Die einen freuen sich über die Weihnachtszeit, die anderen fürchten um ihr Leben. Für Obdachlose gibt es keinen warmen Glühwein, Spekulatius-Kekse oder Mandarinen. Für sie gibt es nur die kalte Straße, Schnee und hilfloses Warten – gäbe es da nicht den Kältebus.

Während sich die meisten Student*innen in ihr wohlig warmes Bett kuscheln, beginnt die Schicht von Madita und Matthias. In einem kleinen Büro der Berliner Stadtmission am Hauptbahnhof herrscht angespannte Hektik: „Funktionieren die Telefone?” –  „In welcher Notunterkunft ist noch Platz?” – „Sind die Kältebusse mit genügend Schlafsäcken ausgestattet?” Zwischendurch nimmt mich Madita beiseite. Kurz atmet sie durch und versucht, etwas von ihrer Arbeit zu erzählen. Dabei erfahre ich, dass der Kältebus jeden Tag von 20:00 bis 02:00 Uhr fährt. Er bringt warmes Essen, Isomatten und fährt Obdachlose in Notunterkünfte, wo sie die Nacht überstehen können. Tags zuvor ist ein Bus zu spät gekommen. Der Obdachlose war bereits erfroren. Doch bevor Madita ins Detail gehen kann, wird sie von einem weiteren Anruf unterbrochen. Ich stelle mich an den Rand, um die Abläufe nicht zu stören.

Die Fahrt ins Dunkle

Und schon geht es los. Vor dem Büro stehen drei Kältebusse, auf denen steht: „Suchet der Stadt Bestes”. Das Zitat stammt aus der Bibel und verfolgt eine eigene Tradition. Im Buch Jeremia schreibt der Prophet einen Brief an die Israelit*innen, die nach den grausamen Kriegen um das 6. Jahrhundert nach Babylon deportiert wurden. Er fordert sie dazu auf, trotz der misslichen Umstände das Beste der Stadt zu suchen, für die Stadt zu beten und sich ein neues Leben aufzubauen.

Eine Aufforderung, die sich viele Stadtmissionen deutschlandweit zum Motto gemacht haben. Und eine Aufforderung, der Madita und Matthias in ihrem Bus jede Nacht nachkommen. Wie in einem Schlitten gleiten die Busse nacheinander los. Laternen-Lichter und Autoscheinwerfer blitzen aus der Dunkelheit am Bus vorbei. Wenn Matthias fährt, dann fühlt man sich sicher. Seine Augen wandern in aller Ruhe über die Straßen, als hätte er ein eingebautes Navi darin. Ich fühle mich ein bisschen, als ginge es mit der Familie in den Urlaub. Und Matthias ist der Vater. Aber es geht nicht in den Urlaub. Es geht nach Friedrichshain zum ersten Auftrag. Auf dem Weg erzählt Madita, dass sie jetzt in der sechsten Saison fährt. Sie ist durch ein FSJ auf die Stelle gestoßen. Neben der Arbeit beim Kältebus hat sie die letzten Jahre Soziale Arbeit studiert. Die Bachelor-Arbeit liegt schon im Uni-Briefkasten. „Das bringt mir aber ehrlich gesagt nichts”, sagt sie und muss verbittert lachen. Einen Schwerpunkt für Obdachlosigkeit gibt es in ihrem Studiengang nicht. Bei insgesamt rund 2.000 Obdachlosen in Berlin nur schwer nachvollziehbar.

Ein Obdachloser sitzt diesen Abend in seinem Rollstuhl an der Samariterstraße. Der Mann hat eine kurze Decke auf dem Schoß und zittert ein wenig. Vor seinen Füßen steht ein nur spärlich gefüllter Spendenbecher. Für ihn rief ein Passant an, weil er einen Schlafsack brauche. Der Mann kriegt von Madita einen extra großen in die Hand gedrückt. Mehrfach bedankt er sich und unterhält sich kurz mit uns. Doch wir müssen weiter. Der Mann verabschiedet sich sichtlich traurig über das jähe Ende des Gesprächs. Mir fällt es schwer, ihn jetzt zu verlassen. Auch, wenn er mir im Alltag vermutlich gar nicht aufgefallen wäre. In diesem neuen Kontext beginne ich, mir Sorgen um ihn zu machen. Warum sonst nicht? Im Hintergrund brettern die U-Bahnen in den Bahnhof rein und wieder raus. Normalerweise säße ich in einer der Bahnen auf dem Weg nach Hause. Doch jetzt stehe ich hier und frage mich, wie man hier schlafen will. In eine Notunterkunft können wir ihn leider auch nicht bringen. „Es gibt kaum Notunterkünfte, die barrierefrei sind”, sagt Matthias, sobald wieder alle im Bus sitzen. Für Renovierungen bräuchte es Geld und das fehle den Notunterkünften an allen Ecken und Enden – nicht zuletzt wegen der jüngsten Kürzungen des Berliner Senats. Der Kältebus ist einzig und allein durch Spenden finanziert und somit unabhängig von irgendwelchen Haushaltsplänen. Ob Schlafsäcke, Sprit oder Gehalt. So konnte die Berliner Stadtmission im letzten Jahr 37.000 Kilometer durch Berlin zurücklegen und 2.100 Menschen in Notunterkünfte bringen.

Der nächste Auftrag kommt aus Hellersdorf. Ein weiter Weg mit viel Zeit, um sich zu unterhalten. Der Motor brummt leise und der Eindruck, wir würden zusammen einfach in den Urlaub fahren, erhärtet sich. Matthias erzählt, dass er seit 2018 beim Kältebus mitfährt. Er ist neben 60 ehrenamtlichen Helfer*innen einer der zwei Festangestellten. „Einer muss es ja machen”, sagt er. Schon oft habe er Todesfälle erlebt und immer wieder nehme ihn das mit. Aber auch Madita sagt: „Man muss routiniert bei der Arbeit sein. Sonst wäre man nach drei Tagen am Ende.” Als Passant*in zu erkennen, ob jemand einen Krankenwagen oder den Kältebus braucht, ist nicht ganz einfach. Matthias hat dazu eine klare Meinung: „Wenn er nicht mehr ansprechbar ist oder sich nicht mehr bewegen kann: Immer Krankenwagen.”

Team-Work in der Kälte

Es ist bewundernswert, wie konzentriert die beiden bei der Arbeit sind. Neuer Auftrag? Wo? Machen die anderen. Kennen wir den nicht schon? Der braucht eine Suppe. Den können wir nicht mitnehmen. „Wen lassen wir stehen und wen nicht?”, ist die Frage, der sich die beiden immer wieder stellen müssen. Keine einfache Entscheidung, wenn man weiß, dass sie über Leben und Tod entscheiden könnte. Wenn Matthias daran denkt, dann schleicht sich ein sorgenvoller Blick in seine Augen. In Hellersdorf angekommen, treffen wir auf einen Obdachlosen, der vor einem Edeka auf dem Parkplatz liegt. Beim Sprechen steigt uns allen der Dampf aus dem Mund. Jetzt bereue ich es, keine Handschuhe mitgenommen zu haben. Ich wünsche mich sehnlichst wieder in den Bus. Der Mann vor dem Edeka nicht. Er will nicht mit. Madita erklärt, dass Obdachlose in Notunterkünften häufig in großen Sälen mit zahlreichen Schicksalsgenoss*innen liegen würden. Ein Hotspot für Kriminalität und Konflikte. Auch das Konsumverbot treibe viele auf die Straßen. Und sei man erstmal im tödlichen Kreislauf der Drogensucht gefangen, ginge es nicht mehr so schnell wieder raus. Auch Haustiere können Gründe dafür sein, dass Obdachlose lieber auf der Straße bleiben. Denn im täglichen Kampf um Kleingeld und Essen sind sie oft die einzigen verlässlichen Freunde. In der Notunterkunft sind Tiere allerdings verboten.

Der Mann vor dem Edeka in Hellersdorf will also lieber draußen schlafen. Dankbar nimmt er trotzdem zwei dampfende fünf Minuten Terrinen an. Also wieder rein in den Bus, kurz aufwärmen und dann zurück Richtung Mitte. In den Labyrinthen am Stadtrand schneiden wir dabei kurz Brandenburg. Die weiten Strecken machen die Arbeit von Madita und Matthias nicht leichter. Damit alle Kältebusse, die unterwegs sind, keine unnötigen Wege machen, kann Madita auf einem Tablet genau sehen, wo die anderen sind und wo ihr Bus noch gebraucht wird.

Heute flattern die Aufträge am laufenden Band herein. Auf ihrem Tablet ploppt ein Punkt nach dem anderen auf. Jeder zeigt einen neuen Auftrag in rot, gelb oder grün – je nach Dringlichkeit. Am Tag zuvor hat es geschneit und die Notunterkünfte sind maßlos überfüllt. In Prenzlauer Berg warten zwei Fälle direkt nebeneinander. Die knüpfen wir uns also als nächstes vor. Der erste winkt den Kältebus mit einem schroffen „Mir ist nicht kalt” ab. Gut, umsonst gekommen. Man kann nun mal niemanden zwingen und wie mir mittlerweile klar ist: Für viele ist die Option der Straße die bessere. Der zweite nimmt schon mehr an. Matthias bringt ihm eine fünf Minuten Terrine und einen Kaffee mit „viel Zucker bitte”. Madita fragt währenddessen, ob der Mann eine Notunterkunft braucht. Die beiden sind wirklich gut aufeinander eingespielt.

Mehr als nur ein Job

Es wärmt einem das Herz, wenn der 58-jährige Matthias einem erzählt, dass ihm die Arbeit so viel Spaß macht. Es sei abwechslungsreich und man sehe immer neue Ergebnisse. Immer wieder ein dankbares Lächeln, immer wieder freundliche Worte und immer wieder das wohlig warme Gefühl im Bauch, mit dem man heim fährt. Das sei so viel mehr Wert als jeden Tag vor dem Computer zu sitzen. Auch die Rente werde ihn nicht vom Kältebus Fahren abhalten, wenn er dann noch in der Lage dazu sein wird.

Man merkt den beiden an, dass es ihnen um die Sache an sich geht. Als ich ein Bild vom Bus machen möchte und die beiden gerne im Zentrum zu sehen hätte, genieren sie sich merklich. Sie wollen nicht im Mittelpunkt stehen. Weil sie mir einen Gefallen tun möchten, geben sie aber nach.

Nach den ersten Stunden der Schicht fahren Madita und Matthias alleine weiter in die Nacht. Zum Abschied empfiehlt Madita die App „Berliner Kältehilfe”. Hier könne man schon im kleinen Stil Notunterkünfte finden und Bedürftige weitervermitteln. So hilft man Obdachlosen und nimmt dem Kältebus ein wenig Arbeit ab. Diesen erreicht man täglich von 20:00 Uhr bis 02:00 Uhr unter der Nummer 030 690 333 690.

Wer zu Weihnachten oder einfach so etwas spenden möchte, der kann sich nach dieser Reportage hoffentlich guten Gewissens an die Berliner Stadtmission wenden. Hier fließt alles dahin, wo es am dringendsten benötigt wird: Getreu des eigenen Mottos „Suchet der Stadt Bestes” eben.


Foto: Nicolas Bruggaier