Moscas (Flies) von Fernando Eimbcke überzeugt durch ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Bilder und empfindsam porträtierte Alltagsmomente. Der Film verhandelt Einsamkeit, Schmerz und Krankheit in einer unaufgeregten und nahbaren Art und Weise. Ein eigener Mikrokosmos, der lange nachhallt.

Mit dem Sozialdrama Moscas geht die 76. Berlinale im Haus der Kulturen der Welt zu Ende. Der mexikanische Regisseur Fernando Eimbcke wurde bereits im Jahr 2008 mit seinem Film Lake Tahoe zum Wettbewerb um den Goldenen Bären der Berlinale eingeladen. Mit Moscas kehrt er nun zu den Filmfestspielen zurück.

Moscas (Flies) beginnt in der Wohnung von Olga (Teresita Sánchez) in Mexiko-Stadt. Olga lebt allein, und ihr Leben folgt klaren Strukturen: minimaler Kontakt zu anderen Menschen, Sauberkeit, Routinen. Die Einzigen Gäste in ihrere Wohnung: Fliegen, die sie tot schlägt. Eingefangen wird Olgas Leben mit klar durchdachten, ruhigen Kameraaufnahmen. Eine Verletzung am Zeh bringt sie in einen finanziellen Engpass, der sie zwingt, ihre Wohnung unterzuvermieten. Ein Mann namens Tulio (Hugo Ramírez) meldet sich, um in der Nähe des Klinikums sein zu können, in dem seine Frau mit Krebs kämpft. Tulio kommt aber nicht allein. Um Geld zu sparen, versucht er, seinen neun jährigen Sohn Cristian (Bastián Escobar) heimlich mit in seinem Zimmer unterzubringen. Ein Versteckspiel vor der mürrischen Olga beginnt. Die Zuschauer*innen begleiten den Alltag von Cristian und seinem Vater. Besonders Cristians charmanter, frecher Charakter zieht in den Bann, und der Spielautomat mit seinem Lieblingsvideospiel Cosmic Defender Pro wird zum zentralen Handlungsort der Geschichte. Olga bemerkt das Kind schnell und ist ganz und gar nicht begeistert. Ihr Versuch, den Jungen gänzlich zu ignorieren, scheitert, als Hugo Miete und Krebsmedikamente nicht mehr zahlen kann und gezwungen ist, zum Arbeiten die Stadt zu verlassen und Cristian allein bei Olga zu lassen.

Die Kamera begleitet Cristian nun auf seinen kindlichen Abenteuern. Wir begeben uns mit ihm auf die Mission, seine Mutter im Krankenhaus zu besuchen, das Kindern den Eintritt verwehrt. Er begegnet dabei neuen Charakteren, die er mit Witz und Unbeschwertheit dazu bringt, sich den Regeln seines Kosmos zu fügen und zu Kompliz*innen zu werden. Schließlich zieht er auch Olga auf seine Seite, und die beiden entdecken immer mehr Parallelen zueinander. Fürsorge und Verbundenheit entstehen, und Videospiel und Realität verschwimmen. Doch den Umständen können Olga und Cristian nicht entfliehen. Die kindliche Kontrolllosigkeit Cristians wird durch lange Szenen vermittelt, die auch die Zuschauerinnen im Saal nicht überspringen können. Und noch ein entscheidender Unterschied bleibt: Im realen Leben gibt es keinen Resetknopf.

Moscas ist alltäglich und menschlich. Wer Ästhetik schätzt und in eine andere Realität eintauchen will, ist in diesem Film genau richtig. Wer Action, ausbuchstabierte Emotionen und Unerwartetes sucht, wird von Moscas wahrscheinlich enttäuscht.


Foto: © Kinotitlán