Jedes Jahr zwischen September und Oktober findet die International Summer School in Economics and Management in Kubas Hauptstadt Havanna statt. Es handelt sich um eine seit über zwei Jahrzehnte lang bestehende Kooperation zwischen der Humboldt- Universität und der Universidad de la Habana. Unsere Autorin war in diesem Jahr dabei. 

Wann hast du das letzte Mal etwas von Kuba mitbekommen? Ich, tatsächlich zum letzten Mal im Geschichtsunterricht, als wir über die Kubakrise und Fidel Castro diskutierten. Umso mehr interessierte mich, was seitdem auf dieser kleinen Insel im Zentrum der Karibik passiert und wie die aktuelle Lage aussieht. Genau das wollte ich herausfinden, als ich mich für die Summer School bewarb.

Obwohl die Summer School in Economics and Management, wie der Name es vielleicht schon verrät, vor allem für Studenten aus dem wirtschaftswissenschaftlichen Bereich gedacht ist, sollte man sich auch als Student*in einer anderen Disziplin nicht davor scheuen sich zu bewerben. Denn tatsächlich geht es in den einzelnen Kursen nicht nur um Bilanzen und Conjoint-Analysen, sondern auch um eine politische und historische Auseinandersetzung. So lässt sich in der Summer School viel über Kuba und anderen Entwicklungsländern in der Karibik und in Lateinamerika lernen.

Aber was genau passierte in den zwei Wochen? In meinen Augen die perfekte Kombination aus Sonne, Strand und akademischer Weiterbildung.

Das Programm begann mit der jährlichen Einführungszeremonie in der prunkvollen und ältesten Universität Lateinamerikas: Kronleuchter, Fassaden bemalt mit Engeln mit Schmetterlingsflügeln, welche die ursprünglichen Disziplinen der Universität darstellen. Sie repräsentieren die Geisteswissenschaften, Theologie, Medizin und Jura. Sobald man den Saal betritt, fällt einem das zentrale Bild ins Auge. Es ist eine Frau zu sehen, auf deren Schoß eine Schriftrolle liegt. An ihrer rechten Seite steht die griechische Göttin Athene und zu ihrer Linken ein Engel in weißem Gewand mit bunten Schmetterlingsflügeln, der mit ihr die Schriftrolle betrachtet.

Nach den Reden folgt eine Darbietung von “Imagine” von einer Studentin in der Aula Magna. Was will man mehr? Danach ein Gruppenfoto mit der Alma Mater, eine Statue einer jungen Frau, die ebenfalls Athene darstellt. Sie sitzt auf einem Thron und heißt die Studenten willkommen auf den riesigen Treppen der Uni, welche behütet werden von grimmigen 60-jährigen Security Guards, an denen sich keiner vorbei traut. Wenn man den Campus betritt, fühlt es sich wie eine Zeitreise an. Tempelähnliche Gebäude, die an die Antike erinnern, bewachsen mit  riesigen Palmen und Ranken und mittendrin ein Panzer, welcher dem 26. Juli 1953 gedenkt, den Tag, an dem die Revolution begann.

Nach der Zeremonie fangen die Studenten an erste Kontakte zu knüpfen und beide Seiten sind extrem interessiert an dem Leben auf der anderen Seite des Atlantiks. Noch am selben Tag fangen die ersten Vorlesungen im Hotel Habana Libre an. Das Hotel Habana Libre ist ein in den 50ern erbautes Hilton Hotel, welches während der Revolution enteignet wurde. Schon Fidel Castro hat hier  seinen täglichen Milchshake abgeholt. Es fühlt sich merkwürdig an, einer so historisch relevanten Person so physisch nah zu sein. Das Hotel war für damalige Verhältnisse bestimmt prachtvoll, bemerkbar ist jedoch, dass es seine besten Tage schon längst hinter sich hat. In gewisser Weise spiegelt es die Lage Kubas wider: Es ist viel zu tun, aber kein Geld vorhanden. Fahrstühle, die nur im Stundentakt fahren (und das bei 25 Stockwerken) und Wasserschäden, die dafür sorgen, dass ganze Decken zusammenstürzen. Aber was erwartet man, wenn die Regierung lieber Geld für neue Hotels in die Hand nimmt, als Alte zu sanieren?.

Aus dem Vorlesungskatalog konnte man sich Vorlesungen aussuchen, die man besuchen möchte  und sich entscheiden, ob man die Prüfung ablegen möchte oder nicht. Ein Privileg, das nur den deutschen Student*innen gewährt wird. Der Katalog deckt vor allem betriebswirtschaftliche und wirtschaftswissenschaftliche und statistische Fächer ab. Auffällig hierbei: Die Kubaner suchen sich mehr betriebswirtschaftliche Kurse aus (Methoden, die auf Kuba nicht gelehrt werden) – Die Deutschen entscheiden sich hingegen mehr für Kurse, die die wirtschaftliche Lage von Entwicklungsländern thematisieren. Ich habe mich am Ende für die Kurse ‘Development Economics’ und  ‘Economic Development and Political Economy Dilemmas: Recent Experiences in Latin America, the Caribbean and Cuba’ entschieden. Obwohl ein Großteil der Kurse sehr theoretisch aufgebaut ist, gab es auch praxisorientierte Kurse mit anwendbaren Projekten, wie im Kurs Marketing und Marketing Research.

 El Intercambio cultural-  Kuba kennenlernen

Doch natürlich besteht das Programm nicht nur aus Vorlesungen, sondern auch aus spannenden sozialen Aktivitäten mit kubanischen Student*innen. Mehrere Abende verbrachten wir in der Casa Balear, wo wir lernten Domino zu spielen (ein lateinamerikanisches Spiel mit Dominosteinen, was mehr Strategie erfordert, als man es vermuten mag) oder eine Salsa Stunde bekamen. Zum ersten Mal seit 7 Jahren, wurden einige von uns sogar zur deutschen Botschaft eingeladen. Eine kleine Gruppe von uns ging auch ins Stadion und schaute Baseball: der Nationalsport Kubas. Wir landeten sogar im Fernsehen, weil wir die einzigen Touris im Baseballstadion waren.

Auch das Capitolio in Havanna muss man besucht haben. Eine Kopie des Kapitols in Washington, extra wenige Meter größer und breiter gebaut, um die Amerikaner aufzuregen und übersät von unzähligen Freimaurer Symbolen. Es war ursprünglich als Präsidentenpalast gedacht, dient aber heutzutage als Regierungssitz, in dem das Parlament tagt, das unter Scheinwahlen gewählt wird und ausschließlich aus Vertretern der Kommunistischen Partei Kubas besteht.

Die Studen*innen wollten auch andere Teile Kubas entdecken, weswegen wir auch einen Trip nach Viñales (4 Stunden von Havanna entfernt) machten, genauso wie einen Ausflug zu einer Finca (vergleichbar mit einem Wochenmarkt hier). Viñales ist eine kleine Stadt im Westen des Landes und ein starker Kontrast zur Hauptstadt. Riesige grüne Täler mit Kalksteinhügeln und Tabakfeldern. Wir besuchten die Cueva del Indio (eine Kalksteinhöhle) während eines Stromausfalles und erkundeten danach ein Dorf, in welchem das Leben auf dem Land von geflohenen Sklaven und Ureinwohnern nachgestellt wurde  Außerdem besuchten wir die Felsmalerei Mural de la Prehistoria. Eins der größten Kunstwerke der Welt, welches die Evolutionsgeschichte Kubas darstellt, von Ammoniten bis hin zum Höhlenmenschen. Spannend mal einen Eindruck von den ländlichen, weniger bewohnten Teilen Kubas und der Geschichte der Ureinwohner  zu erlangen. Und auch kaum zu glauben, dass man sogar am anderen Ende der Welt  Sachen findet, die einen an zu Hause erinnern: Die Kleinstädte  zwischen Havanna und Viñales waren geradezu übersät von Wohnhäusern, die aussehen wie Plattenbauten in Marzahn. Das Fidel Castro Zentrum durfte auch nicht fehlen, auch wenn die kubanischen Student*innen nicht so überzeugt waren von seinen “Heldentaten” wie unser Guide. Meinungsfreiheit existiert auf Kuba nicht, Kritik an der Handhabung der Regierung ist aber durchaus Gang und Gebe. Davor scheuten auch unsere kubanischen Freunde nicht.

Nicht jede Aktivität bestand daraus, zu erkunden. Interaktionen, die mich prägten, fanden auch im Hotel statt. Wir bekamen die Möglichkeit mit Kubaner*innen zu reden, die in der DDR studiert oder gearbeitet hatten, und sich seit der Entstehung der Summer School jedes Jahr auf den Austausch mit dem heutigen Deutschland freuen. Am meisten prägte mich aber der Dialog mit den kubanischen Student*innen abends beim Malecón, eine kilometerlange Promenade, die Havanna umzäunt. Viele der kubanischen Student*innen haben noch nie das Land verlassen. Es fühlt sich geradezu absurd an zu erzählen, dass in Deutschland jeder ohne Probleme ins Nachbarland reisen kann.

Konfrontation mit der Realität

Die Summer School hat es einem möglich gemacht, einen viel besseren Eindruck von Kuba und den Leuten zu erlangen. Wir haben Erfahrungen gemacht, die einem normalen Touristen komplett entgangen wären und haben enge Freundschaften mit Kubaner*innen vor Ort geschlossen. So sehr ich die Reise auch geliebt habe, konnten einem die Schattenseiten des Landes jedoch nicht entgehen. Kuba durchlebt schon seit einiger Zeit eine ökonomische, soziale und infrastrukturelle Krise. 90% der Kubaner leben in extremer Armut. Hinzu kommen tägliche Stromausfälle und Versorgungsengpässe in Nahrung und Medizin. Seit 2024 befindet sich Kuba  in einem permanenten Notfallmodus namens ‘Economía de guerra’ (Kriegswirtschaft), welcher Ressourcen so verteilt, dass kaum etwas bei den betroffenen Menschen ankommt. Auch die stärksten wirtschaftlichen Sektoren, der Tourismus und die Landwirtschaft, leiden und sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Obwohl es schon vielversprechende Reformen gab und Kuba dringend ausländische Investitionen benötigt, ist die Regierung jedoch aus ideologischen Gründen nicht bereit, die Wirtschaft weiter zu öffnen. Die schwierige Beziehung zu den USA macht die Situation nicht gerade besser. Dass der wichtigste Handelspartner Kubas Venezuela ist, verschärft die Situation. Klimakatastrophen wie der Hurrikane Melissa und ihre Folgen verschlimmern die Lage weiter. Selbst die Professoren, erfahrene Makroökonomen, welche jedes Jahr seit Entstehung der Summer School dabei sind, machen sich Sorgen um die Zukunft des Landes. Zu hören, wie die Student*innen vor Ort um jeden Preis versuchen, Kuba zu verlassen, um bessere Zukunftsaussichten zu haben oder, um mit ihren Familien, die schon ins Ausland geflohen sind, wiedervereint zu werden, nimmt einen mit. Es gibt viele schlaue, begabte, junge Menschen, die auf Kuba nie die Chance haben werden, ihre Träume zu verfolgen. Eine Wirtschaft, die so den Bach runter geht, dass die Regierung die Daten des BIP von 2024 nicht veröffentlicht und die Angestellten der deutschen Botschaft schon Wetten abschließen, wie viel Pesos nächstes Jahr ein Euro wert sein wird. Renommierte Wirtschaftsexperten, die sich uneinig über wirtschaftliche Ereignisse und ihre Folgen sind. Es sieht fast aussichtslos aus. Vielleicht ist gerade deswegen der Austausch wichtig, um Hoffnung zu schaffen. Das jemand da ist, der ihnen aktiv zuhört und ihre Lage nachvollziehen kann. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Reise den Horizont aller um einiges erweitert hat. Man muss aber im Nachhinein alles mit dem Wissen betrachten, dass unsere Reise nur ein kleiner, romantisierter Einblick in das tatsächliche Leben vor Ort war.  Würde ich nächstes Jahr nochmal hinreisen? Ich bin zwiegespalten. Ich würde gerne die Freunde, die ich vor Ort gemacht habe, wiedersehen, aber wer weiß, wie die Zukunft aussieht. Nichtsdestotrotz war es eine einzigartige Erfahrung.


Foto: Nina Koblitz