Buzzcuts bei Frauen sind längst nichts Ungewöhnliches mehr. Zwei Frauen erzählen, wie sich ihre Wahrnehmung von Weiblichkeit und Schönheit verändert hat, seit sie sich ihre Haare abrasiert haben.
Ich selbst würde mich nie trauen, mir einen Buzzcut zu schneiden. Nicht einmal zum Friseur gehe ich, aus Angst, dass mehr Haare abgeschnitten werden als besprochen. Nach dem letzten Besuch war ich wochenlang schlecht gelaunt. Weniger Haare, das bedeutete in meinem Kopf auch weniger schön. Aber genau gegen diese Wertzuschreibung wollen sich einige Frauen wehren: indem sie sich beweisen, dass sie sich selbst auch ohne lange Haare mögen können. Auch in meinem Freundeskreis haben sich zwei Freund*innen vor Kurzem von all ihren Haaren verabschiedet.
Carolina erzählt, dass sie für alle immer das Mädchen mit den Locken war. Ihre Haare waren irgendwie fast Teil ihrer Persönlichkeit. Bevor sie alle abrasierte, machte sie sich Sorgen darüber, ob es ihr Gefühl von Attraktivität verändern würde, denn wie viele kleine Mädchen lernte sie früh: Je länger und seidiger die Haare, desto hübscher war man. „Tatsächlich fühlte ich mich danach viel selbstbewusster“, erzählt Carolina. „Irgendwie hatte ich das Gefühl, mich vorher hinter meinen Haaren versteckt zu haben. Nachdem ich sie abrasiert hatte, ging das nicht mehr.“
Auch Rachel rasierte sich vor Kurzem ihre langen Haare ab. Strähne für Strähne rieselten sie auf den Badezimmerboden. Für sie war es eine Art Test für ihr Selbstwertgefühl. In der eher konservativen Gegend im vom Katholizismus geprägten Irland, in der sie aufgewachsen war, war das Bild davon, wie eine Frau auszusehen hatte, von patriarchalen Denkmustern geprägt. „Es ging darum, möglichst feminin und damit möglichst attraktiv für Männer auszusehen. Ich dachte immer, wenn ich meine Haare abrasieren kann, kann ich dieses Bild hinter mir lassen. Ich habe mir das als sehr befreiend vorgestellt.“, erklärt Rachel. Nach über einem halben Jahr ohne Haare reflektiert sie: „Ich glaube, es hat mich in meiner eigenen Wahrnehmung noch mehr entsexualisiert und entobjektiviert.“ Das fühlt sich für sie gut an. Ihr gefällt auch, wie ihre Haare aussehen, aber vor allem sieht sie so aus, wie sie es möchte – unabhängig von den Erwartungen anderer.
Abgesehen von ihrer Selbstwahrnehmung hat sich auch die Wahrnehmung anderer verändert. Beide haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen sie heute häufig für queer halten. Carolina nervt dabei die Doppelmoral zwischen den Geschlechtern: „Wenn ein Mann lange Haare hat, stellt niemand etwas in Frage, aber wenn eine Frau kurze Haare hat, fangen die Leute an, ihre Sexualität, ihr Geschlecht oder ihre Schönheit in Frage zu stellen.“
Rachel sagt: „Grundsätzlich stört es mich nicht als queer wahrgenommen zu werden, obwohl ich heterosexuell bin.” Bloß manchmal beim Feiern war es frustrierend, da sie zu einem gewissen Grad schon von Männern wahrgenommen werden möchte. Meistens stört es sie aber nicht, denn oft ergeben sich dadurch andere schöne und interessante Begegnungen. Das ist bei Carolina ähnlich, sie wird zum Beispiel oft von Frauen auf die Haare angesprochen, die sie für den Mut bewundern.
Vorher dachte ich, meine Freundinnen hätten einfach aus Style-Gründen Lust auf den Buzzcut gehabt. Aber dahinter steht eine bewusste Auseinandersetzung damit, welche Bedeutung sie ihrem Aussehen, ihren Haaren und ihrer Femininität beimessen. Das macht mich nachdenklich und ich bewundere sie dafür, dass sie sich der tief sitzenden Abhängigkeit von Selbstwertgefühl, Bestätigung von Cis-Männern und Aussehen bewusst gestellt haben. Ein Buzzcut ist natürlich nicht der einzige Weg, und meine Haare werde ich, denke ich, vorerst behalten. Aber wie sie möchte ich mich stärker mit der Frage auseinandersetzen, warum und wann ich mich als Frau schön fühle.
Bild: Aleksandar Andreev/ Unsplash







