Schmerz kann innerhalb von einvernehmlicher Intimität und Sexualität etwas Schönes sein. Was hat das mit Verletzlichkeit und „sich zeigen dürfen“ zu tun? Und wie kann bei all dem Konsens sichergestellt werden? Darüber spreche ich mit Avik*. Mensch spielt im BDSM leidenschaftlich mal oben, mal unten und ist viel in der Fessel-Community unterwegs.
UnAuf: Avik, wie hast du entdeckt, dass BDSM für dich spannend ist?
Avik: Seit ich einen Bezug zu meiner eigene
n Sexualität habe, möchte ich sie erforschen. Ich spüre einen Sog, der mich neugierig macht, Neues zu erfahren und zu lernen. Bei „konventionellem“ Sex genoss ich zwar die Nähe, aber mein Kopf fing an zu wandern, ich konnte nicht wirklich präsent sein. In mir kam die Frage auf, ob ich asexuell sein könnte. Meine erste Erfahrung, die ich dem BDSM-Spektrum zuordnen würde, lebte von einem Machtgefälle. Ich war auf einmal vollkommen im Moment, konnte Vulnerabilität zulassen, Hingabe spüren und mich fallen lassen. Auch Scham, Unsicherheit und Angst waren Teil des Spiels. In solch einem Setting sind diese intensiven Gefühle und Zustände für mich spannend und hot. In all diesen Emotionen wurde ich von meinem Gegenüber gesehen und ernst genommen. Das ließ mich so schön und ganz fühlen. Darin lag eine Vollständigkeit meines Selbst, die bei konventioneller Sexualität für mich bisher gefehlt hatte.
UnAuf: Wie fühlt sich das Erfahren von Schmerzen in einem BDSM-Spiel für dich an? Was ist das Schöne daran und welche Gefühle kommen dabei hoch?
Avik: Unten Spielen ist für mich eng verbunden mit intensiven körperlichen Reizen. Wenn ich Schmerzen erfahre, habe ich keine andere Wahl, als im Moment zu sein. Im Hier und Jetzt zu sein bedeutet dabei, die Gegebenheiten anzunehmen und dadurch loslassen zu können. Fast wie eine Achtsamkeitsübung, in der ich lerne, weich zu werden und Widerstände loszulassen.
Gleichzeitig mochte ich schon immer die Herausforderung sportlicher Intensität, was für mich Parallelen zu Aspekten meines BDSM hat. Bei beidem komme ich in meinen Körper und kann den Alltag vergessen.
Außerdem geht es im BDSM für mich um Authentizität und Sichtbarkeit. Auch das kann im Kontrast zum täglichen Leben stehen, in dem wir in der Uni oder auf der Arbeit performen müssen. Beim Spielen hingegen mache ich mich emotional nackt. Ich darf verletzlich und bedürftig sein. Darf und kann meine Empfindungen ungefiltert nach außen tragen. Diese Expressivität lässt mich gesehen fühlen. Ich bin in der kompletten Aufmerksamkeit der oben spielenden Person und erlebe darin auch eine wunderschöne Fürsorge. Diese Dynamik erfordert für mich viel Vertrauen und wirkt dadurch auch sehr verbindend. Auch ist das Spiel mit Schmerzen ein Lernfeld für mich, da ich übe, mit mir selbst ehrlich zu sein, meine Grenzen zu spüren und für mich sprechen zu können.
UnAuf: Schmerz ist ja eigentlich etwas ziemlich Unangenehmes. Wie unterscheidet sich dieser im Rahmen eines BDSM-Spiels von ungewolltem Schmerz?
Avik: Im Alltag versuchen die meisten, Schmerz zu vermeiden. Wir lehnen ihn ab. Auch ich finde Verletzungen, die aus Versehen passieren, doof und unangenehm. Sehr konträr dazu steht die Erfahrung von Schmerz, der sich gut anfühlt. Im BDSM handelt es sich um ein freiwilliges Erleben, wobei die Kontrolle darüber, was empfunden wird, letztlich behalten wird. Das kann ein sehr empowerndes Gefühl sein und steht im Gegensatz zu der Ohnmacht bei Schmerzen, für die wir uns eben nicht entschieden haben. Intensive Reize, beispielsweise Schläge, feste Griffe, Seile, in einer unbequemen Position, sind beim BDSM in eine Szenerie eingebunden und werden nicht nur wegen ihrer selbst genutzt. Sie können Auslöser für weiterführende Empfindungen wie Nähe, Stolz oder Erregung sein. Trotzdem ist es wichtig, Schmerzen auch als Schutzmechanismus anzuerkennen und Signale des Körpers ernst zu nehmen. Es kann zwischen gutem und schlechtem Schmerz unterschieden werden. Löst etwas gerade eine ungewollte, ernsthafte Verletzung aus oder ist es eine Challenge, die ein gutes Gefühl zur Folge hat? Ich sehe das Erkunden von Schmerzen als Grenzspiel an, das durch starkes Vertrauen Nähe schaffen kann.
UnAuf: Und andersrum, was ist für dich daran schön, in einem konsensuellen Rahmen Menschen Schmerzen zuzufügen?
Avik: Für mich steht beim Spielen selten Schmerz allein im Fokus. Wenn ich oben spiele, geht es mir um das Kreieren einer Dynamik, in der sich Spielpartner*innen fallen lassen können. Ich habe die Kontrolle, kann mich ausdrücken und kreativ mit den Empfindungen meines Gegenübers spielen. Diesen Raum für einvernehmliche Lenkung und Suggestion zu schaffen, ist ein bisschen wie das Spielen damals in der Grundschule. Für den Moment ist die Geschichte, die wir einander erzählen, echt – sie ist alles, was zählt. Auf der Metaebene wissen wir aber, dass es sich um ein Spiel handelt.
Innerhalb einer BDSM-Session können Schmerzen ein Tool sein, um viele Emotionen auszulösen, die sich durch Laute, Gesichtsausdrücke und Körperhaltung zeigen. Zu beobachten, wie Menschen sich hierbei fallen lassen und dadurch weich werden, berührt mich so sehr. Dass sie mir diese Zugänge eröffnen, ist ein so schönes Geschenk und holt mich wahnsinnig dolle ab. Ich lasse in einem einvernehmlichen Spiel ein bewusstes Machtgefälle entstehen, unter Anderem, indem ich eine Bedürftigkeit bei Spielpartner*innen erzeuge, beispielsweise durch Schmerzen, um sie im Nachgang wieder liebevoll auffangen zu können.
UnAuf: Das klingt nach starker Einflussnahme und der Notwendigkeit, klar zu kommunizieren. Wie kann Konsens im BDSM sichergestellt werden?
Avik: Ich habe den Eindruck, dass das Konzept Konsens mittlerweile bei vielen Menschen angekommen ist. Ich denke, zu wirklichem Einvernehmen gehört aber deutlich mehr, als standardmäßig damit in Verbindung gebracht wird. Konsens geben beginnt, bevor wir in Kontakt mit anderen treten. Er fängt bei uns selbst an und dem Ausmaß, wie wir uns wahrnehmen können. Wie klar können wir ein „ja“ oder „nein“ in unserem Körper spüren? Haben wir die Sprache dafür, dies anderen mitzuteilen?
Ich möchte mich außerdem auf das Konzept rack, also „risk-aware consensual kink“ aus der BDSM-Community beziehen. Das, was wir tun, ist eine intensive Praxis, die häufig körperliche und emotionale Risikofaktoren birgt. Sich dessen bewusst zu sein ist unfassbar wichtig für ein verantwortungsvolles Zustimmen von Spielenden. Zudem sollte vor dem Spielen ein Safeword vereinbart werden, mit dem die Session im Notfall jederzeit sofort abgebrochen werden kann. Auch hilft es, den Approach zu klären, also darüber zu sprechen, was unser Gegenüber von einer Session erwartet. Wie möchte die Person gesehen werden, welche Gefühle möchte sie erleben? Während des Spielens hilft es, wenn wir alle Anteile von uns zulassen können, indem wir unseren Empfindungen Ausdruck verleihen und dabei auch nonverbal kommunizieren. Das kann ein Stöhnen, ein verzerrtes Gesicht oder ein Wimmern sein – auch als Release. Schließlich ermöglicht Aftercare (Nachsorge einer Session, beispielsweise durch Kuscheln) inklusive Gespräche über Erlebtes Transparenz und mehr Sicherheit für weitere Begegnungen.
Das Gesprächt führte Rayo.
* Name von der Redaktion geändert
Fotos: Rayo







