Als Neta ihren Eltern erzählt, dass sie heiraten wird, fragt ihr Vater sie, ob ein Fisch und ein Vogel, die sich lieben, zusammen im Wasser oder in der Luft leben werden. Neta ist israelische Jüdin – ihr Partner palästinensischer Moslem. Die vermeintlich unüberwindbare Grenze des Wassers und der Luft hielt das junge Paar dennoch nicht davon ab, zu heiraten und drei Töchter großzuziehen. Journalistin Phoebe Cottam begleitet die älteste Tochter bei ihrem Umzug von Palästina nach Berlin.
„Soldaten haben das Zentrum meiner Stadt gestürmt. Danach sind wir in ein Café gegangen und haben Eis gegessen.” Dies antwortete Nawal auf die Frage aus dem Publikum, ob es ihrer Familie gut gehe. „Nein und Ja. Nein, weil sie immer noch unter Besatzung leben müssen. Ja, weil sie ihren Alltag trotz dessen so lebenswert wie möglich gestalten.” Bei solchen Aussagen muss man erstmal schlucken. „When you were young, were you afraid of the moon?” ist die Geschichte einer jungen palästinensischen Frau namens Nawal und ihrer Mutter Neta, einer israelischen Friedensaktivistin. Von 2018 bis 2024 begleitete die britische Filmproduzentin Phoebe Cottham die Familie und dokumentierte Nawals Umzug aus dem Westjordanland nach Berlin. Dabei springen die Szenen zwischen ihrer Vergangenheit in Palästina und ihrer Gegenwart in Deutschland hin und her. Im Februar 2025 prämierte die 20-minütige Dokumentation und gewann kurz darauf den International Critics Prize bei dem Drama International Short Film Festival in Griechenland. Am 15. Dezember dieses Jahres lud Nawal Freunde und Interessierte in das Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu einer erneuten Filmvorstellung und anschließenden Diskussion ein.
In der Eingangsszene ertönt der Adhān, der muslimische Gebetsruf, über den Dächern der Stadt Nablus im Westjordanland. Eine 15-jährige Nawal spricht ein Gebet, bevor sie mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern Shaden und Salma das Abendbrot beginnt. Dann wechselt die Szene nach Berlin ins Jahr 2024. Nawal ist mittlerweile 21 und lebt seit drei Jahren in der deutschen Hauptstadt. Im Hintergrund hört man die Turbinen eines Flugzeugs. „Es fühlt sich komisch an, hier in Deutschland Flugzeuge zu hören. In Palästina wäre das eine Drohne”, erklärt Nawal nachdenklich zur Kamera schauend. Der nächste Cut– 2019, Tel-Aviv. Nawals Mutter Neta erklärt Phoebe, warum sie ihre drei Kinder trotz ihrer israelisch-jüdischen Wurzeln vollkommen palästinensisch erzieht, also weder hebräisch mit ihnen spricht noch eine israelische Staatsbürgerschaft für sie beantragt. Ihre Mädchen sollten sich nicht schuldig fühlen, von dem Leid anderer Menschen zu profitieren. Sie selbst werde immer Israeli sein, ob es ihr gefällt oder nicht. Ihre Kinder jedoch sind zu einhundert Prozent palästinensisich. Aus dem Fenster blickend sagt sie, dass die drei das Leben ganz anders erleben als sie selbst. Ebenfalls aus einem Busfenster hinausschauend, erzählt Nawal 2024 in Berlin, was das konkret bedeutet. Im Gegensatz zu den israelischen Autobahnen dauere das Befahren der palästinensischen Straßen sehr viel länger, erklärt sie Phoebe.Wider Mehrere Militär-Checkpoints mit IDF-Soldaten, die ihre Waffen richten, stören das Durchfahren der anwohnenden Palästinenser*innen. 2021 in Deutschland angekommen, war sie völlig überrascht, dass dies hier keine Normalität ist. Solche Worte machen einen nachdenklich und wirken nach. Für den Großteil der Welt ist ein Leben, wie wir es in Deutschland führen, ein bloßer Traum.
Doch auch, wenn Panzer und Militär ihr hier keine Sorgen mehr bereiten, tut es nun die deutsche Polizei. Während ihre Mutter Neta Straßenproteste in Israel organisiert, setzt die junge Palästinenserin dieses Vermächtnis in Berlin fort. Phoebe begleitet Nawal und ihre Schwester Shaden, die ihr 2023 nach Berlin folgte, bei einer Demonstration. Gemeinsam laufen beide Arm in Arm die Straße entlang. Als eine Freundin die beiden warnt, dass sie keine „Aussagen gegen Israel” treffen sollen, weil ein*e Demonstrant*in aufgrund dessen verhaftet wurde, muss Nawal laut lachen. Der gesamte Zuschauersaal lacht daraufhin mit. Mir ist aufgefallen, dass Nawal allgemein sehr oft lacht und andere mit ihrem Lachen schnell ansteckt. Bei einem aufgenommenen Treffen im Park erzählt Nawal Freunden, dass sie bei einer pro-palästinensischen Demonstration von vier Polizisten zu Boden geschmissen wurde, wobei einer der Polizisten mit seinem Knie auf ihrem Bein saß. „Ich hatte Angst, es zu bewegen, weil er es hätte brechen können”, sagt sie. Doch aufzugeben und sich aus Allem rauszuhalten ist keine Option für die 22-jährige. „Es ist nicht so, dass ich es liebe, politisch zu sein. All das ist ein so großer Teil meines Lebens. Ich kann diesen Teil nicht einfach ignorieren”, erklärt sie. Als sie vom Publikum gefragt wird, warum ihre Wahl für ihren Studienort gerade auf Berlin fiel, muss sie lachen. Sie wüsste nicht wirklich warum, schließlich gehe die Polizei gerade hier sehr hart gegen pro-palästinensischen Aktivismus vor. Dass sie eines Tages im Ausland studieren würde, wusste sie bereits als kleines Mädchen. Zum einen wegen der Besatzung, zum anderen, weil sie sich in ihrer konservativen, kleinen Heimatstadt nicht richtig ausleben kann. 2020 bekam sie ihren deutschen Pass, da ihre Mutter auch einen besitzt. Diese hat ihren wiederum, weil ihre Urgroßeltern deutsche Juden waren. Nach Deutschland auszuwandern war für Nawal dementsprechend die praktischste Entscheidung. Während der Auswertung des Filmes zusammen mit den Zuschauern wird direkt ersichtlich, welche Rolle Nawals Mutter für ihren Aktivismus spielt: „Meine Liebe für Palästina und für den Widerstand habe ich definitiv von meiner Mama. Sie ist meine Inspiration.”
„When you were young, were you afraid of the moon?” ist nicht nur eine Geschichte von Widerstand und Resilienz, sondern auch von Mutterschaft und Tochter sein. In der Kürze von 20 Minuten erweckt dieser Dokumentarfilm eine Weite von Emotionen – Bedrücktheit, Bewunderung und Fassungslosigkeit, begleitet von dem einen oder anderen Schmunzeln. Nicht mit außergewöhnlichen Bildern oder dramatischer Musik zieht Phoebe Cottam einen in den Bann, sondern mit Simplizität und Stille. Nawal, Shaden und Neta erinnern uns an etwas Wichtiges – hinter komplizierten politischen Debatten befinden sich stets Mütter und Töchter.
„When you were young, were you afraid of the moon?” wird zum jetzigen Zeitpunkt ausschließlich auf Film-Festivals vorgestellt.
Foto: Phoebe Cottam







