Mit jeweils einer Oscar- und Golden Globe-Nominierung zählt Arco wohl zu den meisterwarteten Animationsfilmen des Jahres. Ugo Bienvenu lässt sich dabei für seinen ersten Spielfilm von den ganz Großen inspirieren.
Als Arco eines Nachts heimlich den Regenbogen-Anzug seiner Schwester klaut, um in der Zeit zurückzureisen und Dinosaurier zu sehen, geht natürlich alles schief. Er landet zwar in der Vergangenheit, aber für die Kreidezeit kommt er etwa 66 Millionen Jahre zu spät. Leider kein T-Rex; denn das Jahr 2075 – für Arco in der fernen Vergangenheit liegend – zeigt stattdessen eine Welt, die vom Klimawandel bedroht ist. In einem Vorstadthaus wächst die zehnjährige Iris mit ihrem kleinen Bruder unter der Obhut der Roboterpflegekraft Mikki auf. Ihre Eltern arbeiten die meiste Zeit und kommen nur selten übers Wochenende nach Hause. Die ständigen Extremwetterereignisse werden von Schutzbarrieren abgehalten, was uns absurde Bilder des zukünftigen Alltags zeigt. Während außerhalb der Kuppel Regenmassen die Natur verwüsten, laufen drinnen die Rasensprenger, Menschen spielen Golf oder sonnen sich im Garten. In dieser Welt kracht Arco als Regenbogen vom Himmel hinab und wird im Wald von Iris gefunden. Als kurz darauf drei skurril gekleidete Männer auftauchen und sich nach einem Jungen erkundigen, schickt Iris sie instinktiv auf die falsche Fährte. Kurzerhand versteckt sie Arco in ihrem eigenen Zuhause und versucht, ihm zu helfen, zurück in seine Zeit zu kommen. Um das zu schaffen, muss sie sich aber gegen ihre Eltern und ihren Pflegeroboter stellen. Dabei erzählt der Film eine herzerwärmende Geschichte über Freundschaft, Liebe und Aufopferung, aber nie so, wie man es erwartet.
Die Animation, Musik und auch die generelle Tonalität sind stark inspiriert von den Studio Ghibli Filmen. Auch wenn die minimalistischen Gesichtsanimationen zuerst eine gewisse Eingewöhnungsphase erfordern, zieht einen die lebensfrohe Welt mit ihren satten Farben und wundervoll detaillierten Hintergründen schnell in ihren Bann. Die Musik – auch hier sind die Klänge aus Prinzessin Mononoke mit Flötensolo über einer sinfonischen Begleitung klares Vorbild – erschaffen gemeinsam mit der Animation ein harmonisches Gesamtbild. Tonal verortet sich der Film trotz seiner jungen Protagonist*innen eher im erwachseneren Animationskino. Mit einer FSK 6 ist der Film allerdings zweifelsfrei auch für Kinder geeignet. Arco verdient sich durch diesen Spagat das Qualitätssiegel eines gut gelungenen Familienfilms. Eine Auszeichnung, die für eine klug geschriebene Geschichte mit universellen Themen spricht, die in einer solchen Vielschichtigkeit behandelt werden, dass mehrere Generationen ein und denselben Film völlig unterschiedlich verstehen und genießen können. Dabei bleibt Arco erfrischend konsequent in seiner Handlung, beschönigt nicht die Fehler, die seine Charaktere machen und lässt uns mit einem ambivalenten Ende zurück.
Nun kann man sich die Frage stellen, wie man einen Film behandeln soll, der in seiner Machart so offensichtliche Parallelen zu anderen Filmen aufweist. Ist das noch Inspiration oder ist das schon dreist? Klar sind vor allem visuell und musikalisch starke Einflüsse zu vermerken, Arco erzählt allerdings etwas ganz Eigenes, liefert eine originelle, wenn auch nicht bahnbrechende, Geschichte und bleibt dabei klar ungeschöntes, ehrliches französisches Kino. Das Ergebnis ist ein gut gelungener Film, denn wenn man sich schon inspirieren lässt, dann wenigstens von den Besten, die es im Bereich Animation gibt. Ein Film, der trotz Einflüssen eine eigene Vision hat und eine eigene Geschichte erzählt, sieht man weitaus lieber als die Realverfilmung von Drachenzähmen leicht gemacht, das nächste Remake von Vaiana oder der neunte Jurassic World Film. Arco ist keine billige Kopie, sondern, ganz im Gegenteil, wärmstens zu empfehlen.
Foto: © Remembers – MountainA







