Park Chan-wook verwandelt die Krise der Arbeitswelt und das brüchige Ego seines Helden in eine zunächst leichtfüßig wirkende, schwarze Komödie, die zunehmend ins Verstörende kippt.
Krisen der Arbeitswelt, Krisen der Männlichkeit und tiefe Verzweiflung. Das Ganze gekonnt in eine Komödie zu verpacken, ist ein Kunststück, das nur wenigen gelingt. Der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook hat es trotzdem versucht und sich dabei einige kluge Ansätze überlegt.
Im Zentrum der Handlung steht You Man-soo (Lee Byung-hun), der Manager einer Papierfabrik, der mit seiner Familie in einem großen Haus mit Garten lebt. Sein Leben könnte zu Beginn des Films nicht schöner sein. Wir sehen, wie Man-soo einen Aal grillt, während er liebevoll mit seiner Frau Miri (Son Ye-jin) scherzt und zwei Hunde durch den Garten toben. Am Esstisch sitzt bereits sein Stiefsohn Si-one, später gesellt sich auch die schüchterne, musikalisch hochbegabte Tochter Rie-one dazu. Man-soo fordert alle zu einer Gruppenumarmung auf und stellt zufrieden fest, dass er aktuell alles hat, was er braucht.
Dieses perfekte Leben wird jedoch kurz darauf erschüttert. Der Aal, den der Protagonist als Belohnung für seine harte Arbeit hielt, entpuppt sich als Abschiedsgeschenk. Die neuen, amerikanischen Eigentümer der Papierfabrik bauen Stellen ab und auch Man-soo ist betroffen. Der Film macht schnell klar, dass Man-soos Schicksal kein Einzelfall, sondern Symptom einer systemischen Krise der Arbeitswelt ist. Zu sehen ist das beispielsweise in einem Coachingkurs für kürzlich Entlassene. Die Teilnehmer sollen dort verschiedene Mantras wiederholen, welche Möglichkeiten aufzeigen, einen neuen Beruf zu finden und die Familie nicht zu enttäuschen. Das Familienleben ist am unmittelbarsten durch Man-soos Arbeitslosigkeit belastet. Um zu sparen, gibt die Familie zuerst die Hunde weg, Miri hört auf, Tennis zu spielen, und auch der private Musikunterricht der Tochter steht auf der Kippe. Am härtesten trifft Man-soo jedoch die Gefahr, dass das Haus verkauft werden muss.
Vor diesem Hintergrund sucht Man-soo eine neue Anstellung als Papierexperte bei anderen Firmen. Dabei muss er schnell feststellen, dass es nur wenige offene Stellen in seiner Branche gibt, dafür aber umso mehr andere hochqualifizierte Suchende. Es entsteht ein ebenso radikaler wie verstörender Plan, der die Haupthandlung des restlichen Films bildet: Man-soo will die drei Mitbewerber umbringen, die er als besser qualifiziert einschätzt. Dann wäre er nicht mehr Nummer vier auf dem Bewerbungsstapel, sondern Nummer eins.
Sein waghalsiger Weg zu seinem Ziel ist ebenso düster wie komisch. Dass diese Mischung so gut funktioniert, liegt maßgeblich an der Verkörperung des Protagonisten durch Lee Byung-hun. Der südkoreanische Starschauspieler ist international vor allem als Bösewicht in der Serie „Squid Game” bekannt. Das Kalkulierte und Gewaltbereite dieser Figur findet sich auch in „No Other Choice” wieder, wird aber durch gelegentliche Tollpatschigkeit und Verzweiflung ergänzt, wodurch der Charakter verletzlicher und vielschichtiger wird. Mehrere Gags erinnern an den Slapstick aus klassischen Charlie-Chaplin-Filmen wie „Modern Times”. Die Ambitionen der Mordversuche des Papierexperten werden durch seine eigene Unerfahrenheit durchkreuzt. Da die Mordopfer jedoch in einer ähnlich verzweifelten Lage sind und im Laufe des Films ihre persönliche Geschichte erzählt wird, entsteht beim Zuschauen auch für sie eine starke Empathie. Die ursprüngliche Komik der Mission wird immer düsterer.
Als Nebenhandlung des Films stellt die Familie einen wichtigen thematischen Gegenpol dar. Man-soos Frau, Miri, geht nach der Entlassung sofort zum Pragmatismus über während ihr Mann noch paralysiert ist. Sie behält den finanziellen Überblick, hört sofort mit Tennis auf, zieht den Verkauf des Hauses in Erwägung und fängt eine Stelle als Zahnarztassistentin an, um die Familie finanziell zu unterstützen. Vergeblich versucht sie, Man-soo davon zu überzeugen, sich auch außerhalb der Papierbranche nach einem Job umzuschauen. Man-soos blindes Folgen des titelgebenden dystopischen Mottos „No Other Choice” um jeden Preis hängt mit Stolz und Identifikation zusammen. Ein anderer Berufsweg kommt für ihn gar nicht infrage, weil seine ganze Identität mit seinem spezifischen Beruf verwoben ist. Ebenso steht der Verkauf des Hauses in Konflikt mit seinem Stolz, ist dieses doch der materielle Beweis seines beruflichen Erfolgs. Miri ist der Gegenpol. Sie ist das „Es gibt auch eine andere Entscheidung”. Zusätzliche Spannung entsteht durch Miris attraktiven Vorgesetzten, den Man-soo als potenzielle Gefahr für die Beziehung wahrnimmt. Die daraus resultierenden Szenen zeigen die toxische Männlichkeit und das fragile Ego der Hauptfigur sehr deutlich.
Die Universalität der Thematiken wird gekonnt durch Wiederholungen gezeichnet. Phrasen, Handlungen und Bilder kommen immer wieder in verschiedenen Situationen vor. Es sind Motive, die die unterschiedlichen Abschnitte und Handlungsstränge des Films miteinander verbinden.
Regisseur Park ist auch ein Meister der Technik, was er bereits in vorherigen Filmen, etwa „Die Frau im Nebel” und „Die Taschendiebin”, unter Beweis gestellt hat und was in „No Other Choice” erneut bestätigt wird. Kamera und Ton leiten die Zuschauenden präzise durch den Film und tragen dazu bei, dass die Laufzeit von fast zweieinhalb Stunden nie langweilig wird. Besonders beeindruckend sind auch die Einsätze von Licht und Farbe, die in vielen Szenen für eindrucksvolle Bilder sorgen. Eine traumartige Sequenz gegen Ende des Films ist ein Meisterwerk dieser Bildkraft.
Das Zusammenspiel all dieser Elemente schafft ein großartiges Kinoerlebnis, das in der Filmografie von Park Chan-wook, im südkoreanischen Kino und in Unterhaltungsfilmen mit gesellschaftskritischen Thematiken ganz weit oben einzuordnen ist. Für die Oscars wird der Film in mehreren Kategorien hoch gehandelt. Mindestens eine Auszeichnung, etwa in den Kategorien bester Hauptdarsteller oder adaptiertes Drehbuch, hätte „No Other Choice” für das, was hier geleistet wurde, verdient.
„No Other Choice” kommt am 5. Februar 2026 in die deutschen Kinos.
Foto: Denise Jans | Unsplash







