Es ist gerade mal neun Uhr, und die Vierteljahrhundertjährige ist bereits auf den Beinen. Mit einer ruckartigen Bewegung reißt sie die Vorhänge auf und lässt die übliche Gräue hineinströmen. Oder eher: Das Zimmer sich minimal erhellen. Sie lugt in den Kühlschrank: Hafermilch, Brot und Marmelade, die sie fast nie schimmeln lässt. Es gab mal Zeiten, in denen es zum WG-Frühstück höchstens Polenta-Reste mit Apfelmus gab, an guten Tagen auf einem sauberen Teller statt auf der eigenen Handfläche. Doch diese Zeiten sind vorbei, jetzt ist sie erwachsen und wohnt allein. Allein. Zufrieden schielt sie auf den Stuck an ihrer Decke, lässt den Blick schweifen zum immer voller werdenden Bücherregal und der Staffelei, die sie sich neulich gekauft hat. Es sind die kleinen Dinge im Leben. Ob sie mal ihre Altbau-Fenster putzen sollte? Hach, wie schön es sich doch lebt in diesem Berliner Innenstadt-Bezirk. 

Aber: Ganz schön still hier in der Wohnung. Natürlich in keinster Weise bedrückend still. Trotzdem ist es nun höchste Zeit für einen Spaziergang durch den Kiez, also ab auf diese eine schöne Straße mit den vielen Cafés. Verkatert war sie schon länger nicht mehr, um ihre Produktivität nicht zu gefährden – es ist schließlich viel erfüllender, früh aufzustehen und frische Luft zu schnappen. Und unter Leute zu kommen, ihren Stimmen zu lauschen, gemeinsam Vitamin D zu tanken… Doch dann kommt der Schock. Auf der Straße tummeln sich viele Menschen, ja. Aber was für welche! Das sind keine normalen Leute, das sind Familien!

Panisch schlägt sie sich durch die Massen. Vergeblich versucht sie, ihren Blick zu befreien. Rechts von ihr ein Laufrad, links von ihr ein anderes Laufrad, diesmal in Grün, nach oben schaut sie gar nicht erst, dort peitschen bestimmt irgendwelche Papierdrachen durch die Luft. Es ist laut, aber nicht auf eine gute Art. Die Cafés sind rappelvoll, sie versucht es trotzdem und wird direkt gefragt, ob sie denn alleine sei? Kommt noch jemand nach? Nein, aber sie hätte trotzdem gerne ein Glas heißes Leitungswasser mit einem Teebeutel von ja!, die drei Euro neunzig dafür sind einfach ein unschlagbarer Preis. Und für die Atmosphäre zahlt man schließlich auch mit, wobei sie sich nicht sicher ist, ob ihre Sitznachbarin ihre Anwesenheit überhaupt wahrnimmt. Der scheint es nämlich vollkommen egal zu sein, dass das kleine Söhnchen ihr gerade demonstrativ in den Tee hustet und vermutlich auch noch rotzt. Tief durchatmen, das penetrante Starren dieses an ihr klebenden Kindes ignorieren und den Laptop aufklappen. 

Das hätte sie besser nicht tun sollen. „Am Wochenende ist hier Computer-freie Zone“, flötet die Kellnerin. „Familienzeit“, fügt die Mutter des nervtötenden Kindes neben ihr lächelnd hinzu, und: „Diese Laptops nehmen immer so viel Platz weg“. Aha, also bin ich doch nicht unsichtbar – nur eine asoziale Person mit Laptop und ohne Familie. Ich möchte schreien, dass Kinderwägen, die aussehen wie Traktoren und Laufräder im Lamborghini-Stil definitiv mehr Platz wegnehmen als eine Studentin, die der Stille ihrer Wohnung kurz entfliehen wollte. Und überhaupt: Ist nicht gerade Inflation? Warum habt ihr so viel Geld zum Ausgeben? Plötzlich ereilt mich ein Tagtraum: Hallo Frau R., Sie sind 25 Jahre alt und hier wohnt noch kein kleiner Oskar-Ferdinand? Auch keine Pippilotta Viktualia? Dann verlassen Sie bitte sofort Ihre Altbauwohnung. Sie nehmen Wohnraum weg. 

Es bleibt still, ich bleibe still.  Ich hasse Sonntage. Wegen euch.

 


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