TW sexueller Missbrauch

In ihrem Debütfilm „Sorry, Baby” erzählt Eva Victor von einem sexuellen Übergriff und der mühsamen Rückkehr in den Alltag – mit Melancholie, Feingefühl und grandioser Situationskomik.

Sorry, Baby lässt uns vor der Tür stehen. Mal ist sie offen und wir beobachten die Literaturstudentin Agnes (Eva Victor) in der Sprechstunde oder auf der Toilette. Ein andermal bleibt sie verschlossen, und je länger die Szene andauert, desto größer wird die Angst vor dem, was dahinter lautert. Auch als Agnes ihren Doktorvater besucht, verharrt die Kamera draußen vor dem gemütlichen Einfamilienhaus. Minutenlang. Es dämmert, schließlich bricht die Nacht herein, als Agnes endlich mit den Schuhen in der Hand aus dem Haus stolpert. Was dort geschehen ist, bleibt unsichtbar – zunächst lässt sich nur erahnen, dass sie gerade vor ihrem Vergewaltiger flieht, der im Türrahmen steht.

Eva Victor, Regisseurin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin zugleich, bricht mit den üblichen Klischees, die das Thema sexualisierte Gewalt umgeben. Sorry, Baby spielt in einer vermeintlich sicheren, idyllischen Kleinstadt, und auch der Täter entspricht nicht dem stereotypen Bild. Es ist nicht etwa ein aufschneiderischer Professor, sondern der freundliche, etwas schusselige Mentor, der seine Machtposition an der Uni missbraucht – und sich am Ende vor seiner eigenen Tat fürchtet. Der Film macht allzu deutlich, dass diese Normalität Teil des Problems ist: dass die Täter meist nicht im dunklen Park lauern, sondern im eigenen Umfeld, hinter den verschlossenen Türen. Nur sieben bis fünfzehn Prozent der Sexualstraftäter sind gänzlich Fremde. Die meisten Opfer kennen ihre Täter aus dem eigenen Umfeld, wie bei Agnes herrscht in Beziehungen oft auch ein Machtungleichgewicht.

Victor gelingt es, das Thema sexualisierte Gewalt mit bemerkenswerter Empathie, aber auch mit Humor zu verhandeln. Kein Wunder, immerhin hat sie zuvor für das feministische Satiremagazin Reductress geschrieben und ging mit ihren Parodievideos auf x (früher Twitter) viral. Wenn ich etwas wirklich Trauriges geschrieben habe, schreibe ich als nächstes fast instinktiv etwas Lustiges, erklärt sie den kreativen Prozess hinter ihrem Debütfilm im Magazin The Playlist. Damit traf sie einen Nerv: Beim Indiefilm-Festival Sundance gewann Victor für Sorry, Baby den Drehbuchpreis, nun ist sie bei den Golden Globes als beste Hauptdarstellerin in einem Drama nominiert.

Der abrupte Wechsel zwischen Panikattacken und einem feuchtfröhlichen Mädelsabend zeigt, dass das Leben nach dem Trauma oft anders weitergeht als erwartet. Für Agnes gibt es in den Jahren nach dem Missbrauch keine einfachen Lösungen, aber sie verzweifelt auch nicht. Während sie noch versucht, ihren Schmerz zu begreifen und in Worte zu fassen, gerät sie immer wieder in absurde Situationen: im Wartezimmer eines abgebrühten Arztes oder im Gespräch mit der Uni-Leitung, deren Mitgefühl so geheuchelt wirkt, dass Agnes nur noch zynisch reagieren kann. Oft wird sie durch die kleinsten Details getriggert – doch ebenso sind es die zufälligen Momente, in denen die junge Frau Heilung findet. Manchmal reicht schon ein kurzes Gespräch mit einem verständnisvollen Imbissbuden-Besitzer oder die Begegnung mit einem schnurrenden Streuner, der bald zu ihrem treuen Weggefährten wird.

Ich hab jetzt eine Katze, erklärt Agnes ihrer Mitbewohnerin Lydie. Die zuckt nicht mal mit der Wimper. Was auch immer du brauchst.” Denn “Sorry, Baby ist auch ein Film über eine tiefe, bedingungslose Freundschaft, die über viele Jahre hinweg bestehen bleibt und für Agnes zum Anker wird. Selbst als Lydie die Kleinstadt verlässt, eine Familie gründet und sich die Lebenswege der Freundinnen trennen, bleibt eine innige Zuneigung bestehen, die dem Film eine tröstliche Wärme verleiht. Agnes ist nicht mehr dieselbe Person wie in ihren unbeschwerten College-Tagen; doch sie lernt, für sich selbst und andere einzustehen. Es tut mir leid, dass dir schlimme Dinge passieren werden, sagt sie zu Lydies Baby. Aber ich kann dir immer zuhören. Und keine Angst haben. Und das sei doch auch gut, meint Agnes. Oder immerhin etwas.


Foto: A24