Ohne eine einzige EP sammeln vier Berliner Jungs hunderttausende Hörer*innen auf Spotify und spielen demnächst im Lido. Ein Gespräch über ihre neue Single „Taugenichts“, Vergleiche mit Provinz und Platzverweise vom Ordnungsamt.
Das Schulgebäude Haus F: Dort in den Musikräumen entsteht die Idee, gemeinsam Musik zu machen. Yannick (Schlagzeug) sowie die Brüder Leo (Klavier, Saxophon) und Alex (Bass) spielen schon seit Jahren zusammen in einer Indie-Pop-Band mit Brass-Einflüssen. Per, damals noch Solo unterwegs, vervollständigt das Line-up mit seinem Gesang.
Gemeinsam stehen sie nun am Anfang ihrer Karriere und schreiben Songs zwischen Pop-, Rock- und Jazz-Einflüssen. Einen ersten Vorgeschmack auf ihre Bandidentität liefert im Mai die Debüt-EP „Sternstunde“. Produziert von Dennis Borger (u. a. Betterov, Fibel), erscheint sie bei Epic Local (u. a. Zartmann, Ivo Martin).
Wir treffen Per, Yannick und Alex in den Räumen von Sony Music. Leo ist aus dem Urlaub per Video zugeschaltet.
UnAuf: Ihr habt mit zwei veröffentlichten Songs schon 100.000 monatliche Hörer*innen auf Spotify und eure Show im Mai musstet ihr bereits hochverlegen. Habt ihr das kommen sehen?
Leo: Das mit den Hörern habe ich wirklich nicht kommen gesehen. Ich habe das schon zu Alex gesagt, 100.000 ist für mich so eine Riesenzahl, die muss man erst mal greifen.
Per: Wir haben ja schon knapp zwei Jahre auf diesen Moment hingearbeitet und hatten durch unsere verhältnismäßig große Social-Media-Reichweite den Gedanken, dass es schon relativ schnell passieren könnte. Wir haben die Badehaus-Show auch schon mit einer Hochverlegeroption gebucht. Aber trotzdem kann man das nicht richtig verarbeiten, weil man nur mit einer digitalen Zahl zu tun hat.
Leo: Bis jetzt.
Per: Bis jetzt. Gut, bis wir die erste Show mit 100.000 Menschen füllen, das dauert natürlich noch ein paar Jahre. (lacht)
UnAuf: In euren YouTube-Vlogs bekommt man Einblicke in euren Bandalltag. Was sieht man dort nicht?
Per: Oh, ganz viel Rumgekeife. Ganz viel Rumgestreite.
Leo: (lacht) Nein, nein, nein.
Per: Ich glaube, mehr als die Leute denken. Aber ich bin auch der Meinung, dass gerade wenn so viel Leidenschaft dabei ist, das ein gutes Zeichen ist, wenn man sich regelmäßig über bestimmte Kleinigkeiten aufregt.
Leo: Es ist weniger Streit, sondern eher ein sehr hitziges Debattieren. In super vielen Fällen kommen wir da entweder auf den gleichen Nenner oder auf jeden Fall zu den bestmöglichen Ergebnissen. Und das ist, finde ich, auch das, was bei einem Streit irgendwie das Wichtigste sein sollte: Meinungen auszutauschen und aufeinander zuzukommen.
UnAuf: Was können die Leute von eurer EP und eurer Show erwarten?
Yannick: Sehr viel Emotion.
Per: Ich glaube – und ich liebe das Wort für uns – sie können eine sehr intensive EP erwarten. Wir haben da sechs Songs drauf, an denen wir uns monatelang mit jeder Kleinigkeit beschäftigt haben. 25 Minuten Musik, und jede Sekunde wirkt, als hat sie einen Grund.
Leo: Und auch Vielfalt. Es war uns wichtig, direkt bei der ersten EP zu zeigen, dass wir ein großes Spektrum haben. Wir wollen unseren Hörern die Möglichkeit geben zu verstehen: Das ist Haus F. Das macht uns natürlich auch viel Freiraum für die nächsten EPs, Alben und Shows.
UnAuf: Habt ihr Angst, dass ihr die Erwartungen der Besucher*innen nicht erfüllen könnt?
Yannick: Nö. Ich bin sehr überzeugt von unserer Musik und es gibt auf jeden Fall für jeden was auf dem Konzert.
Leo: Wir haben eher aufgeregt Bock.
Per: Gerade weil wir auch aus einer Live-Schiene kommen, wäre der Gedanke eher, ob die Studioversion mithalten kann mit dem, was wir live machen. Und da bin ich auch zuversichtlich.
UnAuf: Am Bierpinsel, auf Parkhäusern, in Wohnzimmern – Ihr habt schon an ziemlich ungewöhnlichen Orten gespielt. Wie war das mit der Straßenmusik?
Leo: Straßenmusik ist unglaublich ehrlich. Du stellst dich auf die Straße, performst deine Songs und hast keine Fans, die dann jubeln, sondern Passanten, die entweder vorbeigehen, stehen bleiben und applaudieren oder das Ordnungsamt rufen. Aber man kriegt dann direkt dieses Feedback und muss da irgendwie mit umgehen. Dadurch haben wir auch super schnell gesehen, was für Songs live funktionieren, wann die Leute tanzen und sie vielleicht auch ein bisschen emotional werden.
Per: Die größte Schule der Straßenmukke ist, dass du dauerhaft damit konfrontiert bist, dass du Leute beschallst, die überhaupt keine Lust darauf haben. In dem Moment lernst du, ich höre jetzt nicht auf, bin traurig und eingeschnappt, sondern ich mache es für mich und nehme die Leute mit, denen das gefällt.
UnAuf: Und dann kommt das Ordnungsamt?
Leo: Wir haben einmal im Mauerpark gespielt, im Rondell, in dem man wirklich spielen darf. Das war am 1. Mai, also Feiertag, da waren so viele Leute. Wir haben das ganze Setup hingeschleppt, alle hatten die geilste Zeit. Dann reicht aber ein Anwohner, dem irgendwas zu laut ist, und die Polizei kommt.
Per: Und wie! Die sind mit zwei Mannschaftswagen angerückt.
UnAuf: In eurem neuen Song „Taugenichts“ erzählt ihr von einer Beziehung, in der ein Mädchen die Zuneigung eines Jungen eher mit Abwertung beantwortet. Wie ist der Track entstanden?
Per: In der Frage hört sich das jetzt sehr ernst und beabsichtigt an, aber die Situation an sich ist ja super komödiantisch. Die beiden kennen sich überhaupt nicht, und sie merkt innerlich, ich finde ihn irgendwie auch gut, aber möchte sich das nicht wirklich eingestehen – und hat dann diese freche Art, Sachen zu sagen. Die Lyrics machen eine lockere Atmosphäre, sind aber auch ein bisschen provokant. Das ist natürlich Absicht. Das Wort „Taugenichts“ war mein Startpunkt für diesen Song. Die größte musikalische Inspiration war auf jeden Fall The 1975, vielleicht auch ein bisschen Bleachers. Wenn man uns kennt und weiß, was wir privat hören, hört man es auch raus.
UnAuf: Im Song gibt es auch die Line: „Ich dachte nicht, dass du straight bist.“ Da stecken eine Menge an gesellschaftlichen Erwartungen an Sexualität und Männlichkeit drin. Wie bewusst setzt ihr solche Themen?
Leo: Das Thema kam auch auf Social Media öfter auf. Bei einem, zwei viralen Videos kamen Kommentare wie „null Testosteron“ oder „linke Ratten“.
Yannick: Oder auch: „Der Sänger sieht total gay aus.“
UnAuf: Junge Männer werden konservativer und viele deutsche Bands positionieren sich heutzutage politisch. Fühlt ihr euch auch in der Pflicht, Haltung zu zeigen?
Per: Die Kommentare kommen ja nicht von irgendwo. Ohne, dass wir jemals ein Statement-Video gepostet haben oder einen politischen Song gemacht haben, checkt man total, dass wir gegen Diskriminierung sind. Ich finde aber: Es geht nicht darum, politische Musik zu machen – es geht darum, ein politischer Mensch zu sein. Als Person im öffentlichen Leben zu so einer Zeit hat man eine Verantwortung, sich zu positionieren.
Leo: Man hat die Verantwortung, seine Reichweite zu nutzen, um die richtige Message zu verbreiten. Wir hatten früher mal Songs geschrieben zu der Zeit, als die AfD erstmals krass gewählt wurde, weil es für uns gepasst hat. Für sowas sind wir offen. Aber wir würden keine Welle ausnutzen, um viral zu gehen. Überhaupt nicht.
UnAuf: Auf einem Instagram-Kommentar, ihr seid „Provinz in jung“, habt ihr geantwortet: „haus f in normal“.
Per: Wer war das? (schaut zu Yannick)
Yannick: Ich nicht. (lacht)
UnAuf: Wie fühlt es sich an, mit Provinz, Rosmarin und Co. verglichen zu werden?
Leo: Am Anfang war es ein Mini-Fluch, weil man sich erst einen Namen machen musste. Man will ja nicht nur die kleinen Brüder von Provinz sein. Klar, wir machen ähnliche Musik, wir sind vier Jungs aus Deutschland – ich check den Vergleich komplett. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo du keine Coverband mehr bist, sondern deine eigenen Songs machen willst. Ich glaube, wir haben diesen Switch ganz gut hinbekommen. Aber natürlich gibt mir das auch Bestätigung, wenn man sagt, „Provinz in jung“ – Das sind meine Idole, ich liebe die Jungs.
Per: Ich würde niemals abstreiten, dass wir uns von anderen Bands inspirieren lassen haben. Nicht nur in der Musik, auch in der Art und Weise, wie wir uns bewegen, auf der Bühne. Natürlich gibt es in diesem Genre halt Leute, die das Ding bis jetzt getragen haben. Provinz, Zartmann, auch Jeremias. Dass Artists, die danach kommen, eine Kombination aus dem sind, was das Genre ausmacht, kann man nicht verhindern. Man sollte es wertschätzen, dass man eine Inspiration hat.
UnAuf: Letzte Frage: Was war euer Lieblingsmoment als Band auf dem Weg bisher?
Yannick: Wir haben uns für einen Support-Termin bei Max Giesinger beworben. Monatelang kam keine Antwort – nicht mal eine Absage. Und dann, nach etwa drei Monaten, kam ein langer Text: Ihr seid Support in Frankfurt. Auf dieser großen Bühne zu stehen, vor so einer Menschenmasse – wir hatten einen Mitsing-Part, 1.500 Leute kannten den Song nicht, haben aber trotzdem mitgesungen. Ich war die ganze Zeit kurz davor, am Drumset zu weinen. Direkt danach musste ich zu meinem Minijob, meine Mutter hat mich vorm Eingang rausgeschmissen. Gerade noch pünktlich. Ich stand da und dachte nur: Was ist gerade passiert? Es war ein krasser Meilenstein.
Bild: Sony Music







