Was ist Zuhause für uns? Kann es ein Ort sein, oder ist es nicht vielmehr ein Gefühl? Auch wenn diese Fragen in Joachim Triers neuesten Film Sentimental Value nur marginal behandelt werden, bietet ihre Komplexität doch ein perfektes Beispiel für die schweren Themen, die sich durch Triers Schaffen ziehen. Es sind eben jene, die seine Filme zugleich greifbar nah und unbegreiflich gut machen.
Typisch für Joachim Trier beginnt der Film mit dem Monolog einer Erzählerin aus dem Off. Die junge Nora schreibt in einem Schulaufsatz eine Geschichte über das Leben in ihrem Elternhaus. Sie stellt sich das Haus als denkendes Wesen vor, das sie selbst, ihre kleine Schwester Agnes und ihre sich ständig streitenden Eltern in sich beobachtet. Wir sehen, wie sie versucht, ihre Schwester zu trösten, aber auch, wie sie sich selbst in einsamen Momenten der Trauer hingibt. Jahrzehnte später, als ihre Mutter stirbt, sind die Geschwister mittlerweile erwachsen. Nora spielt am Theater, ihr einsames Leben scheint sie zu überfordern. Ganz im Gegensatz zu ihrer jüngeren Schwester, die mittlerweile eine kleine Familie hat, fühlt sich Nora weiterhin orientierungslos. Als ihr Vater Gustav nach jahrelanger Funkstille auf der Beerdigung auftaucht, reißt das alte Wunden auf. Er ist ein alternder Regisseur, der sich nach einer Pause mit einem neuen Drehbuch an Nora wendet. Er hat die Hauptrolle für sie geschrieben, doch sie lehnt ab. Der Schmerz, den sein Verschwinden zurückgelassen hat, ist noch nicht vergessen. Zufällig lernt er daraufhin Rachel Kemp kennen, eine amerikanische Starschauspielerin, die sich nach einem anspruchsvollen Film sehnt und als neue Hauptdarstellerin einspringt. Das Haus, in dem die Familie damals gelebt hat, dient als Drehort, und so kreuzen sich ihre Wege immer wieder.
Das Trauma einer schweren Kindheit, die Sorgen und Wünsche des Alltags, die Suche nach einem Zuhause und die Rolle der Familie in den Wirren des Lebens, all dies vermischt Trier und verbindet es einerseits mit einer sanften Kritik an der modernen Produktionslandschaft und andererseits mit einer Liebeserklärung an das Filmemachen. Der Film setzt sich damit auseinander, welchen Einfluss die Vergangenheit auf uns hat, wie sich alte Wunden heilen lassen und welche Rolle die Kunst dabei spielen kann.
Ob nun die Suche nach sich selbst in The Worst Person in the World, die Anpassung an eine neue Gesellschaft in Thelma oder die Beziehung eines Vaters zu seinen Töchtern in Sentimental Value, Joachim Trier schafft es in jedem seiner Filme Zwischenmenschliches ungeschönt und in all seinen Facetten darzustellen. Befreit von Klischees schreiben er und sein Co-Autor Eskil Vogt Charaktere, die sonst niemand so zeichnen kann. Seine Figuren sind komplett am Boden, ganz oben, verloren, gefunden und alles dazwischen. Sie sind manchmal wirr und dann auch wieder ganz klar, sie sind komplex und doch so normal. Sie sind so menschlich wie wir alle, das macht sie nahbar und bietet starke emotionale Momente, die uns als Publikum berühren.
Für seine Filme muss Trier sich auf seinen Cast verlassen. Die meisten seiner Themen kann man nicht in Dialoge fassen, sie werden erst durch das Schauspiel transportiert. Es geht um die kleinen Details, Gefühle, zu komplex für Worte und so lässt die Kamera die Augen der Darsteller*innen sprechen. Renate Reinsve (Nora), erhielt schon für Triers The Worst Person in the World in Cannes den Preis für die beste Darstellerin. Auch in Sentimental Value gibt sie eine atemberaubende Performance zum Besten, die zusammen mit Stellan Skarsgårds (Gustav) und Inga Ibsdotter Lilleaas (Agnes) Darbietung zu den besten des Jahres gehört. Auch Elle Fanning schafft es, in ihrer Nebenrolle als Rachel Kemp großen Eindruck zu hinterlassen. Ohne diese unglaublichen Leistungen wäre der Film nicht realisierbar gewesen und sie zeigen wieder einmal auf, dass Joachim Trier ein gutes Gefühl für den Einsatz seiner Schauspieler*innen hat. Sein Kameramann Kasper Tuxen fängt nicht nur das Haus, das eine zentrale Rolle im Film einnimmt, fast wie einen eigenen Charakter ein, sondern weiß auch genau, wie er die Leistungen der Darsteller*innen perfekt einfangen und zur Geltung bringen kann. All das kumuliert in einem krönenden Long-Take.
Mit diesem grandiosen Werk zementiert sich Joachim Trier final als einer der interessantesten und besten aktiven Regisseure. Sein gestochen scharfes Drehbuch in Kombination mit den unfassbaren Schauspielleistungen ermöglicht es Trier, in Themengebiete vorzudringen, in die sich sonst keiner traut und machen Sentimental Value zu einem der besten Filme des Jahres.
Der Film ist seit dem 04.12.2025 in den deutschen Kinos zu sehen.
Foto: PLAION PICTURES







