie Geschichte um Geschichte spinnt, die das Leid der Frau erklären sollen. Dabei scheitert sie jedoch immer wieder. Jede Bewegung der Frau wird gedeutet, wodurch der Text immer wieder in literarische Sackgassen führt. So erleben wir nicht nur eine Situation, die wir nachvollziehen können, sondern werden auch noch in den Schreibprozess der Erzählerin mitgenommen.
Woolfs Erzählungen lesen sich auch nach über 100 Jahren noch erstaunlich aktuell. Sie verhandeln Fragen, die nach wie vor ungeklärt bleiben. Allen voran: Wer schafft Kultur und kontrolliert somit Wahrheit, Meinung und Sichtbarkeit? Bei Woolf sind es die Männer und auch heute scheint das letzte Wort im Kulturbetrieb trotz aller progressiven Strömungen häufig bei ihnen zu liegen. Dem setzt „Montag oder Dienstag“ Erzählungen entgegen, die mal von einer explizit weiblichen Perspektive bestimmt sind, in anderen Fällen aber auch von Neutralität und einem nicht genauer charakterisierten „Ich“ leben.
Am Ende steht der/die Leser*in gleichermaßen erleuchtet und verwirrt, amüsiert und empört da. Woolf zeichnet ein Bild einer Gesellschaft, die sich im eigenen Lärm zugleich erklärt und versteckt. All die Eindrücke, mit denen die Lesenden überhäuft werden, wirken gleichermaßen bedeutungsvoll und trivial. Was soeben noch die alles verändernde Erkenntnis dargestellt hat, ist im nächsten Moment doch nur das zufällige Zucken eines Arms. Woolfs Erzählungen zwingen uns, Uneindeutigkeiten und Wiedersprüche auszuhalten. Genau darin liegt ihre anhaltende Stärke.
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