14 Zeilen ist das Herzstück von Heiner Müller nur lang. Sebastian Nübling macht daraus zusammen mit dem Exil-Ensemble am Gorki-Theater eine absurd-komische Inszenierung über Arbeit in der modernen Gesellschaft. Das ist hochunterhaltsam und kurzweilig, auch wenn die Erkenntnisse über den Menschen im kapitalistischen System vorhersehbar bleiben. 

Ein hochgewachsener Clown in hautengem rosa Anzug und Halskrause trippelt ins Scheinwerferlicht, bewegt die Hüften scheinbar unangestrengt zur Musik und posiert mit ausgebreiteten Armen, bevor er schließlich seine Kolleg*innen auf die Bühne ruft. Das ist schwerer als gedacht, denn die fünf anderen Clowns wollen zunächst so gar nicht an der Produktion mitwirken – weil sie gerade noch proben, keine Lust haben oder sich einfach nicht aus dem Backstage-Bereich hervortrauen. 

„Arbeiten und nicht verzweifeln“, die Zeile, die Regisseur Sebastian Nübling aus der Originalvorlage von Heiner Müller herausgegriffen hat, und zum Aufhänger der Inszenierung macht, droht dabei zunächst zu „Verzweifeln und nicht arbeiten“ zu werden und entsprechend wird der abgewandelte Satz auch an die Rückwand der Bühne projiziert.

Nur 14 Zeilen ist das sogenannte Herzstück lang und berichtet von zwei Clowns, von denen einer dem anderen sein Herz zu Füßen legen möchte, es nicht herausbekommt, sodass der andere es schließlich mit einem Messer herausoperiert, nur um festzustellen, dass es sich dabei um einen Ziegelstein handelt. Komik und Absurdität sind in dem Text also bereits angelegt. 

Viel Witz, wenig Worte

Die sechs Clowns aus Nüblings Inszenierung versuchen nun, gemeinsam das Bühnenbild aufzubauen, um das Stück endlich beginnen zu lassen, während sie alle auf jeweils eigene Weise an der ihnen gesetzten Aufgabe scheitern – eine von ihnen bringt den Vorhang immer wieder falsch an, entschuldigt sich demütig beim Publikum und beginnt das Unterfangen von vorne, jedes mal mit erneutem Misserfolg. Eine andere ist so verängstigt, dass sie sich kaum auf die Bühne traut, und von einem anderen Clown mit den Worten „Ihr geht es gut, sie macht das immer so“ auf die Bühne gezerrt wird. 

Dass fast für die gesamte erste Hälfte des Stücks kaum gesprochen wird, stört dabei überhaupt nicht. Besonders Mimik und Gestik von Dominic Hartmann, desjenigen Clowns, der bemüht ist, die anderen zusammenzuhalten und den Eindruck erweckt, ihre Arbeit anzuleiten, obwohl er deren Bewegungen nur kopiert, wie er später in einem „Teammeeting“ zugeben wird, sind höchst unterhaltsam.

Witzig und klug ist auch der Solo-Auftritt von Vidina Popov, die in ihrem atemlos vorgetragenen Redeschwall das gesamte Herzstück erstmals zitiert – „ohne zu viel vom Text verraten zu wollen“ – und ihre wiederholte Ankündigung, das Stück nun endlich zu spielen, sowie ihre Ausführungen über den Arbeitsalltag als Schauspielerin mit unzähligen theatralisch eingesungenen Songzitaten unterlegt. 

Kritik an der Arbeitsgesellschaft bleibt oberflächlich 

Es ist beeindruckend, was Sebastian Nübling alles an Einfällen aus dem 14-zeiligen Herzstück zieht – auch wenn die Erkenntnisse über die moderne kapitalistische Arbeitsgesellschaft keine besonders neuen oder überraschenden sind: das fehlende Eingehen auf individuelle Bedürfnisse und Probleme („There are no problems on the stage, only solutions“), die Chancenlosigkeit vermeintlich Schwächerer, die immer wieder abgehängt werden und dabei spektakulär vom Bühnengerüst stürzen.

Eine Clownin wird passend zur Melodie von Nat King Coles „Smile“ ständig aufgefordert zu lächeln. Und eine Person, die mit zugeklebtem Mund und bandagiertem Gesicht mithilfe von Pappschildern („Work is a disease“) vorsichtigen Protest übt, wird von den übrigen Clowns erst ignoriert und schließlich von der Bühne gezogen.

Spannend wird es, als gegen Ende des Stücks ein Absatz aus Marx’ Kapital auf die Leinwand eingeblendet wird, in der die menschliche Arbeit mit der Arbeit von Spinnen und Bienen verglichen wird: „Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.” Anstatt aber die darin formulierten Gedanken aufzugreifen, wechselt die Inszenierung zur nächsten Szene, ohne einen Zusammenhang herzustellen. 

Verkürzte Interpretation?

Ob „Arbeiten und Verzweifeln“ wirklich die zentrale Zeile des Herzstücks und die Kritik an der Arbeitsgesellschaft wirklich die darin verpackte Botschaft ist, geht aus dem Text von Heiner Müller nicht eindeutig hervor. Was ist mit dem Ziegelstein, als das sich das Herz des ersten Clowns am Ende der Originalvorlage entpuppt? Was hat die Operation am offenen Herzen zu bedeuten? Geht es hier wirklich um Arbeit, oder nicht auch um zwischenmenschliche Beziehungen, um Gefühlskälte vielleicht und einen durchrationalisierten Blick auf eigentlich emotionale Themen?

Oder ist der Text nur ein Witz und hat keinen tieferen, unter der Oberfläche liegenden Sinn? Einige dieser Deutungen klingen zwar auch in der Inszenierung an, doch die übermäßige Fokussierung auf die zitierte Zeile wirkt dann doch zuweilen wie die etwas einseitige Auslegung eines ohnehin kurzen Stücks. 

Der Unterhaltsamkeit der Inszenierung und der Freude an der schauspielerischen Umsetzung der Darsteller*innen tut dies allerdings keinen Abbruch. „Bin ich die Einzige, die hier verloren ist?“ Dieser Satz einer Darstellerin lässt sich – im besten Sinne – als Reaktion nicht nur auf die eigene Position in der Leistungsgesellschaft, sondern auch auf den Umgang mit Heiner Müllers Vorlage verstehen. 

Aufführungen am 24.02. und 26.02.2020, Gorki-Theater Berlin
Herzstück von Heiner Müller
Mit Maryam Abu Khaled, Mazen Aljubbeh, Karim Daoud uvm.
Regie: Sebastian Nübling
Bühne und Kostüme: Eva-Maria Bauer; Musik: Tobias Koch
Licht: Gregor Roth; Video: Maryvonne Riedelsheimer und Jesse Jonas Kracht
Dramaturgie: Ludwig Haugk

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