Mona Fastvolds historisches Drama erzählt die „wahre Legende” von Ann Lee, der Gründerin der christlichen Shaker-Sekte. Zwischen kraftvollen Ritualen, Gesang und ganz viel Trauer und Leid gibt es dann aber doch dieses eine große Problem.
The Testament of Ann Lee erzählt die Geschichte der Protagonistin bewusst wie eine Legende aus der Perspektive einer ihrer Anhänger*innen. Im Manchester des 18. Jahrhunderts wächst Ann Lee (Amanda Seyfried) in ärmlichen Verhältnissen auf. Als Analphabetin und ohne richtige Bildung genossen zu haben, schließt sie sich dem Quäkertum an. Einer religiösen Gemeinschaft, die für ihre ekstatischen Tanz- und Gesangsrituale bekannt sind. Dort lernt sie unter den Gleichgesinnten nicht nur ihren Ehemann Abraham (Christopher Abbott) kennen, sondern beginnt auch eigene Predigten zu halten. Nachdem ihre ersten vier Kinder alle während oder kurz nach der Geburt sterben, wird sie von Trauer zerfressen, was ihren Glauben nur noch verstärkt. Sie predigt nun entschlossener, aber vor allem kontroverser. Ihre Weltanschauung reicht von der Gleichstellung von Mann und Frau bis hin zur sexuellen Enthaltung ihrer Gefolgschaft. Dies führt natürlich zu vielen Problemen, denn Kirche und Gesellschaft sind empört. Mit einer kleinen Gruppe ihrer engsten Vertrauten wagt Ann daraufhin die Überfahrt nach Amerika und baut dort eine Gemeinde der von ihr geleiteten Shaker-Gemeinschaft auf. Dort überzeugt sie fortan als Mother Ann Menschen von ihrer Lebensweise.
Geballtes Potenzial
In der Inszenierung eines Historienfilms bewegt man sich immer zwischen Glaubhaftigkeit und Stil. Auf der einen Seite möchte man sein Publikum möglichst akkurat in eine vergangene Zeit entführen, auf der anderen sollte man auch einen eigenen kreativen Zugang finden. Mona Fastvolds Können zeigt sich vor allem darin, dass sie diese Gratwanderung meistert. Ihr Film fühlt sich gleichzeitig immer ganz nah an der historischen Vorlage, aber auch stilvoll und vor allem kompetent inszeniert an. Man meint fast den modrigen Geruch eines dunklen tropfenden Kellers durch die Leinwand hindurchzuspüren n. Alles im Bild hat ein Gewicht, ist wirklich da, nicht artifiziell, nicht Teil eines Films. Große Unterstützung findet sich hier natürlich nicht nur bei Kameramann William Rexer, sondern auch beim Set und Kostümdesign, das durch immersive Requisiten für die geeignete Leinwand sorgt, auf der die Inszenierung ihr Gemälde malt. Hinter der Kamera wurde hier eine beachtliche Menge an Können versammelt und das zahlt sich aus.
Dass Amanda Seyfried gut singen kann, weiß man spätestens seit Mamma Mia!. Bis auf ihre oscarnominierte Nebenrolle in Finchers Mank galt sie allerdings bisher nicht als hochkarätige Schauspielerin. Auch wenn The Testament of Ann Lee dann doch nicht die vom Trailer versprochene Megaperformance ist, ist nicht zu bestreiten, dass sie eine durchweg gute Leistung zum Besten gibt. Natürlich darf sie auch viel leiden, viel schreien und viel beten, von Subtilität kann man also nicht sprechen. Doch sie trägt einen Großteil dazu bei, dass die Geschichte nicht in Misery Porn abrutscht. Neben ihr sticht Lewis Pullman heraus, der als Anns Bruder William Lee eine zugleich kraftvolle und auch herzliche Figur auf den Punkt trifft. Zudem bilden die beiden das on screen Bindeglied zwischen historischem Drama und Musical.
Mother Ann! Here We Go Again
Es dürfte wohl für Überraschung sorgen, dass zwischen all dem auch noch ein Musical Platz findet. Allerdings sollte man sich hierbei kein klassisches Musical vorstellen, sondern vielmehr, ähnlich wie im Trailer zu hören, mit der Szene verwebte Ritualgesänge. Nur in zwei Fällen bricht die Musik aus der Immersion heraus und wandelt sich kurz zur eigenen Gesangsnummer. Diese beiden Szenen speziell funktionieren dadurch auch nicht wirklich. Der Kontrast zu den restlichen weitaus besser integrierten Musikpassagen dürfte dafür wohl der Hauptgrund sein.
Komponist Daniel Blumberg schafft mit Neuinterpretationen von überlieferten Shakergesängen eine weitere wichtige Brücke zwischen Glaubhaftigkeit und Stil – immerhin beinhaltet der Film über 100 Minuten Musik. Das durchgetaktete Chaos ist nicht nur musikalisch, sondern auch choreographisch omnipräsent. Zahllose wild umherspringende Figuren bevölkern die Leinwand und doch wirkt alles durchdacht und vor allem – es sieht gut aus. Entgegen den Klischees wird also nicht die Handlung unterbrochen, um zu singen, sondern Geschichte und Musik sind untrennbar miteinander verbunden. Da macht es nicht einmal viel aus, dass klanglich wenig Variation herrscht. Wer normalerweise keine Musicals mag, sollte sich in diesem Fall nicht abschrecken lassen.
Das große Problem
In vielen Aspekten schafft The Testament of Ann Lee es durchaus zu überzeugen, wäre da nicht das Drehbuch. Nachdem das Autorenteam aus Mona Fastvold und Brady Corbet letztes Jahr schon das fürchterliche Drehbuch zu The Brutalist verbrochen hat, folgt nun der zweite Film, den sie kaputt schreiben. Zwar sitzt dieses Mal die Talentierte von beiden auf dem Regiestuhl, doch was im Drehbuch schon schief geht, kann danach nicht mehr gerettet werden. Die Beiden haben sich dazu entschieden, Anns Geschichte von einer Figur aus dem Off erzählen zu lassen. Wie schon in ihrem letzten Werk wird also fast jegliche Charakterentwicklung nur erzählt. Was in The Brutalist noch faul vorgelesene Briefe waren, ist hier eine als stilistisches Mittel verpackte Drehbuchschwäche. Am laufenden Band werden uns die nächsten Handlungspunkte vorgelesen und das bevor oder während wir sie zu sehen bekommen. Und falls das noch nicht reicht, wurden die Dialoge auch noch auf Netflixniveau heruntergeschrieben, so dass jeder Charakter uns zusätzlich dann noch einmal in der Szene erzählt, wie er sich gerade fühlt. Die goldene Regel „Show, don’t tell” wurde umgedeutet zu „Tell, then Show, then tell again”. Das Traurige daran ist, dass in den meisten Fällen die Bilder völlig gereicht hätten. Man traut seinem Publikum deutlich zu wenig zu.
Auch abgesehen von den handwerklichen Aspekten weist die Geschichte Mängel auf. Die Trauer und der Glaube ihrer Hauptfigur überträgt sich schlecht auf das Publikum, dadurch fühlt sich vor allem das Finale enttäuschend flach an. Die Entscheidung, die Geschichte aus der teilweise leicht übersinnlichen Perspektive der Überlieferungen zu erzählen, ist durchaus berechtigt. Leider ist diese nicht interessant genug für eine Lauflänge, die auf weit über zwei Stunden zugeht. Ein leichter Kommentar auf eines der vielen potentiellen politischen oder ethischen Themen, die der Film hergibt, wäre hier eventuell die bessere Wahl gewesen. Stattdessen beschränkt er sich darauf, mit erhobenem Zeigefinger sämtliche Probleme zu beschreien. Nichts verdeutlicht das besser als eine Szene, in der Mother Ann und ihre Anhänger*innen in Amerika an einem Sklavenmarkt im Vorbeigehen „Schämt euch!” rufen. Getan wird dagegen natürlich nichts – es reicht ja aus, wenn man selbst nichts Schlechtes tut. Diese völlig oberflächlichen Mahnungen mögen zwar aus den Lehren der Shaker hervorgehen, das sollte aber keine Ausrede dafür sein, in einem rückgratlosen Film völlig klare politische Debatten wiederzukäuen. Auch der Umstand, dass sich die gesamte Handlung um eine Sekte dreht, wird in keiner Minute behandelt. Immerhin wird die sexuelle Enthaltung wohl nicht unschuldig daran sein, dass sich die Mitgliederzahl der Shaker im Jahre 2025 laut Filmabspann auf stolze zwei Personen reduziert hat. Ist die Vision von Mother Ann denn wirklich tragbar? Welche Nachteile bringt ein Leben unter den Shakern mit sich? Alles Fragen, die umgangen werden.
The Testament of Ann Lee ist zu substanzlos, um aus den vielversprechenden Rahmenbedingungen ein befriedigendes Gesamtkonstrukt zu schaffen. Trotzdem hat der Film auch über zwei Stunden Unterhaltung hinaus etwas zu bieten, denn auch wenn es starke inhaltliche Mängel gibt, so kann man doch wenigsten einen handwerklich grandiosen Film bestaunen.
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